Von Ordnung und Unordnung
Carlos Garaicoa in der Villa Stuck

25. Juni 2016 • Text von

„Der Künstler beschäftigt sich mit dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandel als Folge der Geschichte des 20.Jahrhunderts“, heißt es im einleitenden Text zur Ausstellung. Was bespricht er folglich? Alles. Wie? Auch das ist nicht gerade schnell erzählt. Die Arbeiten des Kubaners Carlos Garaicoa sind vielfältig, zum Teil humorvoll, zum Teil erschreckend ernst. In der Ausstellung „Unvollendete Ordnung“ beweist er sich als Karikaturist, Sammler, Architekt und Aktivist im steten Schwebezustand zwischen Dystopie und Utopie.

Carlos Garaicoa: Campus oder das Babel des Wissens , Installationsansicht  © CA2M, Móstoles

Carlos Garaicoa: Campus oder das Babel des Wissens , Installationsansicht © CA2M, Móstoles.

„Unvollendete Ordnung“ vereint diverse Blickwinkel auf einen gesellschaftlichen Jetzt-Zustand und beginnt mit einem Spiel. Garaicoa bedient sich in seiner Serie „Porno-empörte Keramiken“ (2012-14) eines typischen Ausschnitts aus dem spanischen Stadtbild. Ganz gleich ob Metropole oder Kleinstadt, finden sich dort Spuren aus vergangenen Zeiten, in denen Hauswände kunstvoll als Werbefläche genutzt wurden. Bemalte Kacheln im Stil der Art déco preisen Heilmittel aller Art, Tabak und andere Genüsse an – Native Advertising aus einer analogen Zeit. Der Künstler stellt diesen Originalen, die in der Ausstellung auf großen Fotowänden gezeigt werden, nun seine entlarvenden Kopien gegenüber. Das zugrunde liegende Original aus der Arbeit „Combatir (Bekämpfen)“ zeigt ein bürgerliches Paar, das eilig einen Sirup zu sich nimmt, der neben Bronchitis, Asthma und Erkältung auch beginnende Schwindsucht bekämpfen soll. In Garaicoas Kopie bedürfen die Protagonisten längst eines ganz anderen Wundermittels. Aufgeführt sind hier die Leiden einer globalisierten, hedonistischen Gesellschaft: vollkommene Trägheit, Unglaube, Untätigkeit, ökonomische Erkältung, politischer Husten und beginnender Trübsinn. Ist das Konsumkritik, Momentaufnahme eines urbanen Lifestyles oder amüsantes Wortspiel? Auch hier gilt: Es ist alles zugleich.

Carlos Garaicoa: Porno-empörte Keramiken, Installationsansicht  © CA2M, Móstoles

Carlos Garaicoa: Porno-empörte Keramiken, Installationsansicht © CA2M, Móstoles

Im zweiten Ausstellungsraum präsentiert Garaicoa „Die Kronjuwelen“, eine Arbeit von 2009. Im tiefschwarzen Raum hinter säulenartigen Glasvitrinen liegen acht silberne Schmuckstücke. Es sind die Miniaturen internationaler Gebäude, die sowohl in diktatorischen wie demokratischen Systemen die innere und äußere Sicherheit gewährleisten sollen. Es sind die Perlen eines globalen, transnationalen Überwachungsstaates. Unter ihnen findet sich das Nationalstadion in Santiago de Chile, das während des faschistischen Putsches als Konzentrationslager für politische Gefangene diente. Gleich daneben Kubas Innengeheimdienst und das Pentagon, das mit über 23.000 Angestellten das bis heute größte Bürogebäude der Welt ist. Guantanamo, der KGB, die Stasi. Garaicoas Installation lässt einen erstaunlich nah herantreten an ein abstraktes Sujet, das durch die architektonische Konkretisierung erst greifbar wird. In diesem Raum wird die herrschende Ordnung umgekehrt, denn plötzlich liegt ganz klein vor einem, was im echten Leben alles überragt. Der Betrachter schaut nun von oben, bekommt einen 360 Grad-Blick und muss dennoch feststellen, dass ihn nicht nur Vitrinenglas von einem echten Einblick in Raum und System trennt.

Carlos Garaicoa: Die Kronjuwelen, Installation  © Carlos Garaicoa und Galleria Continua

Carlos Garaicoa: Die Kronjuwelen, Installation © Carlos Garaicoa und Galleria Continua

Neben der steten Auseinandersetzung mit dem Status quo wirft Garaicoa im großen letzten Part der Ausstellung einen Blick nach vorn. Er entwirft Modelle für eine Architektur der Zukunft, zeigt nahezu vollständig transparente Wohnblocks, deren Bewohner keine Angst mehr verspüren vor den voyeuristischen Blicken der Nachbarn. Er baut den idealen Campus nach Foucaultschem Vorbild, der optisch und funktional überrascht. „Unvollendete Ordnung“ braucht Zeit und Muße und ist dann eine Erfahrung mit außergewöhnlich ästhetischen wie konzeptionellen Arbeiten, die stets eine politische Botschaft tragen.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis 4. September zu sehen.
WO: Museum Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, 81675 München.

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