Von der Zelle zum System
Kiki Smith im Haus der Kunst

6. Februar 2018 • Text von

Pathologin, Analytikerin, Aktivistin und Geschichtenerzählerin – in all diesen Rollen findet sich Kiki Smith wieder, wenn sie in ihrer Ausstellung „Procession“ den Bogen zwischen der kleinsten menschlichen Entität, dem komplexen Gesellschaftskorpus und einem wie auch immer gearteten Universum spannt.

Kiki Smith, Born, Photograph by Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery, © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

Es begann mit „Gray´s Anatomy“, erzählt Kiki Smith beim Künstlergespräch im Haus der Kunst. Als sie in ihren frühen New Yorker Jahren besagten Anatomiebuchklassiker in die Hände bekommt, vertieft sie ihre Auseinandersetzung mit dem lebenden Organismus. Zunächst studiert und zeichnet sie Fettzellen. Dies ist der Anfang ihrer intensiven Konfrontation mit dem Körper als anatomisches System und soziale Projektionsfläche.

Gleich im ersten Ausstellungsraum begegnet man diesen Smith´schen Körperwelten. Ein gläserner Magen liegt hier in der Vitrine, während sich ein metallenes Verdauungssystem an der Wand entlangzieht und sich in großen Gefäßen vermeintlich allerlei Körperflüssigkeiten, darunter Speichel, Blut und Durchfall aufreihen. Smith seziert den menschlichen Körper, zerlegt ihn in seine Einzelteile, durchdringt die tiefste Pore und findet darin die Basis ihres künstlerischen Schaffens. Durch ihre Körperstudien, die sie zudem durch eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin unterfütterte, erschafft sie sich einen Baukasten aus Elementen, an denen sie sich abarbeitet und die sie zunächst punktiert hervorstellt, um sie daraufhin systematisch zusammenzusetzen und semantisch aufzuladen.

Kiki Smith, Virgin Mary, Photograph by Ellen Page Wilson, courtesy Pace Gallery, © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

Dabei nimmt der fragmentarische (weibliche) Körper eine zentrale Rolle ein und wird auf teils schonungslose, bloße Weise in Szene gesetzt, indem die Künstlerin dem Körper gezielt den schützenden Mantel nimmt, der ihn von der Außenwelt trennt. Aus nicht mehr als Unterarm, Bein und Kopf, die allesamt durch lange Gliederketten miteinander verbunden sind, besteht die Skulptur „Daisy Chain“, während sich der weibliche Körper in der Arbeit „Blood Pool“ zum Embryo zusammenrollt und den Betrachtern die blanke Wirbelsäule entgegenstreckt. Smiths Jungfrau Maria, Haut und Haaren beraubt, steht wächsern und entblößt inmitten des Raumes, verwundbar und auf sonderbare Weise stark zugleich. Diese Skulpturen entledigen sich ihrer sozialen, symbolischen, gar mythologischen Bedeutung und ebnen den Weg für neue Bilder und Assoziationen. Wie die letztendlich aussehen, bleibt den Betrachtern selbst überlassen, die mit dieser Erschütterung erst einmal zurechtkommen müssen.

Kiki Smith, Sky, Photograph courtesy the artist and Magnolia Editions, Oakland, © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

Anders, sowohl was das Medium als auch das Sujet anbelangt, ist Kiki Smiths Arrangement aus großflächigen Wandteppichen. Hier erschafft sie eine Welt, die den existenzialistischen Skulpturen aus den anderen Räumen gegenübersteht. Der bruchstückhafte weibliche Körper wird hier zur luziden Gottheit, in deren Kosmos alles Natürliche im Gleichgewicht ist. Flora und Fauna, scheinbar himmlisch beseelt, stehen im Einklang mit der Welt und den Sternen. Und auch der Mensch findet in Smiths Utopia seinen Platz, wenn er in den Bronzearbeiten „Rapture (Verzückung)“ und „Born (Geboren)“ in Form einer Frau dem Leib eines Wolfes entsteigt oder von einem Reh geboren wird. Smiths Paradies scheint der hoffnungsvolle Ausweg aus der unheilvollen Realität, die einen in den nächsten Räumen sogleich wieder einholt, wenn zum Beispiel tiefschwarze Krähen, die Flügel gen Himmel und Krallen im Todeskampf verkrampft, den steinernen Boden säumen.

Kiki Smiths „Procession“ ist eine ambivalente Reise durch das vielfältige Oeuvre der amerikanischen Künstlerin, eine intellektuelle wie emotionale Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und der Umwelt, die sie umgibt. Der Körper als zentrales Element ist dabei Vehikel für globale Überlegungen, die sie nicht immer einfach, aber dafür konsequent und vehement manifestiert.

WO: Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München.
WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 03. Juni 2018 zu sehen. Am 13. März 2018 liest Sophie von Kessel „Kiki Smith´s favorite poems“.

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