Atelier, Alkane, Ausstellungsbetrieb
Benzene-Gründerin Lena Schramm im Interview

26. Juli 2018 • Text von

Die ehemalige Tankstelle in der Rentzelstraße ist kein Ort, an dem man Kunst vermutet. Den Benzingeruch aus dem früheren Leben der Fläche noch in der Nase, wittert man zugleich schon Stadtplaner und Investoren für das neue Rentzel-Center. Aber genau hier, in dieser kleinen Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, sitzt der junge Projektraum „Benzene“ und probiert sich aus. Wir haben die Gründerin Lena Schramm getroffen.

Benzene mit Benz: Das "Benzene" in der Rentzelstraße

Benzene mit Benz: Das „Benzene“ in der Rentzelstraße

Gesucht hat sie ein Atelier für sich selbst, gefunden hat sie einen besonderen Projektraum in bester Lage. Den hat Lena Schramm kurzerhand zum „Benzene“ gemacht, einer Ausstellungsfläche in den ehemaligen, dem Abriss geweihten Verkaufsräumen einer Tankstelle in der Rentzelstraße. Seit Oktober 2017 zeigt sie neben ihrem Malereistudium an der HFBK Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst. Spontaneität und Tatkraft prägen ihr Konzept und seine Umsetzung gleichermaßen. Wir haben mit Lena Schramm über ihr Projekt gesprochen.

gallerytalk.net: Lena, du hattest eigentlich gar nicht vor, einen Projektraum ins Leben zu rufen. Jetzt leitest du das „Benzene“ seit einem Dreivierteljahr. Wie kam es dazu?

Lena Schramm: Ich habe mich eigentlich nach freien Räumen für eine Ateliernutzung umgesehen und bin dabei über die Hamburger Kreativ Gesellschaft auf die Räume in der Rentzelstraße gestoßen. Im Erdgeschoss der alten Tankstelle gab es dann diese kleinen, verwinkelten ehemaligen Verkaufsräume. Die zentrale Lage ist großartig und das leerstehende, dem Abriss geweihte Gebäude mit den davor gelagerten Parkplätzen ist eigentlich ein Unort. Es hat was Morbides, etwas Vergängliches: Ein Gebäude, das auf seinen Abriss wartet. Und gleichzeitig hat es durch die fluktuative Nutzung und extrem verkehrsunruhige Lage etwas sehr Präsentes.

Es wäre viel zu schade gewesen, die Räume nur für mich zu nutzen und der immer noch vorhandene Benzingeruch sprach auch nicht unbedingt für ein Atelier. So kam ich auf die Idee, die Räume für Ausstellungen zu nutzen und die Fläche zum „Benzene“ zu machen. Es ging dann alles sehr schnell und binnen kürzester Zeit gab es die erste Ausstellung.

PolyEckDings im Benzene: Jan Holger Maus

Ausstellung „PolyEckDings“: Jan Holger Maus

Wie würdest du das „Benzene“ und dein Konzept in ein paar Worten beschreiben?

Benzene ist eine Bezeichnung für Kraftstoff. Benzin ist flüchtig und entzündbar, und genauso ephemere und explosive Verbindungen will ich mit den Ausstellungen ermöglichen. Die Künstler sollen aufeinander und mit dem Raum reagieren wie Kohlenwasserstoffe. Es werden einerseits etablierte Künstler und andererseits HFBK-Studenten gezeigt. Wie die Bestandteile von Benzin, Alkane, Alkene und Arene, bewegen sie sich im Raum, sie ziehen sich an, stoßen sich ab oder gehen neue Verbindungen ein. Mich reizt das Unvorhersehbare, und mir geht es dabei immer auch um die Interaktion der Kunst mit dem Raum und seiner Besonderheit. Davon lebt das Projekt. Das Benzene ist keine klassische Galerie.

Wie kann man das konkret in deinen Ausstellungen erleben?

Mir fällt da zum Beispiel die erste Ausstellung „PolyEckDings“ ein. Der Titel ist eine Anlehnung an die Molekularstruktur von Benzol. Die Arbeiten hatten fast alle einen Bezug zum Ort, von Roadmovie-Assoziationen über Bilder von Explosionen bis hin zu Autoreifen in Porno-Magazinen. Außerdem haben wir eine Hängung gewählt, durch die die Werke wie luftig leicht diffundierende Teilchen an den Wänden entlangschwebten.

In der Ausstellung „ARTz IV“, die parallel zur Affordable Art Fair lief, habe ich gemeinsam mit den Künstlern erst kurz vor Eröffnung entschieden, dass wir eine besondere Beleuchtung einsetzen, die Spots auf die Leinwände wirft, um einerseits einen dramatischen Effekt und andererseits im Gesamtraum ein schummriges Wohnzimmerlicht zu erzielen. Wir wollten so auf übersteigerte Weise die Aufmerksamkeit auf die Bilder lenken, ähnlich wie auf manchen Kunstmessen. Gleichzeitig wollten wir darauf verweisen, dass die Bilder später meist in den privaten Räumen der Käufer hängen und für die Öffentlichkeit nicht mehr sichtbar sind.

Dann gab es die Ausstellung „Good Friends“ mit Künstlern und Autodidakten aus mehreren Generationen. Gewagt war daran, dass es ganz explizit um das Phallussymbol ging. Jetzt bald (am 3.8.) wird Jon Merz, der letztes Jahr an der HFBK seinen Abschluss gemacht hat, eine Einzelausstellung haben. Ich kenne zwar die Arbeiten von Jon, bin jedoch selbst gespannt, was im Raum passieren wird.

Insgesamt schöpfe ich gerade daraus, dass ich weiß, dass die Tankstelle voraussichtlich Ende 2018 abgerissen werden soll, viel Motivation, die Dinge anzugehen und auch gleich umzusetzen. Ich will dem Ort quasi augenblicklich volle Wirkung verleihen. Eine Ausstellung wurde auch schon mal in weniger als einer Woche geplant und auf die Beine gestellt. 

"Good Friends": Vicente Hirmas und Bettina Schramm

„Good Friends“: Vicente Hirmas und Bettina Schramm

Wie vereinbarst du die Künstlerin Lena Schramm mit der Leitung von „Benzene“ und den zugehörigen Aufgaben, die oft sicher eher organisatorisch und praktisch sind?

Beides unterscheidet sich schon sehr und ein Stück weit muss ich diese Rollen auch trennen. Beispielsweise bemühe ich mich, meine eigenen Arbeiten wenig und allenfalls am Rande in die Ausstellungen einzubringen – außer bei der Ausstellung „Bright Disease“, mit der ich die hinteren Räume der Fläche austesten wollte. Und selbstverständlich investiere ich eine Menge Zeit in „Benzene“, die mir manchmal bei meiner eigenen künstlerischen Arbeit fehlt. Es ist auch Fakt, dass die vielen praktischen, koordinatorischen und organisatorischen und kuratorischen Themen, die so ein Projektraum mit sich bringt, sich nicht unbedingt mit dem Rückzug und der Ruhe vereinbaren lassen, die ich für meine Arbeit brauche. Auf der anderen Seite setze ich mich bei der Auswahl der Künstler für die Ausstellungen mit vielen spannenden künstlerischen Positionen auseinander. Ich habe gemerkt, dass das auch für manche Entscheidungen bei meiner eigenen Arbeit hilfreich sein kann.

Immer wieder wird diskutiert, inwieweit Kunststudiengänge auch betriebswissenschaftliches und sonstiges praktisches Know-How über den Kunstmarkt bzw. den Kunstbetrieb integrieren sollen. Wie siehst du das aufgrund deiner Erfahrungen mit dem „Benzene“?

Der klare Fokus auf der freien Kunst, den das Studium an der HFBK bietet, ist elementar, um sich künstlerisch zu entfalten. Von daher glaube ich auch, dass Fächer wie BWL, Marketing etc. von den Studierenden hier gar nicht unbedingt gut angenommen werden würden. Es gibt aber natürlich auch an der HFBK und in ihrem Netzwerk Möglichkeiten, sich über diese Themen zu informieren. Wichtig ist da vor allem der Austausch untereinander und es gibt auch Professoren, die aus ihren Erfahrungen über den Kunstbetrieb berichten. Außerdem gibt es sicherlich andere Kunsthochschulen, die einen stärkeren Schwerpunkt auf solche Themen legen. Die Studierenden können sich also grundsätzlich bewusst zwischen verschiedenen Ausrichtungen entscheiden. Meiner Meinung nach ist das gut und ausreichend.

Ausstellung "Bright Disease" im Benzene

Ausstellung „Bright Disease“

Du hast schon kurz erwähnt, wie schwierig es ist, geeignete Räume für kreative Nutzung zu finden. Hast du Tipps für Gleichgesinnte oder eine Vision, wie man dieser Raumnot konstruktiv entgegenwirken kann?

Zunächst einmal habe ich mit der Vergabe von Fördermitteln sehr positive Erfahrungen gemacht. Ich weiß natürlich, dass es nicht einfach erscheint, öffentliche Mittel für Kunst- und Kulturprojekte zu erhalten. Dennoch möchte ich anderen Akteuren Mut machen, für ihre Ideen finanzielle Unterstützung zu beantragen. Ich werde zum Beispiel von der Behörde für Kultur und Medien, der Hamburgischen Kulturstiftung, der Kulturstiftung Zillmer und der HFBK gefördert. Das kann es ermöglichen, bei der Raumsuche nicht auf dezentrale Orte beschränkt zu sein.

Außerdem glaube ich, dass es eine Menge geeigneten Raum für kurz- oder mittelfristige Zwischennutzungen gibt. Auf Vermieter- oder Eigentümerseite fehlt nur leider oft das Bewusstsein dafür, dass das eine Win-Win-Situation sein kann. Der Benzene-Vermieter war z.B. auch nur darauf gekommen, den Raum anzubieten, weil seine Tochter selbst ein kreatives Fach studiert. Ein gesteigertes Bewusstsein auf Anbieterseite und eine spezifische Plattform, die Angebote und Nachfrage zusammenbringt, könnten hier viel bewegen. Ansonsten kann man natürlich versuchen, über die Anwohner mit Vermietern und Eigentümern direkten Kontakt aufzunehmen und sie zu überzeugen.

Denkst du an eine Zeit nach dem „Benzene“? Hast du Pläne für die Zukunft?

Ich finden den Gedanken ganz schön und passend, dass das „Benzene“ irgendwann zuende geht und dies ein flüchtiges Projekt war, um dann etwas Neues zu beginnen, letztlich um wieder auf einen sich wandelnden Ort zu reagieren. Vielleicht lässt sich mit dem „Benzene“ auch von Tankstelle zu Tankstelle ziehen, das hängt letztlich davon ab, was sich in Hamburg auftut. Nötig wären aber natürlich unbedingt langfristige kostengünstige Mietverhältnisse, temporäre sind zwar oftmals bezahlbarer, erfordern aber auch mehr Flexibilität und Energie.

WANN: Die nächste Ausstellung im Benzene ist „Jon Merz – NO REGRETS“. Sie eröffnet am Freitag, den 3. August 2018 ab 19 Uhr.
WO: Benzene, Rentzelstr. 36-40, 20146 Hamburg

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