Visualisierung von Information
Michael Riedel kollaboriert mit Dom Pérignon

9. September 2016 • Text von

Der Frankfurter Michael Riedel arbeitet mit Dom Pérignon zusammen. Keine ganz leichte Aufgabe für den aufstrebenden Künstler, denn das Haus ist bekannt für seine Kooperationen mit internationalen Größen wie Jeff Koons oder Björk.

Hört man sich um im Bekanntenkreis von Michael Riedel und in der Kunstszene, ist durchweg die Rede von einer interessanten und offenen Persönlichkeit. Betrachtet man Pressefotos von Michael Riedel, hat man aufgrund seiner androgynen Erscheinung und seinem fokussierten Blick erst einmal den Eindruck, dass man es mit einem ziemlich ernsthaften Typ zu tun hat. Seine stringenten grafischen Arbeiten passen irgendwie zu diesem Bild. Zeit also, dass wir ihn selbst kennenlernen – diesen deutschen Künstler, dem schon seit Längerem museale Ausstellungen gewidmet werden und der, vertreten durch David Zwirner, zunehmend auch internationale Aufmerksamkeit erfährt.

Portrait von Michael Riedel.

Portrait von Michael Riedel, Foto: David Zwirner.

Das Material seines künstlerischen Schaffens ist Information. Indem Michael Riedel Komponenten der Sprache visualisiert, spielt er mit dem Paradox zwischen Kommunikation und Nichtkommunikation. Auch seine aktuelle Kollaboration mit Dom Pérignon knüpft an dieses Vorgehen an. Für die Champagnermarke hat der Künstler einen Monolith mit einer Auflage von 25 Stück geschaffen, jedes Exemplar enthält eine Flasche des Vintagechampagners P2 von 1998. Zudem zieren dieses Jahr die Flaschen des 2006er und des 2004er Roséjahrgangs Etiketten mit seiner künstlerischen Note. Beides wird aktuell im Dom Pérignon Studio in München ausgestellt.

Installation view, “Michael Riedel”, David Zwirner, New York, 2016.

Michael Riedel, Installation view, “Michael Riedel”, David Zwirner, New York, 2016, Foto: David Zwirner.

gallerytalk.net: In deiner Arbeit nimmst du Bezug auf bestehende Materialen und fremde Werke. Gleichzeitig werden in der Kunsttheorie Stimmen laut, die behaupten, dass heutige Gegenwartskünstler bevorzugt mit Referenzen arbeiteten. Die Avantgarde ist also vorbei und in der Kunst entsteht ab sofort nichts mehr radikal Neues?
Michael Riedel: Ob sie will oder nicht, auch die Avantgarde muss zwangsläufig Bezug auf die Vergangenheit nehmen – vor allem wenn sie sich von ihr absetzen will. Referenzen sind Teil des Systems Kunst. Als Künstler will man doch immer einen Unterscheid formulieren. Die Reaktion auf Vorheriges und die Aufzeichnung dieses Wechselspiels durch die Kunstgeschichte können auch die Avantgardisten nicht verhindern.

Und zählst du dich zu dieser neuen Kunstströmung?
In meinen Arbeiten finden sich ja keine Zitate im eigentlichen Sinn. Ich habe zwar die Werke von anderen Künstlern wie Cecily Brown oder Christopher Wool verwendet und in meine eigene Bildsprache übersetzt. Dabei geht es aber nicht um deren künstlerische Aussage.

Du willst also keine Inhalte vermitteln?
Nein, vielmehr verarbeite ich Informationen und teile sie mit. Dabei erschöpft sich meine Arbeit aber in der Mitteilung an sich. Deren Inhalt ist irrelevant.

Michael Riedel, Installation view, "Dual air [Dürer]", [part two; site-specific installation], Palais de Tokyo, Paris, 2014.

Michael Riedel, Installation view, „Dual air [Dürer]“, [part two; site-specific installation], Palais de Tokyo, Paris, 2014, Foto: David Zwirner.

Indem du Sprache visualisierst, verfremdest du sie bis zur Unverständlichkeit?
Zum einen geht es darum, die Information als Malerei zu verwenden. Zum anderen interessiert mich der ständige Prozess, in dem sich Sprache befindet. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Mitgeteilte Wörter können nicht mehr zurückgenommen werden. In der Sprache findet kein Löschvorgang statt.

Es sei denn, sie wird geschrieben oder in ein Computerprogramm getippt.
Selbst dann, wenn ich ein geschriebenes Wort in einem Computerprogramm lösche, läuft dahinter ein Speicherungsprozess ab, dem eine eigene Sprache zugrunde liegt und der unwiderruflich mitläuft. Eine Relativierung kann also nur durch Weitersprechen oder Weiterschreiben erfolgen. Dieses Prinzip ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

Michael Riedel, Installation view, “Laws of Form”, David Zwirner, London, 2014.

Michael Riedel, Installation view, “Laws of Form”, David Zwirner, London, 2014, Foto: David Zwirner.

Trotzdem verstehst du dich aufs Marketing. Die Frankfurter Freitagsküche, bei der die sich die Kunstszene vor Ort regelmäßig zum gemeinsamen Kochen und Abendevents versammeln, hat ihre Wellen auch über die Grenzen der Stadt hinaus geschlagen. Du hast das Projekt mitinitiiert und damals die dazugehörigen Plakate entworfen.
Ich finde es interessant, dass ich immer wieder auf die Freitagsküche angesprochen werde. Denn ich betrachte die Reihe nicht als einen Teil meiner Arbeit. Soziales Beisammensein muss für sich stehen. Manchen Künstlern ist es wichtig, die soziale Sphäre künstlerisch zu verwerten, aber aus meiner Sicht ist das nicht zielführend.

Dom Pérignon Rosé by Michael Riedel, Foto: Dom Pérignon.

Dom Pérignon Rosé 2006 by Michael Riedel, Foto: Dom Pérignon.

An der Schnittstelle von Sprache und Bild ist ja auch deine Kollaboration mir Dom Pérignon angesiedelt.
Für die Zusammenarbeit habe ich der Marke ein Key Visual geliefert, mit dem beliebige Objekte überzogen werden können. Die vorgegebene Bildoberfläche wurde dann über den Monolith gezogen und auf die Etiketten der Champagnerflaschen gedruckt.

Was ist ein Key Visual?
Ich habe den HTML-Code der Website von Dom Pérignon, der ja normalerweise nicht sichtbar ist, und dessen grafische Elemente vervielfacht und bearbeitet. Im Grunde treffen hier zwei oberflächliche Arbeiten zusammen. Und dabei meine ich oberflächlich in einem ästhetischen Sinn. Die Verwendung des Codes auf den beworbenen Produkten lässt einen Kurzschluss entstehen.

Michael Riedel für Dom Pérignon, Foto: Dom Pérignon.

Michael Riedel für Dom Pérignon, Foto: Dom Pérignon.

Das mit dem Kurzschluss musst du noch mal näher erklären.
Die Verbindung meiner künstlerischen Herangehensweise mit der Welt von Dom Pérignon löst einen Kurzschluss hinsichtlich der Verständlichkeit aus. Die Darstellungen auf der Website von Dom Pérignon dienen der Vermittlung der Werbebotschaft und sind für jedermann verständlich. Indem ich den HTML-Code an die Oberfläche hole und zum Inhalt meiner Arbeit mache, enthält das Bildmaterial die theoretische Form der ursprünglichen Werbebotschaft. Der Website-Inhalt ist zwar indirekt sichtbar, aber bis zur Unkenntlichkeit verschlüsselt und verfremdet.

Michael Riedel, Installation view, “Michael Riedel”, Le Box - Fonds M-ARCO, Marseille, 2015.

Michael Riedel, Installation view, “Michael Riedel”, Le Box – Fonds M-ARCO, Marseille, 2015, Foto: David Zwirner.

Die meisten deiner Arbeiten verwenden grafische Elemente. Gibt es für dich überhaupt noch einen Unterschied zwischen Grafikdesign und Kunst?
Information stellt sich grundsätzlich grafisch dar. Indem ich sie mir zu Eigen mache, wird die Grafik Teil meiner Arbeit. Die Ästhetik ergibt sich allein durch das Material. Ich pflege sozusagen einen spielerischen Umgang mit den handwerklichen Möglichkeiten des Grafikdesigns.

Kerstin Stakemeier hat in ihrer Theorie der Entkunstung behauptet, dass die Grenzen zwischen Handwerk und Kunst immer stärker verschwimmen. Stimmst du dem zu?
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Grafikdesign immer verbraucherbezogen ist. Im Februar nächsten Jahres wird es unter dem Titel „Grafik als Ereignis“ im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt eine Plakatausstellung von mir geben, die genau diese Schnittstelle aufzeigt. Die Institution zeigt ja vor allem angewandte Kunst. Als bildender Künstler gehöre ich da eigentlich gar nicht hin. Meine Arbeiten unterscheiden sich aber insoweit vom klassischen Grafikdesign, als dass meine Plakate nicht gelesen werden müssen. Ich fange im angewandten Bereich verständlicher Informationen an und ende im künstlerischen Bereich unverständlicher Visualisierung.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis bis Montag, den 12. September.
WO: Das temporäre Dom Pérignon Studio findet ihr in der Maximilianstrasse 11, 80336 München.

Das Interview entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Dom Pérignon.

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