Urban Art in Hamburg
Was zur Hölle ist das eigentlich?

8. März 2018 • Text von

Urban Art – der Begriff ist omnipräsent, aber was soll man sich eigentlich genau darunter vorstellen? Und wo liegt der Unterschied zur Streetart? Ich habe mich auf Spurensuche in der Hamburger Kunstlandschaft begeben …

Wenn man sich abseits der klassischen Galerien mit der Hamburger Kunstszene befasst, stolpert man früher oder später über zwei Worte: Urban Art. Die Affenfaust Galerie präsentiert sich in den Google-Suchergebnissen als Ort für “Urban & Contemporary Art”, die OZM Gallery zeigt “Urban Art mit dem Schwerpunkt Graffiti und Streetart”, das STAMP Festival der altonale hat auf seiner Website eine Kategorie “Urban Art” und der Blog Urbanshit für “Streetart and Urban Culture” ist ebenfalls in der Hansestadt beheimatet.

Aber was soll das sein, Urban Art? Unter Streetart kann sich mittlerweile jeder etwas vorstellen: Kunst in den Straßen, – Gesprühtes, Stencils, Interventionen, oft unkommerziell – die sich den öffentlichen Raum zurückerobert. Und Urban Art? Ist nicht alle Kunst, die von Künstlern in einer Metropole produziert wird, irgendwie urban?

Man könnte fast denken, der Begriff “urban” sei bloß ein Adjektiv, dass hippe Zeitgeistigkeit signalisieren soll. Schließlich gibt es die Modekette Urban Outfitters oder Urban Decay, die Beautymarke. Nachhaltigkeit gewinnt an Coolness, wenn man Tomaten auf Verkehrsinseln pflanzt und das Urban Gardening nennt, und Guerilla-StickerInnen umpuscheln Laternenmasten und bezeichnen das als Urban Knitting. “Urban” als Marke – gilt das auch für die Kunstrichtung?

Ist das Streetart oder kann das weg? Graffiti und Paste-ups in der Schanze. Foto: Martina John

Ist das Streetart oder kann das weg? Graffiti und Paste-ups in der Schanze. Foto: Martina John

Urban Art, Streetart: Wo liegt der Unterschied?

Ich starte meine Spurensuche da, wo heute fast alle Abenteuer beginnen: auf der Google-Frontpage. Wie die verwandten Suchanfragen zeigen, bin ich nicht die Einzige, die sich für den Unterschied zwischen Streetart und Urban Art interessiert:

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt mir mithilfe eines Tools außerdem, dass pro Monat 1.600 Menschen in Deutschland nach “Urban Art” suchen.

Beim Durchforsten diverser Onlinekataloge stoße ich auf eine Person, die sich der Frage nach der Natur von Urban Art jüngst intensiv gewidmet hat: “Street Art/Urban Art. Der Weg von illegalen Graffiti und legalen Murals” heißt die bei academia.edu öffentlich zugängliche Masterarbeit von Yvonne Hauf.

Hier finde ich eine erste Definition, um Streetart und Urban Art voneinander abzugrenzen. Der entscheidende Faktor liegt dabei in der Kommerzialität: „The term [urban art] is used to describe commercial art products made by artists who are somehow associated with the street art world. This definition adheres to the term’s widespread use by auction houses [and] galleries“, zitiert Yvonne den schwedischen Forscher Peter Bengtsen (Bengtsen, Peter: The Street Art World. Division of Art History and Visual Studies, Lund 2014. S. 66.)

Des Weiteren unterscheiden sich die beiden Kunstformen für sie in Hinsicht auf die illegale oder legale Natur ihres Entstehungsprozesses: „Street Art entsteht meist illegal im urbanen Raum an Wänden und Flächen, die nicht zum Bemalen freigegeben wurden, was grob gesagt einer Straftat gleicht. Urban Art, nachfolgend generalisiert dargestellt durch Murals, basiert zunehmend auf Auftragsarbeiten, die legal an Fassaden oder Wänden ausgeführt werden.“

Ist es so einfach? Streetart wird illegal und nicht-kommerziell auf den Straßen geboren, bis die Produkte erfolgreich gewordener Künstler unter dem Label “Urban Art” in den Galerien landen?

heliumcowboy 2008, No New Enemies

heliumcowboy 2008, No New Enemies

“Heliumcowboy” Jörg Heikhaus: Urban Art, ein Marketing-Begriff?

Genug der Googelei – was denken die Protagonisten der Hamburger Kunstlandschaft über Urban Art? Einer, der mittlerweile seit 15 Jahren dabei ist, und den Aufstieg der Kunst aus der Straße hautnah miterlebt hat, ist “heliumcowboyJörg Heikhaus. Der Galerist und Künstler hat eine eher kritische Perspektive auf das Thema:

Urban Art ist inzwischen zum Marketing-Oberbegriff geworden für nahezu alles, was sich im erweiterten künstlerisch-kreativen Kontext im öffentlichen und nicht-öffentlichen Raum abspielt. Ursprünglich ging es mal nur darum, die zahlreichen Ausrichtungen und Formen von Graffiti und Streetart unter einem Dach zusammenzufassen. Wesentlichen Anteil an der Entstehung und Verbreitung des Begriffs haben sicherlich auch Galerien wie heliumcowboy, die Anfang der 2000er nach Wegen gesucht haben, Werke der damals noch meist illegal ‘auf der Straße’ arbeitenden Künstler auszustellen und so für Akzeptanz einer aus Protest und Subkultur entstandenen Kunstrichtung zu sorgen.

heliumcowboy 2008, Neasden Control Center (Gruppenausstellung)

heliumcowboy 2008, Neasden Control Center (Gruppenausstellung)

Es gibt mittlerweile auch Messen für Urban Art und Streetart (wie die Stroke Art Fair in München) eine Urban Art Biennale (seit 2011 in der Völklinger Hütte im Saarland). Ist Urban Art wirklich ein reiner Verkaufsbegriff? Ein Label für alles, was an Kunst von der Straße kommt? Oder lassen sich bestimmte Stilmerkmale herausarbeiten, die so nur auf diese Kunstrichtung zutreffen? Jörg sieht das differenziert – einerseits glaubt er, dass eine kunstwissenschaftliche Definition des Begriffs überfällig ist, andererseits gibt er mir recht: “Urban Art” ist mittlerweile eine Marke, die einen Lifestyle verkauft.

Eine Definition, die eine Art von Abgrenzung der Urban Art innerhalb der Kunstrichtungen und -epochen möglich macht, wäre sicherlich wichtig. Ich bin mir sicher, dass sich die Macher zum Beispiel von der Stroke oder von Urban Nation in Berlin gute qualitative Auswahlkriterien erarbeitet haben, ich gehe aber nicht davon aus, dass es hier in naher Zukunft ein schlüssiges und international verbindliches Manifest geben wird.

Inzwischen ist der Begriff leider total verwässert und wird sowohl für nahezu jedes bunte Bild, das irgendwo auf eine Fassade gemalt oder geklebt wird, benutzt, als auch für den ‘dazugehörigen’ Lifestyle. Aber auch wenn Werbung und Marketing das Wort exzessiv einsetzen, so trägt die Szene eine große Mitschuld daran, dass die Kunstrichtung selbst immer noch einen so großen Erklärungsbedarf hat: Dank der Übersättigung mit Festivals und Mural-Projekten, der Banalisierung der Inhalte und der Kommerzialisierung vieler Künstler ist Urban Art inzwischen leider im absoluten Mainstream angekommen.

Es gibt daher vor allem in der inhaltlichen Auseinandersetzung einfach noch eine Menge zu tun, um die tatsächliche Bedeutung dieser wichtigen kulturellen Bewegung der letzten Jahrzehnte festzuhalten und die Urban Art im Kunstverständnis zu verankern.” 

© Elmar Lause

© Elmar Lause

Die Künstlerperspektive: Elmar Lause malt mehr als Murals

An einem Werk von Elmar Lause ist vermutlich schon jeder in Hamburg einmal vorbeigekommen: Elmar ist der Schöpfer von “Supasupa”, dem gigantischen Mural im Super-Mario-Style in der Eimsbüttler Tornquiststraße – deutlich sichtbar, wenn man den Ring 2 entlang fährt. 2014 hat Elmar das Gemälde im Zuge des “Knotenpunkt”-Festivals der Affenfaust an die Wand gesprüht.

Back in the days; My big "supasupa" Wallpainting for Knotenpunkt 14,Oktober Last year;-) such a Great Adventure 😉 Thx for The massive Support @affenfaustgalerie @robertneuendorf @philippleeheidrich ! Also Check The Instagram Account from @bjoern_holzweg ! He paint a really big Wall for This year Knotenpunkt 15 urban Art Festival in Hamburg !!! Knotenpunkt 15 urban art groupshow 2015 is coming Soon with a fantastic lineup!!!! #urbanfineart #urbanart #affenfaust#knotenpunkt15#groupshow#elmarlause #supasupa #comingsoon#wallpainting #supasupa

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Ein klassisches Stück Urban Art, möchte man denken. Und tatsächlich entspricht das auch Elmars Definition. “Urban Art heißt in der direkten Übersetzung  ja städtische Kunst. Der deutsche Begriff, der es gut zusammenfasst, ist Kunst im öffentlichen Raum. Unter Urban Art tummeln sich viele verschiedene Kunsttechniken und Stile, unterteilt in zwei große Bereiche; Streetart und Graffiti.

Für Elmar hat die städtische Kunst auch eine persönliche Dimension: “Für mich persönlich bedeutet Urban Art mehr als eine reine Begrifflichkeit. Es bedeutet für mich Freiheit und Abenteuer, Kreativität, Herausforderung, an seine eigenen Grenzen zu gehen und darüber hinaus. Viele tiefe Freundschaften sind durch die gemeinsame Leidenschaft und das gemeinsam Erlebte entstanden. Die eigene Umgebung bewusst zu gestalten. Ich male mir meine Welt, so bunt, wie sie mir gefällt.

Für das, was in den Galerien und auf Messen verkauft wird oder sogar im Museum landet, nennt Elmar einen anderen Begriff: “Wenn Urban Art den Weg in Galerien und Museen findet, dann spricht man auch oft von Urban Fine Art. Das ist der Versuch einer weiteren Definition. Genau damit Sammler und Kunstinteressierte halt sofort wissen was draufsteht ist auch drin.”

Und auch er beobachtet, dass sich Urban Art zu einer Art Marke entwickelt hat: “Natürlich ist es auch gerade total hip und angesagt. Selbst in jeder zweiten Künstlerbiografie steht ja ‘Wurzeln in der Urban Art’. Streetart als Begriff kann natürlich auch nur auf der Straße funktionieren.

Zwischen dem, was er im öffentlichen Raum arbeitet und der Kunst, die im Atelier entsteht, liegt für Elmar ein fundamentaler Unterschied. “Wenn ich ein Graffiti im öffentlichen Raum male und dann eine Leinwand im Atelier besprühe, hat das erst mal nicht wirklich was miteinander zu tun. Außer, dass ich dafür eine Sprühdose benutze. Natürlich gibt es im Graffiti zum Beispiel sehr viele Stilmerkmale und klare Begriffe, die sich auch auf Leinwände und in Galerien transferieren lassen. Aber der Kern und die Quintessenz von Graffiti lassen sich so natürlich nicht eins zu eins duplizieren.

Katze, 2014 © Elmar Lause

Katze, 2014 © Elmar Lause

Gibt es für ihn eine spezielle Hamburger Ausprägung von Urban Art? “Die Stadt ist ja irgendwie auch ein lebendiger Organismus, der atmet, schläft, laute Momente und ruhigere Ecken und Kanten hat. Die Stadt beeinflusst ihre Künstler und Künstler prägen eine Gesellschaft massiv. Und Kunst im öffentlichen Raum prägt natürlich sofort das Erscheinungsbild einer Stadt, manchmal auch nur eines Stadtteils oder eines Areals. Ich würde nicht von einer speziellen Hamburger Ausprägung von Urban Art sprechen. Dafür gibt es auch viel zu viel Befruchtung und Austausch von außerhalb. Sicher gibt es einzelne Künstler und Gruppen, die eine so große Bekanntheit über die Szene Hamburg hinaus haben, dass sie auch automatisch stellvertretend für Hamburg stehen oder ‘Hamburger Urban Art’.

Hamburg ist natürlich nicht New York oder Berlin. Doch auch Elmar genießt die Vorteile einer Stadt mit einer überschaubaren Szene. “Das Schöne an Hamburg ist, das sich sehr viele Künstler aus dem Urban-Art-Umfeld persönlich kennen. Ich spüre da oft einen großen Respekt untereinander und ein gepflegtes Miteinander. Wie haben die Beginner gesagt? ‘Hamburg ist ein derber Beat und schön und schmuddelig. Und der Hafen, der ist das Herz. Die Bassline Fuck Internet, wir war´n schon immer mit der Welt eins.’ Und wo es schön schmuddelig ist, gibt es auch genug verborgene Orte und es können Nischen für Subkultur entstehen.

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