Tupi, or not tupi that is the question
Ein Interview mit Pedro Wirz

30. Juni 2017 • Text von

Pedro Wirz ist Hobby-Botaniker, liest gerade ein Buch über den Teufel und stellt bald in Kopenhagen eine große Gabel aus. In seinen Arbeiten lotet er das Spannungsfeld von essentieller Ursprünglichkeit und zivilisatorischer Reflektiertheit aus. Aktuell zeigt er in der Lothringer 13 den Moment, in dem Natur Kultur wird und kreiert dafür kleine Welten, die eine immense Bandbreite an Assoziationen eröffnen. Nach mehrjähriger Reise durch die Städte und Institutionen Europas hat er sich nun selbst einen Ort zum Bleiben ausgesucht – für die nächste Zeit.

© Joana Martins

gallerytalk.net: Im Anthropophagenen Manifest des brasilianischen Schriftstellers Oswald de Andrade, steht der Satz „Bevor die Portugiesen Brasilien entdeckten, hatte Brasilien das Glück entdeckt“. Du selbst lebst gerade in Porto, bist du glücklich?
Pedro Wirz: Ich bin sehr glücklich in Porto. Ich habe auch wirklich nicht erwartet, dass ich so glücklich sein werde, nachdem ich in so großen Städten gelebt habe. Ich hatte am Anfang die Sorge, dass ich irgendwo außerhalb des Kerns hinziehe und den Kontext dadurch verliere. Und habe mir schon vorher die Frage gestellt, ob ich denn hier mit genauso viel Energie weitermachen kann. Aber ich habe festgestellt, dass ich hier noch viel intensiver und besser geworden bin, weil ich mich hier voll auf meine Arbeit konzentrieren kann. Ich habe hier sehr tolle Menschen kennengelernt, außerdem kann ich hier meine Muttersprache sprechen und das habe ich jetzt schon so lange nicht mehr intensiv, im Alltag getan. Zudem ist die Tatsache auch interessant, weil ich jetzt Brasilianer in Portugal bin, das ist quasi die Historie umgekehrt. Von hier kommen viele dieser Ursprünge, mit denen ich mich beschäftige.

Der Titel der Ausstellung in der Lothringer13 lautet „Frucht und Faulheit“, wenn man sich deine Arbeiten anschaut, ist der wie für dich gewählt. Inwiefern spiegelt sich dieses Bild in deinem Werk wieder?
Die Arbeiten, die ich in dieser Ausstellung zeige, „Ovo por Olho“, sind wie Kokons. Ich nehme sie als Metapher für die Frage danach, wie viel eine Geschichte braucht, um sich aufzubauen. Ich sehe die Kokons wie den Anfang von etwas Größerem. Sie entstehen aus ganz vielen unterschiedlichen, gesammelten Gegenständen und Materialien, aus denen ich dann ein Objekt herstelle. Nachdem ich so viel kollaborativ gearbeitet habe, hatte ich große Lust mich voll im Studio einzuschließen und alleine zu arbeiten. Und da ich mich schon immer für das Wesen der Kultur interessiert habe, habe ich angefangen Sachen zu kreieren, Produkte in die Welt zu setzen. Ich sehe diese Objekte als eine Metapher für ein Konstrukt mit mehreren Funktionen, die sich durchmischen und dann schlussendlich etwas repräsentieren. Wenn man sie anschaut, sind sie wie kleine Welten.

© Joana Martins

Diese Kokons ähneln Dinosaurier-Eiern. Was entschlüpft ihnen denn letztendlich?
Das sind Eier aus Stoffen, Resten von Plastik, Netzen sowie natürlichen Objekten wie Blätter und Wurzeln, die dann so platziert sind, dass sie wie etwas anderes aussehen. Was ihnen entschlüpft, überlasse ich natürlich dem Betrachter. Einige von ihnen sind bereits leer und einige sind kurz vor dem Aufbrechen. Es ist ein Spiel mit Präsenz und Absenz. Ich denke, was dann letztlich dem Ei entschlüpft sind Geschichten, Erfahrungen.

Du arbeitest viel mit Erde, Gips, Textil. Das wirkt häufig wie ein Nährboden, auf dem du Ideen aber auch Identitäten wachsen lässt. Ist das der Fall? Warum diese Materialien?
Ich bin in der Natur groß geworden, meine Mutter ist Biologin und mein Vater ist Agraringenieur. Das heißt, ich war fast immer Draußen und hatte immer Kontakt mit ganz vielen natürlichen Materialien, aber auch mit technischen Objekten wie Traktoren und landwirtschaftlichen Geräten. Und langsam merke ich, dass ich mich schon immer für dieses Zusammenspiel interessiert habe, für die Frage, wie können diese Teile zusammen etwas Visuelles kreieren. Ich überlege immer, wie die Natur der Zukunft sein wird. Was lernen wir jetzt aus der Natur und warum zeigen wir der Natur, obwohl wir aus ihr kommen, dass wir die Schöpfer sind, die die Kontrolle besitzen? Deswegen frage ich mich, wie Reste unserer Gesellschaft die Natur repräsentieren können. Wie werden die Häuser von Tieren sein? Welche neuen Tierarten wird es geben? Ich glaube mein Umgang mit Material kam zudem daher, dass ich nie wirklich auf einem spezifischen Feld ausgebildet wurde. Es gibt Bildhauer, die arbeiten nur mit Bronze oder alten Rechnern. Und ich habe immer diesen improvisatorischen Aspekt sehr hoch gehalten.

© Joana Martins

Deine Arbeit „Vigilia“ besteht aus 12 Masken, die einen ursprünglichen, fast indigenen Aspekt besitzen und gleichzeitig das Konzept zeitgenössisch interpretieren. Was fasziniert dich an diesen zeitlichen Interferenzen, die man ja häufiger in deiner Arbeit findet?
„Vigilia“ ist eine Arbeit, die aus zwölf Masken besteht, mit denen man den Mond beobachtet. Ein sehr guter Freund von mir, der selbst Künstler ist, hat mir neulich gesagt, er fände die Arbeit sehr gut, aber er glaube die Entscheidung für das Material war falsch. Masken sollten eigentlich hart sein und aus einem natürlichem Material. Und mit dieser Aussage bin ich überhaupt nicht einverstanden, denn ich wollte genau etwas Synthetisches. Das ist alles Silikon, ein Material, das es auf keinen Fall in der Natur zu finden gibt. Es war der Wunsch etwas Ritualhaftes zu kreieren, das zugleich ein absolut menschliches Produkt aus Plastik ist.

Das Antropophage Manifest und der Roman Macunaíma werden im Ausstellungstext als grundlegende Referenz für die moderne aber auch die zeitgenössische Kunst in Brasilien genannt. Inwiefern haben dich die Texte beeinflusst und warum?
Gerade jetzt spielt es eigentlich keine Rolle, wobei es doch irgendwie immer ein Bisschen mitschwingt. In meiner aktuellen Ausstellung in Porto in der Murias Centeno Gallerie, zeige ich Installationen, die auf der einen Seite aussehen wie Schlangen, auf der anderen wie Schläuche. Ich habe das Bild von diesen Schlangen von einem Tribe aus Amerika, zu Ende gedacht habe ich sie aber erst durch das Gemälde „Urutu“ von Tarsila do Amaral. Also ist man als brasilianischer Künstler indirekt schon immer beeinflusst von der Moderne in Brasilien.

© Joana Martins

Die Idee der Ausstellung ist es ohne Anspruch auf Vollständigkeit einen Kanon zeitgenössischer, brasilianischer Kunst abzubilden. Elementare Verknüpfung ist Brasilien, eine regionale, kulturelle oder sozialisatorische Verknüpfung. Gibt es denn einen spezifischen Unterschied zwischen dir und Künstlern deiner Generation in Europa?
Ich bin ein brasilianischer Künstler, der sich sehr mit der brasilianischen Kultur beschäftigt. Aber ich habe Brasilien vor 12 Jahren verlassen. Ich habe in Europa Kunst studiert und erst hier begonnen, mich überhaupt richtig für Kunst zu interessieren. Ich sage ganz häufig über mich selbst, ich sei Schweizer-Brasilianer, denn alle meine Referenzen beginnen hier. Konkret mit der Kunst aus Europa, nicht mit der aus Brasilien. Ich lernte zuerst die wichtigen europäischen Künstler kennen, bevor ich zu den wichtigen Brasilianern kam. Da gibt es schon einen Unterschied, ich unterscheide mich durchaus von den Künstlern meiner Generation in Brasilien, schon allein, weil die Problematik eine ganz andere ist. Politik und Wirtschaft spielen in der Kunst und im Leben der Künstler eine so wichtige Rolle, dass man sie nicht ignorieren kann.

© Joana Martins

Du hast die letzten Jahre in Basel, Paris, New York verbracht und hast in einem Interview von 2014 gesagt, du möchtest langfristig wieder nach Brasilien. Ist das noch so?
Ich habe den Wunsch mich mittelfristig mehr in Richtung Bildung zu orientieren und will damit sagen, dass ich gerne mit all meinen Kenntnissen, die ich hier außerhalb Brasiliens sammle, irgendwann zurückzukehren, eine Schule aufmachen oder zumindest unterrichten möchte. Aber jetzt ist meine Zeit für Kunst. Zugleich denke ich, alle Künstler sollten immer hinterfragen, welche Verantwortung sie haben. Wir haben, vor allem in dieser Zeit, eine Verantwortung. Wir müssen uns fragen: Wieso produzieren wir so viele Sachen, was wollen wir wirklich damit sagen?

WO: Lothringer13 Halle, Lothringer Str. 13, 81667 München.
WANN: Die Ausstellung „Frucht und Faulheit“, kuratiert von Konstatin Lannert, ist noch bis zum 20. August 2017 zu sehen.

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