Traumata und Tiergehirne
Hannah Perry und Marguerite Humeau im Kunstverein

20. Februar 2019 • Text von

Vom Mikrokosmos emotionaler Trauerarbeit in den Makrokosmos einer alternativen Menschheitsgeschichte: Mit Hannah Perry und Marguerite Humeau zeigt der Hamburger Kunstverein zwei Künstlerinnen, die ihre persönliche Weltvision spektakulär in Szene setzen.

DEU, Hamburg, 2019, Ausstellung Hannah Perry im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

Hamburg, 2019, Ausstellung Hannah Perry im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

Hannah Perry „A Smashed Window and an Empty Room“

„Rage Fluids“ von Hannah Perry ist ein Kunstwerk der Gegensätze. Die Installation, die die Besucher im Erdgeschoss des Kunstvereins empfängt, ist ein Wechselspiel aus Metall und Millennial Pink, exakt durchgetakteter Maschinerie und intimen Emotionen.

Ein Band aus roségoldener Vinylfolie windet sich durch den Ausstellungsraum. Die soft glänzende Oberfläche verzerrt die Gesichter der Besucher zu Selfie-Geistern. Es brummt, dröhnt und wabert – und immer wieder erschüttert metallisches Krachen den Raum, erzeugt durch einen Mechanismus aus maschinell verbundenen Metallplatten. Dazu setzen Lautsprecher die rosa-metallische Folie in Bewegung. Irgendwo zwischen atmendem Lindwurm und brutaler Industriemaschine gewinnt die Installation ein hybrides Eigenleben, dem man sich schwer entziehen kann.

Hamburg, 2019, Ausstellung Hannah Perry im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

Hamburg, 2019, Ausstellung Hannah Perry im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

„A Smashed Window and an Empty Room“, so der Titel der Ausstellung, hat einen sehr persönlichen Hintergrund. Hannah Perry – 1984 in Chester geboren, jetzt in London lebend – beschäftigt sich in ihrer aktuellen Werkreihe mit Traumata und deren Folgen für die psychische und emotionale Gesundheit. Es geht um Schock, Schmerz und die Trauerbewältigung nach dem Selbstmord eines engen Freundes der Künstlerin.

Die Unberechenbarkeit dieser Emotionen wird auch in der Arbeit spürbar. „Rage Fluid“ überwältigt den Betrachter, verlangt nach Aufmerksamkeit mit allen Sinnen. Kaum hat man sich in der seltsamen, dröhnenden Präsenz der Installation akklimatisiert, attackiert sie uns mit der Brutalität eines Stahlwerks. Feminines Zartrosa und sprichwörtliches Schwermetall sind im ständigen Wechselspiel verbunden.

Im Eröffnungstrubel war es uns leider nicht möglich, den 360°-Grad-Film gebührend zu würdigen, der ebenfalls Teil von „A Smashed Window And An Empty Room“ ist: Fragmentarische Bilder von Londoner Straßenleben, einem Boxkampf und Duschszenen reißen persönliche Impressionen an, bleiben aufgrund der schwer wahrnehmbaren Tonspur jedoch enigmatische Oberfläche.

Hamburg, 2019, Ausstellung Marguerite Humeau im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

Hamburg, 2019, Ausstellung Marguerite Humeau im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

Marguerite Humeau „Ecstasies“

Im ersten Stock des Kunstvereins lässt Marguerite Humeau – Französin, mittlerweile aber ebenfalls in London lebend – zwei Welten aufeinandertreffen: Wissenschaft und Fiktion, Hell und Dunkel, Zeichnung und Skulptur. Über zwei große Räume hinweg entwirft ihre Ausstellung „Ecstasies“ eine Art alternative Genese der Menschwerdung.

Die Installation aus Skulpturen, Sound, Licht und Zeichnungen widmet sich der Annahme, dass vor 150.000 Jahren eine Gruppe schamanisch tätiger Frauen durch den Konsum psychoaktiver Tiergehirne quasi ihren Intellekt neu konfiguriert haben: Der Rausch führt die frühen Menschen in bisher unbekannte Sphären des Denkens und Wahrnehmens. Unterfüttert wird diese Theorie von einem Aufsatz der Archäologin Bette Hagens, laut der visuelle Ähnlichkeiten zwischen urzeitlichen Venusskulpturen und eben diesen Tiergehirnen bestehen sollen – eine Parallele, die Marguerite Humeau in ihren Skulpturen nachzeichnet.

Hamburg, 2019, Ausstellung Marguerite Humeau im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

Hamburg, 2019, Ausstellung Marguerite Humeau im Kunstverein Hamburg, Copyright photo: Fred Dott

„Ecstasies“ gliedert sich in zwei Bereiche – einer dunkel, mystisch, von sphärisch-organischen Klängen durchzogen, einer hell, klar strukturiert und mit sauberem rosa-weißen Teppich ausgekleidet. Strukturell weckt diese Aufteilung Assoziationen zu den großen Dichotomien der Jahrhundertwende: Bewusstes und Unbewusstes, Apollinisches und Dionysisches …

Im dunklen Teil der Ausstellung setzen einzelne Lichtspots die amorphen Venusskulpturen in Szene – nicht unähnlich der typischen Inszenierung archäologischer Exponate, man denke nur an die „EisZeiten“ im Archäologischen Museum Hamburg, wo vor zwei Jahren frühzeitliche Skulptur ganz selbstverständlich so auratisch aufgeladen ausgestellt wurde. Marguerite Humeaus Venusfiguren ähneln ihren real-eiszeitlichen Schwestern jedoch nur auf den ersten Blick. Eigentlich sind es nicht einmal richtige Frauendarstellungen, sondern organisch-geschmolzene, vage symmetrische Gebilde, in denen sich menschliche Formen gerade so erahnen lassen. Der Weg zum Tiergehirn ist nicht weit, wenn die genaue Ausdeutung auch dem Betrachter überlassen bleibt.

Ausstellungsansicht Marguerite Humeau, Foto: Martina John

Ausstellungsansicht Marguerite Humeau, Foto: Martina John

Hinter der dunklen Venus-Kathedrale schließt ein heller Raum an, in dem weitere Arbeiten der Künstlerin auf einem langgestreckten Tisch präsentiert werden. Erlebte man die künstlerische Hypothese der psychoaktiven Tiergehirne eben noch sinnlich-unmittelbar, folgt hier die theoretische Ausarbeitung in Form einer Serie von Zeichnungen, in denen das naturwissenschaftliche Formvokabular von DNA-Helix, Evolutionslinien und Koordinatenkreuz mit geradezu barock anmutender organischer Ornamentwut und dekorativ fungierendem Text verschmilzt. Wem Humeaus Konzept – spekulative wissenschaftliche Theorie als Kunst – zu sperrig ist, mag hier dennoch einen Zugang durch pure Ästhetik erlangen. Mit ihren elegant geschwungenen Linien und dynamischen Hell-Dunkel-Kontrasten funktionieren die Arbeiten auch ohne theoretischen Überbau.

Von Hanna Perrys autobiographisch-emotional aufgeladener Traumabewältigungs-Maschinerie hin zu Marguerite Humeaus psychedelischer Kosmologie scheint es ein weiter Weg. Und doch haben die Ausstellungen beider Frauen etwas gemeinsam: Beide schaffen sie ihre radikal eigenen Welten – monumental in Szene gesetzt mit einer Tiefe jenseits des Spektakels ihrer instagrammy Oberfläche.

WANN: Die Ausstellungen von Hannah Perry und Marguerite Humeau sind beide noch bis zum 28. April zu sehen. Geöffnet ist der Kunstverein Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen 12–18 Uhr.
WO: Hamburger Kunstverein, Klosterwall 23, 20095 Hamburg.

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