Trumpf über die Wirklichkeit
Thomas Struth im Martin-Gropius-Bau

1. September 2016 • Text von

Es gibt die alte Wirklichkeit, die Natur. Und es gibt die neue Wirklichkeit, das, was wir mit der alten gemacht haben. Gemeint ist damit so ziemlich alles von Bohrinsel bis Disneyland. Thomas Struth erforscht menschgeformte Räume mit der Kamera. „Nature & Politics“ zeigt eine Momentaufnahme seiner Studien.

Thomas Struth: "Vacuum Chamber, JPL, Passadena", 2013, Injekt Print, 119,8 x 167,4 cm. © Thomas Struth.

Thomas Struth: „Vacuum Chamber, JPL, Passadena“, 2013, Injekt Print, 119,8 x 167,4 cm. © Thomas Struth.

Meist großformatig haben es die fast 40 Arbeiten von „Nature & Politics“ ganz oben im Martin-Gropius-Bau leicht, den Betrachter für ihre Welt zu begeistern. Man steht so vor ihnen rum und ist gleich drin. Thomas Struth hat ein Händchen für Bildkomposition. Klar, er gehört schließlich nicht umsonst zu den großen deutschen Namen im Bereich der Fotografie.

Im Rahmen der Ausstellung sind mit Forschungsanlagen und Industrieparks Aufnahmen von Orten zu sehen, die den meisten Betrachtern für gewöhnlich verschlossen geblieben wären. Das macht sicherlich einen besonderen Reiz der Ausstellung aus. Die Motive aus den Jahren 2005 bis 2016 vermitteln jedoch nicht nur Exklusivität, sondern auch einen Blick auf Struth als einen Mann, der viel rumkommt in der Welt. Der südkoreanische Gischt einfängt und palästinensische Ödnis und westliche Spaßburgen.

Thomas Struth: "Research Vehicle, Armstrong Flight Research Center, Edwards", 2014, Injekt print, 145,8 x 196,7 cm. © Thomas Struth.

Thomas Struth: „Research Vehicle, Armstrong Flight Research Center, Edwards“, 2014, Injekt print, 145,8 x 196,7 cm. © Thomas Struth.

Der Besucher erforscht „Nature & Politics“ nicht nur mit wachem Auge, sondern mit Faltblatt in der Hand. Sortiert nach dem Entstehungsjahr sind darauf alle Arbeiten gelistet, die Hängung in der Ausstellung folgt ihrem eigenen System.

Beim Rundgang wird kindliche Freude ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd geweckt. Das schärft ganz beiläufig den Blick auf all die skurrilen Orte, an die sich Struth begeben hat, um diese Wanderung durchs Unnatürliche zu ermöglichen.

Eine Industrieanlage kann noch so komplex sein, Struth lichtet sie mit faszinierender Leichtigkeit ab. Die Maschinenteile wirken elegant, fragil und farbenfroh – eigentlich nicht viel anders als die Fische des Riesenaquariums in der amerikanischen Großstadt Atlanta, ebenfalls ein Struthsches Motiv.

Thomas Struth: "Aquarium, Atlanta", 2013, Chromogenic print, 207,5 x 357 cm. © Thomas Struth.

Thomas Struth: „Aquarium, Atlanta“, 2013, Chromogenic print, 207,5 x 357 cm. © Thomas Struth.

Die Schulklasse vor dem Aquarium markiert eine der wenigen sichtbaren Spuren für die Anwesenheit des Menschen in dieser Reihe von Fotoarbeiten. Es ist ein bisschen wie bei den Aufnahmen von Museumsbesuchern, für die Struth bekannt ist. Die übrigen Motive von „Nature & Politics“ lassen erst in ihrer Künstlichkeit die Menschen erahnen, die sie geschaffen haben.

Am spektakulärsten sind Struths Aufnahmen dann, wenn die Entfremdung des Motivs von der Natur nach ordentlich Gehirnschmalz aussieht. Wenn Kabel und Schrauben und Teile, zu deren Identifikation es Fachwissen braucht, von der Synthese menschlichen Verstands erzählen – im Weltraumbahnhof „Kennedy Space Center“ in Florida oder an einem Stellarator in Greifswald.

Thomas Struth: "Ride, Anaheim", 2013, Chromogenic print, 218,0 x 331,3 cm. © Thomas Struth.

Thomas Struth: „Ride, Anaheim“, 2013, Chromogenic print, 218,0 x 331,3 cm. © Thomas Struth.

Am wohligsten wirken Struths Bilder aus dem kalifornischen Anaheim, aus Disneyland. Nicht etwa weil sie fantasievoll sind, sie sind vertraut. Wer hätte gedacht, dass man zum Träumen besser in ein Schaltwerk fährt?

WANN: Die Ausstellung „Nature & Politics“ läuft noch bis zum 18. September.
WO: Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7

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