They’ve got the power
Philip Gröning über Kunst, Kino und seine Projektklasse

4. Februar 2019 • Text von

Virtuelle Welten, künstliche Intelligenzen, Transzendenz und das vermutlich kleinste Kino Münchens. Die Projektklasse von Philip Gröning widmet sich in der Ausstellung „Ein paar Tage nach der Welt“ in der AkademieGalerie hochaktuellen Themen. Wir sprachen mit dem Gastprofessor über Kunst, Kino und Kontexte.

„Ein paar Tage nach der Welt“, Projektklasse Philip Gröning, Foto: P. Gröning.

Projektoren werden montiert, Skulpturen platziert und Pläne besprochen. Die Projektklasse von Gastprofessor Philip Gröning bereitet in den letzen Januartagen emsig die Gruppenausstellung „Ein paar Tage nach der Welt“ in der AkademieGalerie vor. Gezeigt werden sehr heterogene Projekte: Skulpturen, Installationen, Videos und partizipatorische Kunst, die sich künstlichen Welten widmen. Künstliche Intelligenz ist der thematische rote Faden und so transmedial und offen wie die gezeigten Arbeiten ist auch die Herangehensweise von Philip Gröning. Der Filmregisseur arbeitet sowohl fiktional als auch dokumentarisch, er hat für seine Filme zahlreiche Preise und Auszeichnungen bekommen, fühlt sich aber gleichzeitig im Kontext der bildenden Kunst wohl. Für ihn ist die Kunst eine Form des Denkens, Fühlens und Forschens, die offene Fragen zulässt.

gallerytalk.net: Die Ausstellung ist das Ergebnis einer Projektklasse, die Sie geleitet haben?
Philip Gröning: Ich wurde als Gastprofessor an die Münchner Akademie berufen und als solcher betreute ich meine eigene temporäre Projektklasse. Für die Zusammenarbeit mit den Studenten hat sich recht schnell der Themenkomplex „Künstliche Intelligenz“ herauskristallisiert. Dieses Thema war für die Ausstellung, aber auch als Klammer für die Gruppe gedacht. Offen in der Form aber thematisch so definiert, dass sich eine gemeinsame Energie entfalten kann. Eine Vorgabe, aus der sich etwas entwickeln kann.

„Ein paar Tage nach der Welt“, Projektklasse Philip Gröning, Foto: P. Gröning.

Wie kommt man als Filmemacher an eine Kunstprofessur?
Ich wurde gefragt und habe zugesagt. Ich glaube, dass es auch daher kommt, dass meine Filme immer mehr in Richtung bildende Kunst driften. Schon bei meinem Film „Die große Stille“ stand die Frage im Raum, ob der Film in Venedig beim Filmfestival gezeigt wird oder auf der Biennale. Mein aktueller Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ wird jetzt auch im MAXXI Museum in Rom präsentiert, also ebenfalls im Kunst-Kontext.

Sie bewegen sich also zwischen den Welten?
Zwischen Kino und Kunst gibt es einen großen Unterschied in der Art und Weise der Rezeption. Aber man muss sagen, dass das Kino einen großen Teil seines Publikums verloren hat. Das ist auch einer der Gründe, wegen dem ich mich im Moment sehr für die Kunst interessiere. Kino lag immer die Prämisse zugrunde, dass es emotional und informativ dichter als das normale und im Vergleich langweiligere Leben der Menschen ist. Aber diese Annahme stimmt so nicht mehr ganz. Die Menschen sind vernetzter, sie bekommen über ihre Smartphones konstant Nachrichten, die auch für sie persönlich relevant sind. Dieses Gerät schafft so einen Bilderstrom, einen Film. Die Filmsparte hat sich noch nicht klar gemacht, dass man einen sehr guten Grund braucht, dem Zuschauer zu sagen: Nimm die Hände vom Telefon und lass mich neunzig Minuten deinen Bilderstrom kontrollieren. Die Mainstream-Blockbuster haben es begriffen, aber das Erzählkino hat noch nicht verstanden, was diese Umwälzung der Informationsdichte bedeutet. Daher entstand bei mir der Wunsch, verstärkt Kunst zu machen. Ich arbeite auch schon seit Jahren fotografisch und habe Pläne für installative Arbeiten. Kunst an der Grenze von Berechenbarkeit und Unberechenbarkeit.

„Ein paar Tage nach der Welt“, Projektklasse Philip Gröning, Foto: Tabitha Nagy.

Sie versuchen Kunst und Film in der Klasse zu verbinden?
In der Klasse haben wir auch einige Studenten von der Hochschule für Film und Fernsehen, die total offen sind und Lust haben, sich hier einzubringen. Kunst bedeutet, anders in das Ungewisse zu gehen. Für das Kino geht man von viel Vorplanung aus, man meint, die Kontrolle zu haben. Und dennoch läuft dann sehr viel anders als gedacht. Bei mir ist der Übergang zwischen Film und Kunst langsam entstanden. Hito Steyerl war bei zwei meiner Filme die Kamerafrau, sie ist auch eine Grenzgängerin zwischen den Welten. Ich hatte schon früh ein Interesse daran, mit Leuten zu arbeiten, die in der bildenden Kunst verortet sind. Es ist toll, mit Fotografie oder Installationen zu arbeiten, man kann schneller produzieren und es darf mal schief gehen. In einem Film stecken Jahre der Arbeit und dann muss es passen. Gerade deshalb gelingt Film als Ausdrucksform oft nicht. Die Freiheit geht ein bisschen abhanden. Ich liebe das Kino sehr, aber im Moment möchte ich was anderes machen.

Aufbau von „Ein paar Tage nach der Welt“, Projektklasse Philip Gröning, Foto: Janina Totzauer.

Sie waren Professor an der Filmhochschule in Ludwigsburg und haben eine Professur für Spielfilm an der IFS in Köln. Wie unterscheidet sich der Umgang mit Film- und Kunststudenten?
Nicht so stark. Ich habe mit meinem Studenten eigentlich immer schon über Inhalte und Philosophie gesprochen. Ich erkläre nicht, wie eine gute Großaufnahme aussieht. Es gibt ja keine gute Großaufnahme an sich, sondern nur eine funktionierende Großaufnahme innerhalb eines Werkes. Jeder Film ist ein Werk. Die Hauptarbeit ist es, zu denken. Und wenn man über künstliche Intelligenz nachdenkt, wie bei dieser Ausstellung, kommt man blitzschnell zu Gedanken wie: Was bedeutet Erkennen ohne ein Ziel? Wir Menschen können nur auf konkrete Bezugspunkte hin begreifen, künstliche Intelligenz hat aber a priori keine Ziele. Was kann das für eine Welt sein? Wir Menschen lernen durch Erschöpfung, das kann ein Computer nicht kennen. Wir geben unsere Absichten aus Ermüdung heraus auf und formulieren dafür neue. Das kann eine künstliche Intelligenz nicht. Aus dem Denken ergibt sich die Form und die Ästhetik und daraus wiederum die konkreten Arbeiten. Die Kunststudenten sind sehr frei, da die Akademie sehr restriktionslos ist. Deshalb existiert eine Atmosphäre der gegenseitigen Inspiration.

WANN: Die Eröffnung ist am 4. Februar ab 19 Uhr. Die Ausstellung wird danach bis zum 10. Februar, täglich von 16 bis 20 Uhr zu sehen sein.
Mit Beiträgen von Maxine Weiß, Justin Urbach, Janina Totzauer, Susanne Steinmaßl, Lilian Robl, Julian Rabus, Sebastian Quast, Tabitha Nagy, Lou JP Mußgnug, Rupert Jörg, Marie Jaksch, Vincent Hannwacker, Milena Forster, Dennis Eberl, Tatjana Burka, Julian Billmair und Nadja Baschang.
WO: AkademieGalerie, U-Bahnstation Universität, 80333 München.

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