Thank You So Much For The Flowers
Mike Bourscheid über seinen Beitrag in Venedig

18. Mai 2017 • Text von

Er ist bereits zum Geheimtipp der diesjährigen Venedig Biennale avanciert: Der luxemburgische Pavillon in der Ca’ del Duca. Dafür verantwortlich ist Mike Bourscheid, der dort eine heimische, doch absurde Oase der Domestiziert geschaffen hat. Wir wollten mehr wissen.

Mike Bourscheid, Thank you so much for the flowers, 2017. Copyright Mike Bourscheid.

Mike Bourscheid, Thank you so much for the flowers, 2017. Copyright Mike Bourscheid.

Als leidenschaftlicher Handwerker schneidert Mike Bourscheid avant-gardistische Kostüme, verzaubert häusliche Gegenstände und löst sie von jeglichem Nutzen. Seine Objekte entwickeln sich dabei zu individuellen Charakteren, die in Videos und Performances eingebettet und von Musik begleitet einen absurden aber sensiblen Kosmos heraufbeschwören, in dem sich Gendergrenzen verflüchtigen und traditionelle Sitten zu Relikten einer fernen Welt auflösen. Wie persönlich sein eklektisches Schaffen tatsächlich ist, legt er offen dar.

Gallerytalk.net: Lieber Mike, zuallererst interessiert uns brennend, was es mit dem Titel „Thank you so much for the flowers“ auf sich hat. Wie kam der zustande?
Mike Bourscheid: Anfangs war das nur der Arbeitstitel, der sich aber im Prozess im stärker in mir durchgesetzt hat. Ich finde diese Sprachverwendung äußerst spannend, weil ihr so viele subtile Divergenzen zugrunde liegen. In Europa würde man das „so much“ wahrscheinlich eher weglassen, denn man bekommt ja keine Leber gespendet. In Nordamerika gehören solcherlei Übertreibungen andererseits zum normalen Sprachgebrauch. Die Menschen nehmen diese Floskel je nach kulturellem Hintergrund unterschiedlich auf. Denn in dem Satz liegt in diesem Kontext auch eine Form der Irritation, man bedankt sich ja nicht für etwas, was man noch gar nicht bekommen hat. So möchte ich eine kleine Spannung zwischen dem Besucher, der Ausstellung und mir kreieren.

Und du nimmst gewissermaßen ein Narrativ vorweg.
Ja, ich beziehe mich hier auf all die tollpatschigen gesellschaftlichen Momente, in denen man nie etwas richtig machen kann. All diese Fragen, mit denen man sich herumschlagen muss. Was soll das heißen? Muss man etwas mitbringen oder nicht? Was, wenn ich der einzige bin, der keine mitbringt? Und was, wenn ich doch noch welche kaufe, und dann nimmt er sie nicht an? Und überhaupt, was für Blumen sind angebracht? Rote Rosen haben eine viel zu belastende Bedeutung, eine Topfpflanze ist aber wiederum zu geizig.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Solche gesellschaftlichen Konventionen und Normen brichst du in deiner künstlerischen Praxis immer wieder. Was hast du daran auszusetzen?
Die Menschen ruhen sich allzu oft auf ihrer Tradition aus. Sie funktioniert als Rechtfertigung für altmodische Strukturen und macht das Umdenken schwierig. „Das ist halt so“ – diese Einstellung finde ich extrem problematisch und limitierend. Ich bin in Luxemburg aufgewachsen, einem Land, das sich stark durch seine Traditionen identifiziert und bis heute sehr katholisch geprägt ist. Die Religion wird von Schuldgefühlen beherrscht, man wird dazu angehalten, sich moralisch korrekt und möglichst unauffällig zu verhalten. Damit spiele ich schon sehr in meiner Arbeit. Doch möchte ich nicht unbedingt schwerwiegende soziale Fragen aufwerfen, sondern vor allem persönlich mit mir selbst verhandeln, wo ich mich in der Gesellschaft positioniere und welche Fragen ich diesbezüglich an mich selbst habe.

Ist die Arbeit „So stell ich mir die Liebe vor“ ein Resultat solcher Überlegungen?
Sie entstand tatsächlich in dem Zeitraum, in dem meine Frau und ich überlegten, zu heiraten. Wir haben uns intensiv mit dem Konzept der Ehe auseinandergesetzt, ob und warum es nötig ist, und was es letztendlich bedeutet. Der Titel ist eine direkte Ableitung eines Liedes von Peter Alexander. Dessen Filme mag ich zwar total gerne mag, jedoch suggerieren sie ein Geschlechterbild, das in mir ein schlechtes Gefühl hervorruft. Der Mann nimmt hier selbstverständlich die aktive Rolle der Beziehung ein, während sich die Frau passiv hingibt. Die Arbeit besteht aus zwei Kostümen und schaut aus zwei verschiedenen Perspektiven auf die Liebe. Die Köpfe sind aus dem selben Guss, der eine mit Pailletten bestickt, der andere aus Metall. Doch gibt es hier keine konkrete Geschlechterzuordnung. Mann und keine Frau in dem Sinne existieren nicht, die Grenzen sind fluide. Die Partner sind sich ebenbürtig.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Du schneiderst deine aufwendigen Kostüme selber nach deinen eigenen Maßen, du posierst kokett mit ihnen bei Performances und nimmst dabei oft eine nach traditionellem Bild eher weibliche Rolle ein. Liegt darin ein Versuch, die Gendergrenzen zu sprengen?
Ich habe aus persönlicher Erfahrung gelernt, dass Performances etwas sehr Sensibles sind, und dass man als Protagonist eine gewisse Verantwortung zu erfüllen hat. Ich möchte mich nicht als Mann präsentieren, der dem Ethos seiner Männlichkeit nicht gerecht wird und seiner Rolle nicht entfliehen kann. Ich fand es viel interessanter, Kostüme zu entwerfen, in denen ich als Mann, der noch dazu sehr groß ist, etwas Verletzliches und Feminines weitergeben kann. Denn auch diese Seiten trage ich in mir, darin bin ich mir treu. Und so gibt mir die Kunst auch etwas zurück.

Auf welche Reaktion setzt du denn beim Betrachter?
Es ist mir schon wichtig, dass mein Schaffen mit Humor gesehen wird. Das darf aber auch ins Absurde kippen und gerne den ein oder anderen unbehaglichen Lacher herauskitzeln. Das Unbehagen finde ich spannend und damit experimentiere ich gerne, auch auf materieller Ebene. Ich will bewusst ein komisches Bauchgefühl auslösen, Fragen aufwerfen. Mein Kostüm zu „Goldbird Variations“ ist auch deswegen komisch, weil ich in dem Kostüm so plump aussehe und nicht so richtig reinpasse. Mit der Art wie ich posiere wird es dann aber plötzlich ernst, weil man nicht versteht, warum ich die Plumpheit so überzeugt durchziehe. Mir wurde gesagt, ich nehme dann einen Schlafzimmerblick an. Vielleicht schau ich auch einfach zu viel Germanys Next Topmodel.

Dabei würde Project Runway doch viel besser zu dir passen.
Davon habe ich natürlich auch alle Staffeln gesehen. Die Serie schlachtet nicht nur persönliches Drama aus, sondern bietet auch unterschiedliche Perspektiven auf Mode. RuPaul Drag Race ist auch super, das ist quasi Project Runway für Drag Queens. Daraus zieh ich auch Inspiration, denn die Teilnehmer haben ein Wahnsinns Feuer im Arsch.

Mike Bourscheid, The Goldbird Variations, Sculpture, performance, audio, 2016. Realized with the support of L’Œil de Poisson, Québec. Courtesy the artist.

Mike Bourscheid, The Goldbird Variations, Sculpture, performance, audio, 2016. Realized with the support of L’Œil de Poisson, Québec. Courtesy the artist.

Was dient dir bei den Entwürfen deiner Kostüme denn sonst noch als Inspirationsquelle?
Es gibt ein paar zeitgenössische Modehäuser, die mir sehr viel Anreiz geben. Ich liebe den Designer Rei Kawakubo von Commes des Garçons. Auch Balenciaga finde ich gerade super. Ich interessiere mich besonders für die Haute Couture, denn dabei geht es nicht mehr wirklich um die tragbaren Kleider, sondern viel mehr um eine Form der visuellen Information, die man nach außen tragen will als eine Art kryptischen Trend. Faszinierenderweise war Kleidung schon während der französischen Revolution Informationsträger. So wurden in den Entwürfen damals Schnittverletzungen imitiert, um den Träger der Kleidung zu heroisieren. Die gesellschaftlichen und historischen Implikationen, die in der Mode stecken, finde ich enorm spannend.

Welche Rolle spielt dabei die Materialität?
Das ist ein Kernteil meiner Arbeit, darin bin ich sogar ein richtiger Nerd. In der Materialität der Kleidung kann sich viel ausdrücken und verschiedene Materialien können die unterschiedlichsten Gesichter haben. Pailletten sind ja eigentlich ganz weich und zart, in der Masse mit Nadeln an einem der Köpfe von „So stell ich mir die Liebe vor“ befestigt, transformieren sie jedoch zu einem undurchdringlichen Panzer. Und Stahl kann durch Erhitzung ganz weich und zahm werden. Meine Lederschürzen könnten auch eine schützende Funktion haben, werden aber durch meine Behandlung mit Make-up zu einer fragilen, feinen Haut.

So ent-genderst du also deine Objekte.
Im herkömmlichen Sinne wären Pailletten auf jeden Fall weiblich, und Leder männlich assoziiert. Ich finde aber, das sollte komplett neutral sein. Man muss diese Dinge keinem Geschlecht zuordnen, das Männliche und das Weibliche kann doch auch genau das gleiche sein. Durch den Materialmix, den ich anstrebe, heben sich diese Konnotationen auch gegenseitig auf.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Ja, du bewegst dich in den unterschiedlichsten handwerklichen Disziplinen gleichzeitig.
Das liegt daran, dass ich gerne Unherkömmliches verarbeite. Ich liebe es, mir neue handwerkliche Fähigkeiten – wie kürzlich die Kunst der Keramik – anzueignen, Kurse zu belegen und tief in die Thematik einzutauchen. So kommt man dem Material nahe und kann mit ihm kommunizieren. Und ich entwickle dabei mich und meine Praxis kontinuierlich weiter, erweitere meine Sprache und mein Denken. Das tue ich auch auf inhaltlicher, kunsthistorischer Ebene.

Trotz der medialen Interdisziplinarität deiner Projekte finden sie ihre Krönung meist in einer Performance. Diese finden jedoch nur zu Beginn und kurz vor dem Ende der Biennale statt. Sind die ausgestellten, ungetragenen Kostüme ein kuratorischer Kompromiss oder ist es wichtig, dass sie für sich stehen?
Die Arbeiten haben auch eine dezidiert skulpturale Funktion. Diese wird auch in der Form der Präsentation und der spezifischen Materialität der einzelnen Werke bewusst betont. Ich werfe hier Fragen auf: Was ist ein Kostüm und was ist eine Performance? Braucht ein Kostüm eine Performance und kann es die Performance auch ohne Kostüm geben kann? Mittels ihrer Skulpturalität kann das Kostüm und die darin enthaltene Performance bestehen bleiben, auch ohne den Moment. Außerdem stehen die Arbeiten für sich, die brauchen mich gar nicht – ich bin nur das Extra. Sie sind ihre eigene Person, mit unterschiedliche Charakteren.

Stehen diese Charaktere wiederum auch zueinander in Bezug?
Ich denke, sie funktionieren auch miteinander, weil sie allesamt einen Teil von mir und meinen Charakterzügen in sich tragen. Deutlich wird das in der Arbeit „Family Tree“, die alle einzelnen Objekte zusammenführt. Ich habe hierfür die Eingangshalle des Pavillons mit Holzplatten verkleidet, aus denen ich im Stil luxemburgischer Spekulatiusförmchen die Silhouetten meiner „Alter Egos“ ausgeschnitten habe. Sie sind hier vereint zu einer großen Familie. Sie sprechen alle über unterschiedliche Dinge, die mich persönlich beschäftigen.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Exhibition view Mike Bourscheid – Thank you so much for the flowers, 2017. 57th International Art Exhibition – La Biennale di Venezia. Copyright Mike Bourscheid. Photo: Luke Andrew Walker.

Was kommt jetzt? Was hast du vor nach der Biennale?
Erstmal Ferien. Ein paar Ausstellungen sind auch schon im Gespräch, aber das darf ich noch nicht preisgeben. Ich habe so viele neue Arbeiten gemacht und würde mich freuen, wenn sie an anderen Orten gezeigt werden dürften und sich so einen weiteren Sinn in anderen Kulturen anreichern könnten.

Dafür hast du dir in Venedig sicherlich den ersten Stein gelegt. Bemerkst du einen Karrierepusch?
Auf jeden Fall spüre ich den Andrang der Menschen. Alle wollen was von mir und das ist mit Vorsicht zu genießen. Besonders toll sind jedoch die Möglichkeiten, die mit einer solchen Ausstellung einhergehen: Ein Budget zum freieren Arbeiten zu haben, sich eine Bohrmaschine kaufen zu können und nicht dreimal überlegen zu müssen, ob man die gute oder die billige nimmt. Sollte die Ausstellung in Venedig in weiterer Folge einen Verkauf meiner Arbeit mit sich tragen, dann werde ich mir zuallererst eine richtig geile Nähmaschine kaufen.

WANN: Die Venedig Biennale geht bis zum 26. November 2017. Der Pavillon ist von 10 bis 16 Uhr geöffnet, Dienstag ist Ruhetag.
WO: Pavillon von Luxemburg, Ca‘ del Duca, Corte del Duca Sforza, San Marco 3052, Venezia, Italia.
WAS: Auf der Website des Pavillons findet man ausführliche Informationen zum Künstler, Videos seiner Arbeit und wichtige Daten zu Events und Performances. Dafür einmal hier klicken.