Stumme Filme schreien laut
Ana Mendieta im Gropius Bau

21. Mai 2018 • Text von

Der Gropius Bau zeigt erstmals Teile von Ana Mendietas filmischen Werk. Intensiv und poetisch. Einfach und direkt. Faszinierend und magisch. 

Ana Mendieta – Blood Writing, 1974. Super 8 film, color, silent. © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Als ein „inneres Bedürfnis, sich auszudrücken“ beschreibt Stefanie Rosenthal, Direktorin des Gropius Bau, die Kunst der kubanischen Künstlerin Ana Mendieta (1948-1985). „Covered in Time and History“ widmet sich nun als erste Ausstellung jemals dem umfangreichen filmischen Schaffen der Künstlerin. Als Resultat eines dreijährigen Forschungsprojekts des Estates von Ana Mendieta, der Galerie Lelong und der University of Minnesota werden 23 Filme gezeigt, die im Zuge dessen neu übertragen und digitalisiert wurden.

Featured image: Ana Mendieta – Untitled: Silueta Series, 1978. Super 8 film, color, silent. © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Über den leeren, hellen Vorraum im 2. Stock gelangen die Besucher in die Ausstellung. Die Räume sind dunkel gehalten. In scharfem Kontrast dazu die Videoprojektionen an der Wand. Es ist still. Ana Mendieta hat nur ganz vereinzelt mit Ton gearbeitet. In der Ferne ertönt irgendwo ein Rauschen. Die Ausstellung erstreckt sich über sechs Räume, die nach verschiedenen Interessenfeldern und Ansatzpunkten der Künstlerin gegliedert sind. Text an den Wänden gibt es nicht. Zwar gibt es Broschüren, doch ist die Schrift durch die Dunkelheit nur im Licht der Videoprojektionen zu entziffern. Einem bleibt nichts anderes übrig, als die Videos anzusehen, sie wirken zu lassen und zu versuchen selbst zu verstehen – und nicht woanders nachzulesen – was Ana Mendieta hier eigentlich ausdrücken möchte.

Es ist die große Stärke dieser Künstlerin, dass ihr genau das gelingt. Direkt und intuitiv kommt ihr Werk auch ohne großartige Unter- und Überbaukonstruktionen aus. Nach dem anfänglichen Studium der Malerei entdeckt sie schnell die Medien Film und Fotografie für sich. Sie beginnt ihre „Aktionen“ zu dokumentieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Performancekünstlern in den 1970er und 80er Jahren entstehen ihre Arbeiten unabhängig jeglicher Beteiligung eines Publikums. Sie arbeitet für sich, und das mit den einfachsten und elementarsten Mitteln: dem eigenen Körper und der Natur.

Ana Mendieta – Silueta de Arena, 1978. Super 8 film, color, silent. © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Unter dem Einfluss von Performance, Land Art und Body Art entwickelt sie ihre „Earth-Body“-Ästhetik. Meist in Beziehung zur Natur inszeniert sie ihren eigenen, weiblichen Körper. Sie vergräbt ihn in der Erde, beschmiert ihn mit Blut, wird eins mit Bäumen, fließt im Wasser. Mit der Werkserie der „Siluetas“, die sie 1973 beginnt, schafft sie das Abbild ihres eigenen Körpers. Sie brennt ihre Silhouette in die Erde, lässt sie in Flammen lodern,  baut sie aus Lehm und Sand, haut sie in Stein. Durch ihre Kunst findet sie einen Weg Körper und Natur wieder zu verbinden, sowohl materiell als auch spirituell. Einerseits wird Erde hier als Element verstanden, auf der anderen Seite steht Erde aber auch für Heimat – das Stück Erde, auf dem wir geboren sind. 

Ana Mendieta – Anima, Silueta de Cohetes (Firework Piece), 1976. Super 8 film, color, silent. © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Als zwölfjähriges Mädchen schickten ihre Eltern die in Kuba geborene Ana Mendieta zusammen mit ihrer Schwester nach Iowa in die USA. Ihre Kunst ist daher auch immer ein Versuch, sich in einer ihr fremden Kultur zu orientieren, sich einzufinden und die eigene Position zu festigen. Entwurzelung und Zugehörigkeit sind als Themen bei ihr ebenso relevant wie Identitäts- und Geschlechterfragen, die eigene und politische Geschichte, sowie die Zeit. Letztere als Lauf der Dinge, immer während, wird verkörpert in der Bewegung, die all ihren Arbeiten innewohnt.

Ana Mendieta – Creek, 1974. Super 8 film, color, silent. © The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC.,Courtesy Galerie Lelong & Co.

Ana Mendieta zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Künstlerinnen der Nachkriegszeit. Als Pionierin der Performancekunst und Land Art hat sie insgesamt 104 Videos produziert – eine relativ kleine Menge, verglichen mit dem Rest ihres umfangreichen Œuvres. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Ausstellung ohne diesen auskommt. Der Fokus liegt ganz bei den Videoarbeiten. Stumm dröhnt die Stimme der Künstlerin aus den Videos. Klar und bestimmt hat ihre Stimme auch vierzig Jahre später nicht an Relevanz, Besonderheit, Ausdruck und Vehemenz eingebüßt. Nicht verstört, wohl aber hoch sensibilisiert führt der Weg zurück in den künstlich generierten Alltag.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis 22. Juli 2018 zu sehen.
WO: Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin.

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