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Albert Scopin und das Bitumen

18. April 2016 • Text von

Das Gefühl von Erhabenheit kann selbst den überzeugtesten Atheisten ergreifen, wenn er eine Kirche betritt. Es ist weder theologisch argumentierbar, noch entwächst es notwendigerweise einer tief emotionalen Frömmigkeit. Die Anwesenheit von etwas Übermächtigem lässt den Menschen schnell seiner bescheidenen Existenz bewusst werden. Doch sprechen wir hier nicht von einem Gott, sondern von der Materialgewalt der Werke von Albert Scopin, die derzeit in der St. Elisabeth-Kirche in Berlin Mitte ausgestellt sind. 

Der Freiburger Künstler hat praktisch mehr mit einem Straßenbauarbeiter gemein als mit einer himmlischen Existenz: Unter enormer körperlicher Anstrengung und in aufwendigen Arbeitsprozessen transformiert er Bitumen, das Zeug, aus dem auch die schönen Berliner Straßen bestehen, in ein künstlerisches Mittel. Geplante Vorzeichnungen weichen der Spontanität, wenn er den auf 230 Grad erhitzten tiefschwarzen Teer auf die riesigen Seekieferplatten schüttet und mit Besen oder Gasflamme modelliert.

Die Masse trocknet schnell und kennt keine Kompromisse, sie bestimmt die Form und lässt menschlichen Eingriff nur in geringem Maße zu. Doch Scopins Werke sind mehr als nur schwarz.  Durch Beimischung unterschiedlicher Materialien wie Sand oder Gips schafft er eine diversifizierte Oberflächenstruktur. Kleine Formen aus Holz oder Eisen versiegelt er auf ewig unter der schmierigen Oberfläche. Abstrakte Ölmalerei im archaischen Sinne, wenn man so will.

Albert Scopin, Ateliersituation, 2014, Foto: Arno Dietsche, © Scopin.

Albert Scopin, Ateliersituation, 2014, Foto: Arno Dietsche, © Scopin.

Das Material wird zum Ausdrucksträger, es lässt vielschichtige, tief in existenzielle und erdgeschichtliche Dimensionen eindringende Assoziationen zu. In der Schönheit des schwarzen Glanzes spiegeln sich Pelikane, die im Golf von Mexiko an einer ähnlichen Schicht schwarzen Öls auf der Meeresoberfläche ersticken, einem Resultat menschlicher Macht und Gier. Auch der Suprematismus Malewitschs kommt in den Sinn, als Vorreiter der schwarzen Form. Und mit der Konnotation des „Judenpechs“ spielte bereits der jüdische Aktionskünstler Gustav Metzger im vergangenen Jahr. Der Werkstoff birgt diverse Facetten des menschlichen Abgrundes. Doch im Gegensatz zu genannten Künstlern nimmt Scopin von programmatischen Bildaussagen Abstand, ihn beschäftigt nur die Materialgewalt und dessen haptische Qualität. Seine gar unschuldige Beschäftigung mit der Gefühlswelt, wie er selbst das Leitthema seines Schaffens definiert, geht anhand der tiefenpsychologisch anmutenden Titel hervor: „Schatten kamen auf mich zu“, „Ruhe ist nicht Ruhe, Stille ist nicht Stille“ und „das Dunkel der Nacht war voller Geschichten“.

Seit 2012 arbeitet der ursprüngliche Fotograf und Dokumentarfilmer an der Serie. Formgebend hierfür waren die Anblicke des aufgebrochenen Asphalts der New Yorker Straßen der 70er Jahre, die Scopin als Bewohner des legendären Chelsea Hotels gerne mal mit Patti Smith oder Robert Mapplethorpe beschritt. Ein langer künstlerischer Prozess von mehreren Jahrzehnten führten ihn schließlich zum Bitumen, wörtlich Erdpech, als offensichtlichstes und zugleich abwegigstes Medium.

Die Werke ausgerechnet in einer Kirche auszustellen – eine bemerkenswerte Wahl, die eine weitere Bandbreite an Assoziationen in den mächtigen Kunstwerken eröffnet. Die Wechselwirkung zwischen den hohen Backsteingewölben des Schinkel-Baus und den dagegen wiederum beinahe klein erscheinenden Holzplatten ist zwar aus ästhetischer Sicht sehr interessant, muss jedoch nicht unbedingt als interpretatorische Metaebene fungieren. Ortsbezogen sind Scopins Arbeiten nämlich nicht wirklich, die Ausstellung war in selber Zusammenstellung bis vor Kurzem noch in der Barlach Halle K in Hamburg zu sehen, einer gänzlich anderen Atmosphäre. Einen großartigen Bezug bildet jedoch ein Werk mit dem Titel „es war eine große Ruhe“, eine von Erdpech übergossene Anmutung einer Dornenkrone, aufgestellt – wo auch sonst – in der Apsis des Gotteshauses. Blasphemie? Scopin enthält sich ja politischer Statements.

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WANN: Die Ausstellung „Asphalt“ läuft noch bis zum 8. Mai 2016.
WO: St. Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3, 10115 Berlin. Wer mehr sehen will, der klicke hier

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