#StayWoke
Lindsay Lawson und Michael Ullrich in der Galerie Lisa Kandlhofer

21. Februar 2018 • Text von

Stillstand und Bewegung, Aktion und Kontemplation. Unter dem Titel „Wokeness“ präsentiert die Galerie Lisa Kandlhofer eine Einzelausstellung der in Berlin lebenden Amerikanerin Lindsay Lawson.

Lindsay Lawson: The Considerer, 2018, GALERIE LISA KANDLHOFER.

Wie aus toxischer Zuckerwatte geformt sitzt der überförmige Denker auf seinem Drehstuhl, den Kopf, in bekannter Pose, auf der Hand ruhend. „The Considerer“ ist nicht die erste Skulptur von Lindsay Lawson, die sich direkt auf Auguste Rodins „Le Penseur“ von 1880 bezieht. Schon „Der Denker“ aus dem Jahr 2015, der auch in der Ausstellung gezeigt wird, greift die ikonische Haltung des Originals abstrahiert in einer eleganten Neon-Linie auf, in der Galerie Lisa Kandlhofer zeigt Lawson nun insgesamt fünf figurative Skulpturen, die das Thema des Kontemplierens verhandeln und, fast wie um ein Lagerfeuer, um die Skulptur eines brennenden Abfalleimers positioniert sind. 

Installation View Lindsay Lawson, WOKENESS, Galerie Lisa Kandlhofer, 2018.

Doch Kontemplation ist das Gegenteil von Aktion. Der Denkende handelt nicht, agiert nicht aktiv. Im Titel der Ausstellung „Wokeness“ bezieht sich die Künstlerin auf die Vokabel „Woke“, die in den Vereinigten Staaten von Amerika aktuell als Parole dient. Der politische Begriff stammt aus dem afroamerikanischen Slang und bezieht sich auf ein wahrgenommenes, aktives Bewusstsein für Probleme in Bezug auf soziale und politische Gerechtigkeit. Seine weit verbreitete Verwendung seit 2014 ist ein Ergebnis der Black Lives Matter Bewegung. Wer „Woke“ ist, versteht die Bedingungen und Kausalitäten des ungerechten Systems und handelt dementsprechend.

Lindsay Lawson: Tote Bag, 2018, GALERIE LISA KANDLHOFER.

Zwischen den denkenden Figuren drapiert, stechen kleinere Keramikskulpturen heraus, aus denen tatsächliche Flammen schlagen. Ein Basecap, ein Paar Turnschuhe und eine Jutetasche liegen auf dem Boden, fast wie liegengelassen. Es sind Alltagsgegenstände einer jungen Generation, die hier Feuer gefangen haben und dem stabilen Medium Skulptur einen dynamischen Aspekt geben. Der Dichotomie von Stillstand und Bewegung widmete sich Lindsay Lawson bereits in ihrer letzten Präsentation bei Gillmeier Rech in Berlin, dort nutzte sie Wasser und Nebel im Ausstellungsraum.

Installation View Lindsay Lawson, WOKENESS, Galerie Lisa Kandlhofer, 2018.

Lindsay Lawson reflektiert in ihrer Ausstellung das Wesen von Objekten und Skulpturen und deren Beziehung zu unserer Realität. Ein sensibler und smarter Umgang mit Material kennzeichnet ihre Arbeiten, die zwischen den Polen Stillstand, Bewegung und Zerstörung zu schweben scheinen. Abstraktion und Figuration stehen genauso im Spannungsfeld wie Kontemplation und Aktion: Wie wird aus dem denkenden ein handelndes Subjekt.

Michael Ullrich: Lara, 2016, Galerie Lisa Kandlhofer.

Sehnsüchte, Begierden und Vergänglichkeit. Neben den Arbeiten von Lindsay Lawson werden im „Project Room“ der Galerie Lisa Kandlhofer auch Arbeiten des jungen deutschen Fotografen Michael Ullrich gezeigt. In seinen sensiblen Bildern hält der ehemalige Meisterschüler von Juergen Teller flüchtige Momente intensiver Gefühle fest. Er nähert sich seinen Motiven respektvoll und schafft so einen unverklärten Blick auf das Geschehen. Fast nostalgisch wirkt sein fotografischer Blick, der Momente der Jugend, Lust und Emotion bannt und archiviert und sich deren Vergänglichkeit gleichzeitig schmerzhaft bewusst ist.

WANN: Die Ausstellungen sind noch bis 17. März zu sehen.
WO: Galerie Lisa Kandlhofer, Brucknerstraße 4, 1040 Wien.

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