"Statisch ist sowieso nichts."
Dafna Maimon über die Kunst des Spielens

23. März 2017 • Text von

Wo sind wir eigentlich, außer da, wo wir gerade sind? Was wollen, brauchen, lieben, hassen, fürchten, denken wir? Im April lädt die Künstlerin Dafna Maimon mit ihrem Ensemble „Related Primates“ zu einem Selbstfindungexperiment ins KW Institute for Contemporary Art ein. 

Eine Bar wird in eine emotionale Landschaft transformiert und das Publikum darf sich auf die Suche nach dem inneren Kind begeben – das klingt genauso spannend, wie es ist. Dafna Maimon, in Berlin situierte Künstlerin und Ziehmutter des Ensembles „Related Primates“, wird mit ihrer Gruppe im April drei Performance-Abende in Bob’s Pogo Bar im KW Institute for Contemporary Art abhalten.  Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und wir haben die Öhrchen dazugesteckt. 

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Videostills der Related Primates Rehearsals. Courtesy: Dafna Maimon. Fotos: Ben Kinsley and Jessica Langley.

gallerytalk.net: Hallo Dafna. Anfang April wirst du mit deinem Ensemble „Related Primates“ drei Performance-Abende in Bob’s Pogo Bar im KW Institute of Contemporary Art veranstalten. Wie kam die Idee für das Projekt zustande?
Dafna Maimon: Ich träume schon eine ganze Weile von einer beständigen Gruppe, mit der ich arbeiten kann. Seit ich Videos mache, sehne ich mich danach, mehr Zeit mit den Leuten zu verbringen und verschiedene Dinge spielerisch auszuprobieren, ohne dabei unbedingt auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten. Grundsätzlich fehlt es an Möglichkeiten, prozessorientiert performative und körperliche Praktiken auszuloten. Die Art und Weise, in der wir uns mit unseren Körpern auseinandersetzen und unsere Identität sowohl im „realen“ Leben als auch in fiktionalen Situationen ausdrücken, ist ebenso Material wie die Farbe für den Maler. Wenn man aber mit Menschen arbeitet, kann man nicht einfach ins Studio gehen und ein paar Skizzen oder formale Studien anfertigen. Man muss intensiv Zeit mit den Leuten verbringen, mit ihnen spielen. Deshalb habe ich angefangen von dem Ensemble zu fantasieren.

Nachdem die Idee dann stand – wie ging es weiter? 
Caique Tizzi vom Agora Collective und ich hatten schon seit längerem die Idee, gemeinsam Performances zu realisieren. Zeitgleich haben mich die Kuratoren der Pogo Bar, Maurin Dietrich und Cathrin Mayer, kontaktiert, ob ich nicht Lust hätte, dort ein Event zu organisieren. Wir haben also beschlossen, beides miteinander zu verbinden. Ein Freund und ich kamen auf den Namen „Related Primates“, der gewissermaßen meine Idee von dem ganzen Unterfangen beschreibt: Uns selbst als Tiere wahrzunehmen, die miteinander verbunden sind, spielen und experimentieren müssen.

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Videostill der Related Primates Rehearsals. Courtesy: Dafna Maimon. Fotos: Ben Kinsley and Jessica Langley.

Ihr habt zuvor ein Casting für das Ensemble veranstaltet. Nach welchen Kriterien habt ihr die Leute ausgesucht?
Das war ehrlich gesagt etwas verzwickt. Nachdem ich zu dem Casting aufgerufen hatte, kamen viel mehr Leute, als erwartet. Ich war verblüfft und zutiefst gerührt, wie viele Menschen an dem Prozess teilhaben wollten. Die Auswahl war schwierig, da ich nicht auf der Suche nach außergewöhnlichen Talenten war. In dem Aufruf hatte ich lediglich geschrieben: “You need NO skills, NO experience, NO apprehension, just a curious Head, Guts, a Body and the willingness to experiment and show up.”
Emma Waltraud Howes, die Choreografin von „Related Primates“, Caique und ich haben uns die Vorspiele dann gemeinsam angesehen und intuitiv entschieden. Wir haben die Leute ausgewählt, bei denen wir das Gefühl hatten, sie stehen dem Prozess besonders offen gegenüber und haben Lust, etwas Neues in sich selbst zu entdecken. Auch Humor spielte eine wichtige Rolle. Deshalb haben wir die Vorspielenden auch dazu aufgefordert, zu improvisieren. Natürlich hätten am Ende noch etliche andere diese Kriterien erfüllt, aber bisher bin ich sehr glücklich mit unserer Auswahl. Es scheint, als hätten alle Spaß.

Während der eurer Performance wird die Bar in eine „emotionale Landschaft“ transformiert, in der die Zuschauer ihrem inneren Kind begegnen können. Das klingt ja fast nach einem spirituellen Trip …
Da hast du Recht! Ich versuche dem Publikum in dem Event einen Eindruck davon zu vermitteln, was wir in den vergangenen Wochen mit „Related Primates“ getan haben: herumexperimentieren und sich selbst und den inneren Bedürfnissen näher kommen. Das ist immer auf eine Art ein spirituelles Unterfangen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es klappen wird, aber wir werden es versuchen.

Videostills der Related Primates Rehearsals. Courtesy: Dafna Maimon. Fotos: Ben Kinsley and Jessica Langley.

Videostills der Related Primates Rehearsals. Courtesy: Dafna Maimon. Fotos: Ben Kinsley and Jessica Langley.

Woher rührt dein Interesse in spirituelle Praktiken?
Spiritualität ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck für das, wonach ich suche. Ich denke, dass es uns an Ritualen und Systemen fehlt, in denen wir Emotionen verarbeiten und bedeutungsvolle Zeit miteinander verbringen können. Menschen verlieren deshalb an Empathie und treffen egoistische Entscheidungen, die nur denjenigen nutzen, die ohnehin schon über Macht verfügen. Wir sollten mehr Räume und Strukturen schaffen, in denen Personen mit sich selbst und anderen in Verbindung treten und füreinander Sorge tragen können. Das ist es, was mich interessiert.

Existiert deiner Meinung nach eine direkte Verbindung zwischen Spiritualität und Kunst?
Ich bin definitiv der Meinung, dass es dort einen direkten Link gibt. Wirklich gute Kunst zeigt, dass jemand mit seinem Inneren in Verbindung steht und dieses Innere der Außenwelt sehr direkt kommunizieren kann. Diese Aufrichtigkeit entspringt meinem Ansehen nach einem spirituellen Lauf. Den Großteil unseres Lebens verbringen wir mit dem Versuch, unseren eigentlichen Bedürfnissen nachzuspüren und ein erfülltes Leben zu führen, ohne uns von unwichtigen Dingen wie sozialem Druck oder Statusgehabe aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Kunst zu kreieren kann im besten Falle dieser Prozess sein.

Wie gedenkt ihr das Publikum in eine solche emotionale Reise zu involvieren?
Tja, das kommt ganz auf das Publikum selbst an. Ich hoffe allerdings, dass sie sich „in“ der Performance wiederfinden, bevor sie die Situation analysiert und bewertet haben. Dass sie sich einfach ganz darauf einlassen und ihre eigenen Erfahrungen machen, so wie Kunst es ja eigentlich immer verlangt.

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Videostill der Related Primates Rehearsals. Courtesy: Dafna Maimon. Fotos: Ben Kinsley and Jessica Langley.

Im Moment steckt ihr wahrscheinlich über beide Ohren in den Vorbereitungen. Verrätst du uns, was hinter den Kulissen gerade so passiert?
Momentan trifft sich das Ensemble alle zwei Wochen für eine dreistündige Session, in der wir Dinge ausprobieren, die ich zuvor gemeinsam mit Emma entwickelt habe. Bald werden wir aber anfangen, konkret für das Event zu proben. Ansonsten laufen dauerhaft Gespräche und Experimente mit Emma und wir stellen mit Tea Palmelund Kostüme für die Performance her. Das alles trägt dazu bei, jene Vorstellungswelt rund um „Related Primates“ zu kreieren. Ich tue dabei die ganze Zeit so, als würde die Gruppe schon länger existieren und es gäbe einen ganzen Kosmos, der ihr zugeordnet ist. Das können Dinge wie Kleidung, Essen, Requisiten, Sprache, Lieder und vieles mehr sein. Außerdem filme ich den ganzen Prozess und stehe permanent mit dem Material im Dialog.

Welche Rolle spielen die Kostüme in der Performance?
Die Kostüme rahmen das Ensemble visuell ein. Es wird auch einige Requisiten geben, mit denen wir Effekte erzielen können, die Worte oder Bewegungen allein nicht auszulösen vermögen. Es macht sehr viel Spaß, die Kostüme herzustellen und sie helfen dabei, mir „Related Primates“ als eine beständige Organisation oder Bewegung vorzustellen. Ich erinnere mich immer wieder daran, wie ich als Kind spielte und bestimmte Gegenstände beiläufig einer ausgedachten Welt oder einem fiktiven Charakter zuordnete. Sich die Kostüme und die anderen Sachen auszudenken, fühlt sich ein bisschen wie ein Verkleidungsspiel an – ich liebe es.

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Videostill der Related Primates Rehearsals. Courtesy: Dafna Maimon. Fotos: Ben Kinsley and Jessica Langley.

„Related Primates“ ist Teil der vom Agora Collective ins Leben gerufenen Plattform „I’m Hungry“, die kulinarische Praktiken in verschiedene künstlerische Ansätze einfließen lässt. Wird es auch in eurer Performance eine kulinarische Komponente geben? 
Vielleicht. Wir werden das Publikum auf unterschiedlichste Art und Weise füttern. Mehr darf ich aber noch nicht verraten.

Das Event findet an einem außergewöhnlichen Ort statt – nicht in einem Museum oder einer Galerie, sondern in einer Bar. Inwieweit wirkt sich das auf das Projekt aus?
Die Bar befindet sich in einem Museum, wir entfliehen dem institutionellen Kontext demnach nicht wirklich. Das Wichtigste ist, dass das Publikum nicht von der Gruppe getrennt ist, sondern es sich mehr um eine „alle zusammen, wo auch immer wir gerade sind“ Situation handelt.
Mir gefällt die Barkulisse, weil Leute dort hingehen, um Zeit miteinander zu verbringen. Normalerweise wird in Bars rumgesessen und getrunken. Auch wenn das sehr spaßig und auch katharisch sein kann, freue ich mich darauf, dieses Mal eine ganz andere, vielleicht auch etwas herausfordernde Erfahrung in demselben Setting heraufzubeschwören.

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Dafna Maimon. Foto: Ethan Hayes-Chute.

Ganz zum Schluss noch ein Blick nach vorne: Was passiert mit „Related Primates“ nach der Performance? Handelt es sich um eine einmalige Sache oder hast du vor, das Projekt weiterzuentwickeln?
Ich hoffe sehr, dass es sich irgendwie weiterentwickelt, auch wenn ich noch nicht sicher bin, in welche Richtung. Aber selbst wenn „Related Primates“ in diesem Rahmen nicht weitergehen sollte, werden der Prozess und die gesammelten Erfahrungen in das nächste Projekt einfließen. Statisch ist sowieso nichts.

Zu dem Ensemble gehören: 
Marie-Delphine Rauhut
Dan Allon
Jos McKain
Tara Dominguez
Wissam Sader 
Laura Hemming-Lowe 
Jorge Vega 
Xinyue Zhang 

WANN: Die Performanceabende finden zwischen dem 13. April und 15. April statt. Infos findet ihr hier.
WO: Bob’s Pogo Bar, KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin.

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