Silikon-Valley
Die Körperwelten des Malte Bruns

26. April 2017 • Text von

Menschliche Körper und Beschäftigungen mit dessen Veränderbarkeit sind vor allem im Kino und im Comic allgegenwärtig. Am Personal aus Zombies, Cyborgs, Mutanten und Clonkriegern wird nicht gespart. Humorvoll oder erschreckend geht es immer um Eingriffe in die Natur und die Überwindung biologischer Gesetzmäßigkeiten, den Grenzbereich menschlicher Existenz. Malte Bruns greift diese Eingebungen auf und lädt ein in sein Kuriositätenkabinett. 

Malte Bruns: "Given", 2017, Platin, Silikon, Epoxidharz, Glasfaser, Holz, Kabel, Arduinoboard, Bewegungsmelder, Motoren, Metall, Projektion, 57 x 120 x 63 cm. © Malte Bruns

Malte Bruns: „Given“, 2017, Platin, Silikon, Epoxidharz, Glasfaser, Holz, Kabel, Arduinoboard, Bewegungsmelder, Motoren, Metall, Projektion, 57 x 120 x 63 cm. Foto: Ivo Faber © Malte Bruns

Wir waren zu Gast im Rheinland, traditionell ein wichtiger Hot-Spot der deutschen Kunst-Szene. Und mussten feststellen: die Region wird ihrem guten Ruf gerecht, denn auch jenseits der Art Cologne gibt es aufregende Entdeckungen zu machen. In erster Liga spielt derzeit der KIT in Düsseldorf mit der Ausstellung „Tremors“ von Malte Bruns. Der Meisterschüler von Georg Herold an der Düsseldorfer Kunstakademie, jüngst für den renommierten Nam June Paik Award nominiert, fasst die Besucher nicht mit Samthandschuhen an. Schon im Eingangsbereich wird man begrüßt vom verstörenden Fragment eines Unterkörpers, aufgebahrt auf einer Holzplatte und zwei Werkböcken. Das eine Bein nach oben gestreckt und angewinkelt, das andere nur noch als Stumpf vorhanden zur Seite gespreizt, wird der Blick freigegeben auf den Bereich des Körpers, der normalerweise intime Einblicke gewährt. Stattdessen findet sich hier nur eine behelfsmäßige Löchrigkeit der durch die hautfarbenen, ausfransenden Silikonteile definierten Volumina des vorhandenen Beins, offenbar zusammengehalten und stabilisert von cyborgartigen Metallstrukturen, die aus dem inneren der Skulptur hervorblitzen. Schon die an der Seite wegführenden Kabel deuten an, dass hier wohl noch andere Beobachtungen zu machen sind und tatsächlich fängt bei genauerer Betrachtung der in der Luft hängende Fuß an, sich dezent aber irritierend lebensecht zu bewegen. Unweigerlich muss man an ethisch bedenkliche medizinische Experimente zu Beginn der industriellen Revolution denken, in denen versucht wurde, Froschbeinen durch Stromstöße wieder Leben einzuhauchen – Frankenstein lässt grüßen! Das Video im Hintergrund von Bruns‘ Arbeit, das zwei Monde oder Sonnen andeutet, taucht die Szenerie in entrücktes, fast schwarzlichtartiges Violett. Überhaupt kommt Licht in dieser feinsinnig durchkomponierten Ausstellung eine große Bedeutung zu.

Malte Bruns: "Extracurricular Activities", 2016-2017, verschiedene Materialien, u.a. PUR, Kabel, Holz, Leuchstoffröhren, LED Screens, Platinum Silikon, Platinum Silikonschaum, Größe Variabel. © Malte Bruns

Malte Bruns: „Extracurricular Activities“, 2016-2017, verschiedene Materialien, u.a. PUR, Kabel, Holz, Leuchstoffröhren, LED Screens, Platinum Silikon, Platinum Silikonschaum, Größe Variabel. Foto: Ivo Faber © Malte Bruns

Der ausgefallenen Raumaufteilung des KITs folgend lässt man den Eingangsbereich hinter sich und der Raum öffnet sich zu einem schlauchartigen Saal, der eine leichte Linkskurve vollzieht; „Kunst im Tunnel“ eben. Malte Bruns geht auf diese örtlichen Besonderheiten äußerst souverän ein und führt den Betrachter weiter zur nächsten Station seines eigenwilligen Werkstattberichtes, der den Besucher vereinnahmt wie ein fiebriger (Alb-)Traum aus den Kellerräumen der Pathologie. Es entsteht ein voyeuristischer Sog, ein etwas gruseliges Interesse, was nach diesem Einstieg wohl als nächstes kommen mag. Doch wie bei einer gelungenen Theateraufführung steht man erst einmal vor einem geschlossenen Vorhang. Dieser ist allerdings stilsicher nur als Video auf eine runde Holzwand projiziert – alles nur Fake? Dahinter wird der Blick freigegeben auf ein multimediales Kabinett aus Lampen, Holztischen und seltsamen Zylindern, die Objekten und Videos als Vitrinen dienen. Auch hier begegnen wir wieder dem Körper, wieder als Fragment, dieses Mal in Form einer sich auf einer Plattform abstützenden Faust und eines auf dem Ballen balancierenden Beins, dessen Wade in regelmäßigen Abständen verstörend zuckt.

Malte Bruns: "White Trash", 2016, Platin Silikon, Platin Silikonschaum, Klebeband, Polypropylenseil, 14 x 73 x 20 cm. Foto: Ivo Faber © Malte Bruns

Malte Bruns: „White Trash“, 2016, Platin Silikon, Platin Silikonschaum, Klebeband, Polypropylenseil, 14 x 73 x 20 cm. Foto: Ivo Faber © Malte Bruns

Die Körperteile werden präsentiert wie Ergebnisse einer makabren Versuchsanordnung. Als hätte ein zwielichtiger Wissenschaftler aus einer dystopischen, nicht allzu fernen Zukunft fragwürdige Experimente in einem menschlichen Ersatzteillager durchgeführt, oder als ginge es umgekehrt darum, Androidenbauteile zu erschaffen, deren Bewegungsapparat möglichst menschenähnlich wirken sollte. Oder als würden, wie in dem Video rückseitig zur anfänglichen Vorhangprojektion, künstliche Arme aus der Retorte gezüchtet, als Lebend-Prothesen für bedürftige Patienten bestimmt. War da nicht was mit einem geklonten Schaf namens Dolly und einer Maus mit einem menschlichen Ohr auf dem Rücken? Das ist lange her – wie weit wird die Wissenschaft wohl mittlerweile sein? Die Grenze zwischen Naturnachahmung und Naturbeobachtung scheinen sich hier bewusst aufzulösenen. Das Vorläufige, Experimentelle, die herumliegenden Kabel, die hölzernen Aufbauten, das dargebotene Repertoire an Silikonabformungen, die doch auch grausames Relikt einer Schlachtung sein könnten, und das einlullende, farbige Licht erschaffen eine Grundstimmung, die einen zugleich befremdet und doch bedenklich vertraut vorkommt.

Malte Bruns: "Extracurricular Activities", 2016-2017, verschiedene Materialien, u.a. PUR, Kabel, Holz, Leuchstoffröhren, LED Screens, Platinum Silikon, Platinum Silikonschaum, Größe Variabel. © Malte Bruns

Malte Bruns: „Extracurricular Activities“, 2016-2017, verschiedene Materialien, u.a. PUR, Kabel, Holz, Leuchstoffröhren, LED Screens, Platinum Silikon, Platinum Silikonschaum, Größe Variabel. © Malte Bruns

Wie weit weg ist diese Inszenierung vom Potential computergenerierter Avatare, die das Echte immer täuschender vorgaukeln, und den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz und Robotik? Jene Techniken, die sich in fortschreitendem Tempo anschicken, dem Menschen nicht nur ebenbildlich, sondern ebenbürtig und letzlich überlegen zu werden. Vielleicht ist es naiv so zu denken, ohne echte Expertise über den realen Stand der Forschung – aber angesichts bestimmter technologischer Entwicklungen erschleicht einen schnell das Gefühl der drohenden Ersetzbarkeit menschlicher Existenz. Die angestrebte Optimierung könnte so schnell in Replacement umschlagen. 

In einem weiteren Video von Bruns clashen Technik und Körper besonders innig aufeinander. Ein Metallgerüst wie ein Stabilisierungsapparat nach einem komplizierten Knochenbruch scheint die darin eingewobene Hand zu dirigieren wie ein Marionettenspieler. Eine seltsame Zusammenkunft irgendwo zwischen „Edward mit den Scherenhänden“ und leidvoller Reha-Maßnahme.

Malte Bruns: "Extracurricular Activities", 2016-2017, verschiedene Materialien, u.a. PUR, Kabel, Holz, Leuchstoffröhren, LED Screens, Platinum Silikon, Platinum Silikonschaum, Größe Variabel. © Malte Bruns

Malte Bruns: „Extracurricular Activities“, 2016-2017, verschiedene Materialien, u.a. PUR, Kabel, Holz, Leuchstoffröhren, LED Screens, Platinum Silikon, Platinum Silikonschaum, Größe Variabel. © Malte Bruns

Trotz dieser durchaus beunruhigenden Assoziationen und der unheimlichen Gesamtinszenierung der Ausstellung gibt es aber auch genügend Sprenkel (schwarzen) Humors, etwa bei einem Gesichtsfragement, das von der Decke baumelt. Gehalten wird es von einer angeleinten Hand, eingehakt in dessen Nase. Das sieht brutal aus, ist aber auch saukomisch und kann als Zeugnis für die Vermutung herhalten, dass Bruns sich nicht alleinig in der Rolle des düster-nüchternen Laboranten gefällt, sondern auch einen Hang zur deftigen Groteske hat; einem Stilmittel, das dieser Art von Kunst nicht schaden kann. Denn natürlich lässt sich Bruns‘ Interesse am menschlichen Körper und dessen Darstellung kunsthistorisch gut einbetten. Schon die Surrealisten, allen voran der obsessive Hans Bellmer und in jüngerer Zeit Positionen wie Robert Gober, Ron Mueck oder Belinde de Bruyckere beschäftigen sich mit der seltsam hyperrealen Präsenz der menschlichen Hülle, deren Erscheinung zwischen Lebendigkeit und Künstlichkeit changiert, zwischen Wesen und Ding, beseeltem Subjekt und vergänglichem Fleisch. Der Körper als erstes Haus des Ichs, einem fragilen und komplexen Gefäß allen Seins wird sowohl in seiner Verletzbarkeit als auch in Hinblick auf seine potentielle Perfektionierung oder Erweiterung betrachtet. Die lebensnahen Skulpturen des Renaissance-Menschen Michelangelos, mit dem Bruns eine Vorliebe für das Unfertige, dem „non-finito“ teilt, sind auch heute noch beeindruckend. Bei ihm pulsierten die einzelnen Adern regelecht unter dem Stein. Doch im Jahr 2017 stellt sich die Frage, welche Bedeutung der menschliche Körper und dessen Darstellung in Zeiten maschineller Dominanz und postindustrieller, digitaler Perfektion überhaupt noch haben kann. Folgerichtig fließt durch die Adern von Malte Bruns‘ Körperfragementen auch kein Blut, sondern eher Silikonmasse und Bauschaum, seine Gliedmaßen sind dargeboten wie Werkzeuge aus dem Baumarktregal.

Malte Bruns: "Hale-Bopp - Endgegner", 2017, Polyurethanschaum, Holz, Draht, Glasfaser, Epoxydharz, 250 x 270 x 270 cm. © Malte Bruns

Malte Bruns: „Hale-Bopp – Endgegner“, 2017, Polyurethanschaum, Holz, Draht, Glasfaser, Epoxydharz, 250 x 270 x 270 cm. Foto: Ivo Faber © Malte Bruns

Quasi als Finale nicht nur des eigenwilligen Raumes befindet sich hinter einer weiteren Wand ein illustres Trio gegeneinander hängender Riesenköpfe, deren obere Hälften wie weggesprengt scheinen, als wären sie aufgeplopt wie außerirdische Eier aus der Horror-SiFi-Saga „Alien“. Der übriggebliebene Gesichtsausdruck der drei lässt allerdings kein übermäßiges Schmerzempfinden vermuten, sondern eher eine selige Belustigung. War das nun der missglückte nächste Schritt zum Übermenschen? Oder die grausame Bestrafung zweier hochmütiger Riesen? Egal mit welcher Empfindung man diese extravagante Ausstellung verlässt, beeindruckend ist sie allemal in ihrer konzeptionellen Präzision, ihrer handwerklichen Souveränität und ihrer klugen, aber keinesfalls besserwisserischen Schrägheit.

WANN: Malte Bruns „Tremors“ ist noch bis zum 11. Juni 2017 zu sehen.
WO: Das KIT – Kunst im Tunnel ist am Mannesmannufer 1b, direkt am Rhein in Düsseldorf.