Sexy Scherenschnitt
Symbol für Glück und Freude

20. Juni 2018 • Text von

Tradition ist aus der Mode gekommen? Der chinesische Künstler Xiyadie erweckt den Papercut strahlend zum Leben und bespielt ihn mit hoher Symbolträchtigkeit und sexuellem Verlangen.

Xiyadie

Car (Train), 1985, Papercut with water-based dye and Chinese pigments on Xuan paper @ Xiyadie

Die erste europäische Einzelausstellung „Cut Sleeve, Split Peach“ in der Nome Gallery, kuratiert von Hera Chan, zeigt eine Auswahl von traditionellen, handgeschnittenen und -gefärbten Scherenschnitten. Der Titel verweist auf eine queere Liebesgeschichte, in dessen erstem Teil der Edelmann Mizi Xia in einen Pfirsich beißt, in eine Frucht so zuckersüß, dass er dem Herzog Ling von Wei einen Teil davon anbietet. Der zweite Part handelt von dem Eroberer Ai, in dessen Armen sein Liebhaber Dong Xian schlummert. Statt diesen zu wecken, entschließt sich Ai, den seidenen Stoff am Körper seines Angebeteten aufzuschneiden. Legenden wie diese bilden die Grundlage von Xiyadies Papercut-Arbeiten. Traditionelle Formen, die bis ins 6. Jahrhundert zurückreichen, verschmelzen mit queerer Erotik.

Xiyadie

Gate (1992), Papercut with water-based dye and Chinese pigments on Xuan paper @ Xiyadie

Ein Scherenschnitt, der Fenster oder Türen schmückte, galt als Symbol von Glück und Freude. In Xiyadies Werken vermischen sich die Symbolik mit den Inhalten und verbildlichen neben Wonne und Genussvorzugsweise Menschen in lustvoller Ekstase. Begonnen bei den Schriftzeichen tragen Symbole in der chinesischen Tradition eine große Bedeutung. Die indirekte Kommunikation überdeckt die Unschicklichkeit, seine Belange direkt mitzuteilen. Sexuelle Tabus können ausgedrückt werden. Mond und Sonne sind immer präsent in den Werken. Die Sonne als Symbol für Yang, die Männlichkeit, Frühling, Geburt. Der Mond, Yin, steht für Weiblichkeit, Herbst, Sterben. Als Beobachtende stehen die Himmelskörper über erotischen Liebeszenen, umzogen von blühenden Pflanzen und bunten Tieren.

Xiyadie

Wall (2016) Papercut with water-based dye and Chinese pigments on Xuan paper

Xiyadie bedeutet sibirischer Schmetterling – ein Name, den der Künstler wählte, nachdem er in den 1990er Jahren als Arbeiter nach Beijing gezogen war und Teil der bourgeoisen Gay-Szene wurde. Ein sibirischer Schmetterling als Symbol für Freiheit in einer Umgebung ohne Sanktionierung für eine queere Identifikation.

Xiyadie

Sewn (1999) Papercut with water-based dye and Chinese pigments on Xuan paper @ Xiyadie

Erstmals im Beijing LGBT Center ausgestellt, wurden Xiyadies Arbeiten unter anderem bei Para Site, Hong Kong (2017), der Galerie Verbeeck – Van Dyck, Antwerpen (2015) und dem Topenmuseum in Amsterdam (2015) gezeigt.

WANN: Die Ausstellung kann noch bis zum 13. Oktober besucht werden. Geöffnet ist immer Dienstags bis Samstags, von 15 bis 17 Uhr.
WO: In der Nome Gallery, Glogauer Straße 17, 10999 Berlin.

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