Seelenforschung der Virtualität

30. Januar 2016 • Text von

Was fühlst du vor deinem Computer? Wer bist du, wenn du fernsiehst? Bei Sprüth Magers werden der mentale Zustand der flüchtigen Transzendenz in eine andere Welt, in einen technologisierten Traum und die Rolle des „Screens“ dabei, künstlerisch erforscht.

Du tauchst ein, verweilst und verlierst für einen Moment dich selbst und deine Umgebung in einer virtuellen Parallelwelt; in einem Raum, der geprägt ist von persistenter Transformation und letztendlich Vergänglichkeit. Bilder ziehen vorbei, Gedanken strömen ins Leere, du reagierst rein intuitiv. Der „Screen“ als Interface verbindet die Orte Realität und Virtualität, er ist gegenständliche Projektionsfläche des Unterbewussten. In dieser Hinsicht ähneln sich Kunst und Technologie, die beide in der Bedeutung des englischen Wortes stecken. Verbunden werden sie auch von Stan VanDerBeek, der Macht und Potenzial des Computers früh begriff und bereits in den 60er Jahren dessen gestalterische Möglichkeiten ergründete. Seine Werke und Worte bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung.

Stan VanDerBeek, Poemfield No.1, 1967, Film still, Ó Estate of Stan VanDerBeek and Sprüth Magers.

Stan VanDerBeek, Poemfield No.1, 1967, Film still, Courtesy Estate of Stan VanDerBeek and Sprüth Magers.

„I see how clearly sometimes we use the machines to represent us […] technology may be only a symptom of the impossibility of people to deal with one to one relationships“, merkt VanDerBeek in einem seiner ausgelegten Gedichte an, und gibt uns damit einen theoretischen Rahmen für sein Schaffen. Die aufgeworfenen Fragen sind heute besonders drängend: Welche Auswirkungen hat die Technologie auf unsere Selbstwahrnehmung und auf unser Sozialverhalten? In seiner herausragenden Videoarbeit „Poemfield No. 1“ verleiht er der Maschine Menschlichkeit. Die Worte eines surrealistischen Gedichtes flimmern in geometrischen Konfigurationen über den Bildschirm. Die humane Qualität des Poems wird von Programmierer Ken Knowlton in Computersprache und Codes transkribiert und soll aufzeigen, dass der Computer am Ende des Tages eine Erweiterung des menschlichen Geistes ist. Aber kann Technologie auch empathisch werden?

Installation view, DREAMING MIRRORS DREAMING SCREENS, curated by Johannes Fricke Waldthausen / Goodroom, Sprüth Magers, Berlin.

Installation view, DREAMING MIRRORS DREAMING SCREENS, curated by Johannes Fricke Waldthausen / Goodroom, Sprüth Magers, Berlin.

Stans Tochter Sara VanDerBeek ist ebenfalls in der Ausstellung vertreten, doch folgen ihre Werke keinem ganz so klaren Credo wie die ihres Vaters. Sara fotografiert Elemente aus baulichen Strukturen oder selbst geformten geometrischen Skulpturen, die der Vergänglichkeit verpflichtet sind und nur in zweidimensionalen Prints weiter bestehen. Das Anmuten oder Vortäuschen von Räumlichkeit, die Illusion von Gegenständlichkeit findet sich auch in der virtuellen Welt und konditioniert das menschliche Bewusstsein. Doch zeichnet die Künstlerin im Gegensatz zu, sagen wir Computerspielprogrammierern, ihre Werke durch auffällige Rahmung explizit als „Screens“ aus. Die Spiegelung des Glases wirkt als Projektionsfläche, der Betrachter kann sich nicht im Werk verlieren, ohne sich dabei aus den Augen zu lassen. Eine Art Selbstreflexion durch differenziertes Betrachten wird somit angeregt.

Aussagekräftig ist auch eine unbetitelte Videoarbeit von Oliver Laric, an der er zwei Jahre lang gearbeitet hat. Zeichentrickfiguren winden sich, eine nach der anderen, auf weißem Grund und transformieren sich fließend in Tiere mit Reiszähnen, in ihre Urform als Fötus oder ihren Endzustand als alten Greis, in muskulöse Übermenschen oder Rennwägen. Hier werden der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Der konstante Wandel und das Spiel mit Identität sind schlagende Charakteristika der virtuellen Welt und machen für viele ihren Reiz aus. In Larics Arbeit hat der Prozess des Übergangs, begleitet von melancholischer Klaviermusik und völlig kontextfrei, jedoch etwas Trauriges. Das „Ich“ hat keinen Raum in dieser unbeständigen Leere.

Installation view, DREAMING MIRRORS DREAMING SCREENS, curated by Johannes Fricke Waldthausen / Goodroom, Sprüth Magers, Berlin.

Installation view, DREAMING MIRRORS DREAMING SCREENS, curated by Johannes Fricke Waldthausen / Goodroom, Sprüth Magers, Berlin.

Auch die Werke von Jon Rafman beschäftigen sich mit den Auswirkungen der Technologie und digitalen Kultur auf das menschliche Bewusstsein. Der Kanadier erstellt seine abstrakten Marmorskulpturen zunächst am Computer mit einer Special Effects Software, wie sie in Hollywood verwendet wird. Ein digitaler Entwurf scheint kaum vereinbar mit einer so gegenständlichen, klassischen Materialität wie Marmor. Altes und neues Handwerk wird zu einer abstrakten, organischen Form vereint. Das ironische Lächeln des Künstlers, das sich in Titeln wie „Rhino Face Norway Pink“ äußerst, können die Werke nicht verbergen. Vielleicht muss man das Thema auch nicht immer so ernst sehen.

Installation view, DREAMING MIRRORS DREAMING SCREENS, curated by Johannes Fricke Waldthausen / Goodroom, Sprüth Magers, Berlin.

Installation view, DREAMING MIRRORS DREAMING SCREENS, curated by Johannes Fricke Waldthausen / Goodroom, Sprüth Magers, Berlin.

Kurator Johannes Fricke Waldthausen bringt Werke von insgesamt 13 internationalen Künstlern zusammen, um energetische Räume zu schaffen. Es geht nicht ausschließlich um Neue Medien:  Auch Werke, die sich mit dem Zustand der Transzendenz durch Meditation oder Schamanismus auseinandersetzen, werden diesen gegenübergestellt und wirken  polarisierend. Die Ausstellung wirkt deshalb so feingeistig wie auch kontemplativ konzipiert, weil davon abgesehen wird, jene Aggressivität und Härte, mit der Technologie im Alltag meist verbunden wird, in Szene zu setzen.  Denn unser Geist und unsere Seele sind letztendlich fragile Abstrakte, die Traumzustände brauchen, um in der Realität zu funktionieren.

WANN: Die Ausstellung läuft bis zum 2. April 2016.
WO: Sprüth Magers, Oranienburger Straße 18, 10178, Berlin.

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