Bevor das Licht ganz verschwindet
Oliver Boberg in der Oechsner Galerie

16. März 2017 • Text von

Zwischen Winterkälte und einer ersten Frühlingsbrise denkt manch einer vielleicht wehmütig zurück an die letzten warmen Sommertage. Oliver Boberg gibt sich dieser Melancholie hin und macht den nachmittäglichen Spätsommerschatten zum Protagonisten seiner Ausstellung.

Oliver Boberg: "Schatten 4" (Sandsteinecke), 2016 © Oliver Boberg

Oliver Boberg: „Schatten 4“ (Sandsteinecke), 2016 © Oliver Boberg

„Letzten Sommer“ – das ist nicht nur der gleißend helle Hochsommertag, oder ein erster zarter Sommerbeginn. Das ist, ein wenig wehmütig auch, ein letzter Sommer, ein letzter Sommertag, der mit langen Schatten und warm-goldenem Licht bereits den Herbst einzuläuten scheint. Der letzte Sommer ist vergangen, verblichen, vielleicht ein wenig vergilbt. Oliver Bobergs Arbeiten spiegeln wieder, was man verspürt. Zehn Fotografien, unglaublich still, sehnsüchtig, melancholisch auch, zeigen lange Schatten, die auf Hauswände und Fassaden fallen und für einen Moment dort dunkle Flächen zaubern, bevor das Licht ganz verschwindet. In ihrer formalen Reduziertheit und Strenge zeichnen sich die Arbeiten jedoch auch durch eine spröde Nüchternheit aus, die dem Sehnsuchtsgedanken entgegensteht. Seltsame Orte sind das meist, die Boberg zeigt: Gebäudenischen, Hausfassaden, Betonwände, Mauerwerk und Hinterhofecken – Orte, die selten einladend wirken, die verlassen scheinen, menschenleer. Gleich einem Schattenspiel fallen große flächige Schattenformen meist mittig in die leisen Szenen und verbergen einen Teil des Bildes hinter einem dumpfen schwarz-grauen Schleier.

Oliver Boberg: "Schatten 5" (Bretterwand), 2016 © Oliver Boberg

Oliver Boberg: „Schatten 5“ (Bretterwand), 2016 © Oliver Boberg

Die „Flüchtigkeit eines Schattens“, wie in der Ankündigung der Ausstellung versprochen, ist hier nicht immer zu spüren. Bobergs Schatten scheinen oft weniger „flüchtig“, sondern eher skulptural gesetzt und monumental dominant. Das ist wohl auch das leicht Irritierende, das einen in der Ausstellung beschleicht: Erinnerung an den letzten Sommer, das meint eher vage, verschwommene, eben flüchtige Bilder von Vergangenem. Einige Arbeiten erscheinen hier fast zu direkt und zu klar.

Die Bildtitel der Arbeiten sind strenge Durchnummerierungen, wenig poetische Deklinationen von „Schatten 1“ bis „Schatten 10“. Das Gefühl einer nüchternen Versuchsanordnung beschleicht einen auch bei dem ein oder anderen Bild: es erscheint zwischenzeitig eher als eine Deklination von Schattenwürfen und Beleuchtungssituationen, als ein Erzählen von Geschichten und führt dazu, dass die Arbeiten an einigen Stellen ein wenig redundant erscheinen.

Ausstellungsansicht: Oliver Boberg "Letzten Sommer", Oechsner Galerie. Foto: Annette Kradisch

Ausstellungsansicht: Oliver Boberg „Letzten Sommer“, Oechsner Galerie. Foto: Annette Kradisch

Oliver Boberg ist kein Fotograf. Die Tatsache, dass die Ausstellung „Letzten Sommer“ zehn akkurat gerahmte Fotografien zeigt, ist nur die Oberfläche von seinem Werk und das Ergebnis langwieriger Arbeit. Boberg erzählt Bildgeschichten von Orten – Un-Orten eigentlich –, die er penibel in Modellen nachbaut und diese dann fotografiert, genauer gesagt: fotografieren lässt. Es gibt Bilder, in denen man merkt, dass Boberg nicht unbedingt denkt wie ein Fotograf, dass es vielleicht immer diese zusätzliche dritte Ebene – den Fotografen – gibt zwischen dem Künstler Boberg und seinen Modellen und es gibt Bildmomente, die die eigentlich trügerische Illusion durch formale Ungenauigkeiten aufbrechen. Arbeiten wie „Schatten 3“ (Durchfahrt) bleiben Moment und reißen einen aus der Betrachtung der Bildgeschichten. Warum dieser Ort gezeigt wird, was er erzählen möchte, bleibt im Unklaren; der Schritt zum tiefen Eintauchen in die Bildszenerie fehlt hier, der Fokus liegt schlicht auf dem Moment des Schattens, seiner formalen Präsenz – aber verweilt hier leider auch und führt zu keiner weiteren Erzählung oder Assoziation.

Ausstellungsansicht: Oliver Boberg "Letzten Sommer", Oechsner Galerie. Foto: Annette Kradisch

Ausstellungsansicht: Oliver Boberg „Letzten Sommer“, Oechsner Galerie. Foto: Annette Kradisch

Obwohl den anderen Arbeiten visuell ähnlich, funktioniert das reduzierteste Bild der Ausstellung „Schatten 1“ (Hinterhofwand) gänzlich anders und eröffnet in seinem formalen Minimalismus ganze Welten. Mit schwelgerischer Ruhe erscheint der große Schatten hier eher wie ein Hauch, der die kühle Wand zu streifen scheint, wie ein weicher Vorhang, ein Dunst. Einzig in dieser – der frühesten – Arbeit in der Ausstellung wird der Schatten doch zu etwas „Flüchtigem“ und verweist auf die tiefstehenden, bald verschwindenden Sonnenstrahlen, auf laue Luft und Spätersommerduft. Ähnlich erzählerisch und sensibel sind Arbeiten wie „Schatten 6“ oder „Schatten 7“: Die dunklen, flächigen Schatten auf „Kirchenwand“ und „Werkstattwand“ erhalten eine Eigenschaft, die viel mehr über die bloße Bildbegrenzung der Fotografie hinaus erzählt und eine eigenständige Geschichte entwickelt, die neben und hinter der eigentlich gezeigten Szenerie stattzufinden scheint. Die Bilder lösen sich so von ihrer Flächigkeit, erhalten Tiefe und Raum und werden zu Erzählbühnen unzähliger Ereignisse eines vergangenen letzten Sommers.

Oliver Boberg: "Schatten 8" (Seitengasse), 2016 © Oliver Boberg

Oliver Boberg: „Schatten 8“ (Seitengasse), 2016 © Oliver Boberg

Besinnt man sich, ein wenig losgelöst von den reinen Fotografien, noch einmal darauf, dass Oliver Boberg all diese Szenen in aufwändigen Modellen baut, wird einem die handwerkliche Perfektion derselben bewusst: Dass es Boberg gelingt, all diese Fragen nach Momenten, Erzählungen, Bildgeschichten in seinen Arbeiten zuzulassen, und das Wissen nach der eigentlichen Gemachtheit beinahe völlig in den Hintergrund tritt, sind die wohl stärksten Momente der Ausstellung und vermutlich vor allem der Tatsache geschuldet, dass hier nicht seine Modelle, sondern ein ephemeres, flüchtig-diffuses Element – der Schatten selbst – zum Protagonisten der Bilder wird.

Es ist einer künstlerischen Arbeit wenig zuträglich, wenn sie sich auf einen bloßen Effekt reduzieren lässt und der Betrachter zu viele Dinge über die Entstehung wissen muss, um ihren Sinn und Wert würdigen zu können. Boberg weiß das und es gelingt ihm allermeistens, den Sprung hin zu einem übergeordneten Bildinteresse zu generieren. Überraschend – und äußerst positiv – ist es am Ende doch, dass die Ausstellung trotz des zwischenzeitigen Zweifels im Nachhinein einen inneren Klang erzeugt, der, eng verknüpft mit Sehnsucht nach warmem Sommerlicht und lauen Brisen, positiv konnotiert ist.

WANN: Die Schatten von Bobergs letztem Sommer fallen noch bis zum 8. April. Am Mittwoch, den 29. März, führt um 19 Uhr der Künstler selbst durch die Ausstellung.
WO: Die Oechsner Galerie im Atelier- und Galeriehaus Defet findet sich in der Gustav-Adolf-Straße 33.

Oliver Boberg stand uns vor wenigen Wochen im Rahmen seiner letzten Ausstellung im Kunsthaus Nürnberg persönlich Rede und Antwort. Das Interview könnt ihr hier nachlesen.

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