Romantischer Pessimismus
Christian Keinstar im Lehmbruck Museum

9. Mai 2017 • Text von

Manche flüchten sich in Religionen, er flüchtet sich in die Kunst. Christian Keinstar baumelt zwar ein Kreuz vom linken Ohrläppchen, als er durch seine Ausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum führt, doch er lässt keinen Zweifel daran, anhand welcher Paradigmen er sein Leben ausrichtet. Kunst begreift er als „Status, sich zu vergewissern“.

hristian Keinstar, Simplifikation, 2017, Gallium u .a., © VG Bild-Kunst,  Bonn 2017

hristian Keinstar, Simplifikation, 2017, Gallium .a., © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Christian Keinstar – und ja, das ist ein Künstlername, ist Stipendiat der Innogy Stiftung. Innogy ist ein Energiekonzern und da passt es natürlich, dass der Besucher angehalten ist, Keinstars Arbeiten doch bitte aus sicherem Abstand zu betrachten. Herzstück seiner Show ist ein schmelzender Schädel, sein schmelzender Schädel. Keinstar hat sein Konterfei in Gallium reproduziert, um sich selbst beim Verschwinden auf Zeit zuzusehen. Auf einem Sockelgestell tropft das silberne Ding durch eine heiße Platte langsam in einen Auffangbehälter – nur um in identischem Guss recycelt zu werden. In knapp einem Monat sind so sechs Köpfe zerronnen.

„Eigentlich ein sehr banaler Vorgang“, tut Keinstar seine Arbeit ab und verleiht ihr damit erst ihre Cleverness. Auf die Idee muss man schließlich kommen. „Ich bin jemand, der Endlichkeit als sehr beruhigenden Faktor wahrnimmt“, sagt Keinstar. Für so jemanden haben die großen Weltreligionen eben nicht viel im Angebot, weswegen er ihnen gleich zu eingangs die Kunst entgegengesetzt hat.

Zwischen Stellwänden hat sich Keinstar im Glas-Cube des Museums eingerichtet. Das hat vor ihm noch kein anderer Teilnehmer der Reihe „Sculpture 21“ gemacht. Was auf den ersten Blick etwas staubig daher kommen mag, stellt sich bei näherer Betrachtung fast schon als Provokation heraus. Mal abgesehen von dem Terminator-Gedächtnisstück, von dem hier bereits die Rede war, sind Keinstars Arbeiten nämlich so leise oder besser so langsam, dass nur derjenige in ihren Genuss kommt, der ihnen Zeit gibt, anstatt einfach den intuitiven Rundgang um die Aufsteller abzuschreiten.

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Christian Keinstar, Piece of Evidence, 2015, Stahl, Beton, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Eine Videoarbeit zeigt den Künstler die Hand in 350 Grad heißes Blei tauchen. Klar, er trägt dabei einen Hochofen-Handschuh. Man muss aber eben erstmal auf die Idee kommen, dass es kein einfaches Herumgerühre ist, was einem da auf bescheidenem Screen vorgeführt ist. Das Material hat schließlich eine enorm hohe Dichte. Einem ollen Betonteil etwas weiter muss man eine gefühlte Ewigkeit geben, bis es seinen Betrachter für einen halben Atemzug mit dem Zischen siedenden Wassers belohnt.

Von „ganz einfacher Physik“ redet Keinstar und verkennt, dass vermutlich keiner der Umstehenden eine naturwissenschaftliche Laufbahn überhaupt nur in Betracht hätte ziehen können. Aber klar, wenn das Esspresso-Wasser aufs heiße Ceranfeld tropft, dann zischt es auch – das versteht auch die Fraktion Bachelor of Arts. Keinstars Arbeiten zwingen ihre Betrachter die Zeit zu fühlen. Eine lehrreiche Meditationsübung, wo wir uns doch alle im 2000andSchnell des Digitalen beheimatet fühlen.

Es gibt übrigens auch Keinstarsche Wanddekoration zu sehen – und damit ist nicht das gotische Fenster gemeint, das sich so instagramable aufdrängt, dass die klugen Ausführungen des Künstlers dazu verblassen. Nö, es sind Farbflächen in Rahmen. Und die sind genauso unspektakulär wie unmittelbar entscheidend für das Selbstverständnis des Mannes, der sie verantwortet. Das gelbe Bild zum Beispiel, das ist einfach Schwefel. „Ich habe Probleme mit dekorativen 2D-Oberflächen“, sagt Keinstar. Welch günstiger Zufall, dass hier allein die Natur die Schuld trägt für die Ästhetik. Braucht der Künstler nur noch „Materialpoesie“ nennen – und recht hat er.

Christian Keinstar ist einer, der sich nicht zu groß macht. Er darf darauf vertrauen, dass sein Werk für ihn spricht. Für künstlerische Fertigkeit und fähige Gedanken. Mit Laissez-faire-Attitüde verkauft er „romantischen Pessimismus“, der Perspektiven eröffnet, die ohne Hoffnung nicht auskommen. „An der Zerstörung der Welt erkennt man manchmal, woraus sie ist“, erwähnt er beiläufig. Docheinstar.

WANN: Die Ausstellung „Simplifikation“ läuft noch bis zum 18. Juni.
WO: Lehmbruck Museum, Düsseldorfer Str. 51, 47051 Duisburg