Reise ins Labyrinth
Bianca Baldi "Eyes in the Back of Your Head"

27. März 2017 • Text von

Ein Raum, ein Ritual – mit ihrer spirituell aufgeladenen Installation im Kunstverein Harburger Bahnhof verarbeitet Bianca Baldi Elemente der deutsch-afrikanischen Kolonialgeschichte.

In der eindrucksvollen, stuckverzierten Halle des Kunstvereins Harburger Bahnhof schwebt ein Labyrinth. Von der Decke hängen zarte Bahnen aus Schleierstoff, die den Raum gliedern und den Besucher zu den auf weißen Quadern arrangierten Einzelkunstwerken führen. Auf die Stoffbahnen hat Bianca Baldi eine Landschaft in Schwarz-Weiß gedruckt, deren dürres Gras, dornige Sträucher und halbfertig wirkende Gebäude geisterhaft und semitransparent im Raum hängen, sodass man durch sie die anderen Ausstellungsbesucher beobachten kann. Aus manchen Blickwinkeln überlappen sich die Bahnen und die afrikanische Landschaft – dokumentarische Fotografien vom Bau einer Funkstation in der ehemaligen deutschen Kolonie Togo zu Beginn des 20. Jahrhunderts – verliert ihre konkreten Details und formt ein halbabstraktes neues Bild.

Bianca Baldi: "Eyes in the Back of your Head", Installationsansicht, Foto: Martina John

Bianca Baldi: „Eyes in the Back of your Head“, Installationsansicht, Foto: Martina John

Begibt man sich weiter ins Zentrum, beginnt man sich zu fragen, wo der Sound herkommt, der schon die ganze Zeit den Raum durchflutet. Eine Frauenstimme spricht auf Englisch. Ihr Tonfall ist sanft, gleichförmig, regelrecht hypnotisch – hört man genauer hin, erinnert auch der Text an eine Anleitung zur Meditation oder ein spirituelles Ritual: „Numbers and letters in an alphanumeric sequence hold the keys to our askings./ It is in their repetition that the numbers acquire potency. / I come to you because I desire to see /Eyes in the back of your head.“

Der Text weist den Weg durch ein metaphysisches Labyrinth und es ist immer wieder vom Gebrauch eines Talismans die Rede. Wie mit den Aufnahmen vom Bau der Funkstation nimmt Bianca Baldi auch hier Bezug auf ein Element der afrikanischen Geschichte: einer Talismanschriftrolle aus Togo, deren Text sowohl islamische als auch archaisch-magische Elemente enthält. So wie der Talismantext seinen Leser spirituell anleitet, dient auch die Soundspur der Ausstellung als Anweisung für eine Geistreise, tiefer und tiefer in die Windungen des labyrinthischen Kunstwerks.

Credits: Bianca Baldi “Eyes in the Back of Your Head”, 2016, Videostill, Design: GVN 908. Courtesy: Bianca Baldi

Credits: Bianca Baldi “Eyes in the Back of Your Head”, 2016, Videostill, Design: GVN 908. Courtesy: Bianca Baldi

Auf diesem Weg findet man auf den weißen Quadern unter den Bahnen zwei weitere Arbeiten: zum Beispiel „Snake Weight“, eine schlangenförmige Aufreihung aus schwarzem Jaspis, die an ein archäologisches Fundstück erinnert. Vielleicht ein archaisches Kultobjekt? Ein Überbleibsel einer afrikanischen Stammesreligion? Oder einfach nur ein sehr großer Briefbeschwerer? Das minimalistische Objekt lässt diese Fragen unbeantwortet.

Erst nachdem man „Snake Weight“ und eine weitere Arbeit, „Insufflate“, ein Arrangement aus drei Kupferplatten, hinter sich gelassen hat, enthüllt sich endlich das Herz der Ausstellung: Die titelgebende Videoinstallation „Eyes in the Back of Your Head“. Sie ist auch Quelle der mysteriösen Soundspur.

Bianca Baldi: "Eyes in the Back of your Head", Installationsansicht, Foto: Martina John

Bianca Baldi: „Eyes in the Back of your Head“, Installationsansicht, Foto: Martina John

Doch das Video zeigt sich erst auf dem zweiten Blick. Es versteckt sich an einem kleinen, verspiegelten Turm aus Metall, dem Herzstück der Installation, quasi das Allerheiligste, zu dem einen die Soundspur und der Weg zwischen den Textilbahnen geführt haben. Mit seiner industriellen Architektur aus Glas und Metall könnte das Türmchen ebenfalls eine Referenz an die einstige Funkstation Kamina in Togo darstellen – ein Funkturm, der seine Signale durch die Ausstellungslandschaft sendet. Betrachtet man seine einseitig verspielte Oberfläche, erblickt man zuerst sich selbst. Dann jedoch offenbaren sich weitere Ebenen. Per Videoprojektion beginnt sich die Oberfläche zu bewegen, über das Glas wandern Landschaftsbilder nicht unähnlich denen auf den großen Textilbahnen. Am Ende des Weges konzentriert sich die Ästhetik der Gesamtausstellung hier quasi in einem einzigen Objekt.

Hier, am Ende des Rituals, lohnt es sich, den Blick von den Kunstwerken zu lösen und sich der Architektur des Ausstellungsraums zu widmen. Der ehemalige Bahnhofswartesaal mit seinen sieben Meter hohen und mit wilhelminischen Stuck verzierten Wänden stammt aus dem Jahr 1897 und damit aus der gleichen imperialistischen Ära wie die Funkstation Kamina, die 1911 bis 1914 in Betrieb war.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 4. Juni und ist mittwochs bis sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.
WO: Kunstverein Harburger Bahnhof, im Bahnhof über Gleis 3 & 4, Hannoversche Straße 85, 21079 Hamburg 

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