Politisierte Form

16. Januar 2016 • Text von

Kunst nach 1945 nennt man zeitgenössisch, vor dem 2. Weltkrieg beschritt die Klassische Moderne den Weg zu Abstraktion. Im Hamburger Bahnhof beleuchtet die Ausstellung „Die Schwarzen Jahre“ den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 anhand einer Auswahl von Kunstwerken aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie. Die Geschichten der einzelnen Exponate verdichten sich zu einem Gesamteindruck, der die konsequente Unterteilung von jeglicher künstlerischer Produktivät in „davor“ und „danach“ rechtfertigt.

Die Besucher und Besucherinnen des Hamburger Bahnhofs schlendern nicht zufällig durch diese Ausstellung. Es ist ein verwinkelter Weg in den Westflügel des Museums für Gegenwart, der während des Umbaus der Neuen Nationalgalerie den progammatischen Namen „Neue Galerie“ trägt. Voraussetzung um dort anzukommen sind jedoch nicht nur Ortskenntnisse, sondern auch Unbeirrbarkeit. Denn man könnte auch im Museumshop verweilen oder konzeptionelle und minimalistische Werke der Sammlung Marzona betrachten, anstatt sich mit den schwarzen Jahren deutscher Geschichte auseinanderzusetzen. Letztes Hindernis ist „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ von Joseph Beuys und, sowie man sich den Weg durch die herumliegenden Steinblöcke bahnt, hat dieses Werk geradezu eine symbolische Bedeutung für den bevorstehenden Ausstellungsbesuch.

„Die schwarzen Jahre“ ist die erste Ausstellung in der „Neuen Galerie“, auf welche in halbjährlichem Rhythmus weitere Präsentationen des Sammlungsbestandes der – geschlossenen – Neuen Nationalgalerie folgen werden. In diesem Zusammenhang erscheint das Exil der Kunstwerke deren Wirkung keineswegs zu schwächen, sondern im Gegenteil das Thema der Ausstellung zu unterstreichen. Ungefähr 60 Exponate, die zwischen 1933 und 1945 entweder entstanden sind, in die Sammlung kamen oder beschlagnahmt wurden, werden gemeinsam ausgestellt. Sowohl der Titel, als auch die Ausstellungsarchitektur orientieren sich an einem von ihnen: Die schwarzen Zimmer von Karl Hofer, in der zweiten, 1943 entstandenen Fassung. Schwarze Trennwände gliedern die Räume nach einzelnen Themen und verdeutlichen gleichzeitig mit einer Vielzahl von Durchblicken, dass es sich nicht um eindeutig abgrenzbare Bereiche handelt.

Karl Hofer: Die schwarzen Zimmer (II. Fassung), 1943, Öl auf Leinwand, 149×110 cm. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / bpk / Jörg P. Anders. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015.

Als Prolog fungierend, wird im ersten Raum ein Bildtausch mit dem faschistischen Italien unter Mussolini dokumentiert. Die 15 Werke, welche zwischen 1932 und 1933 aus diesem Anlass nach Berlin kamen, sind jedoch ort, – und zeitlos. Christliche Themen oder Motive werden in einer groben, fast schon primitiven Malerei verhandelt. Kann man diese Bilder als apolitisch bezeichnen oder ist jede Form von Kunst, weil sie von einem Menschen in einem bestimmten historischen Kontext geschaffen wurde, per se ein Zeugnis der jeweiligen Zeit? In der Ausstellung „Die Schwarzen Jahre“ wird anhand einzelner Werke einerseits die politische Einflussnahme auf die Kunst und andererseits die Grenzen und Möglichkeiten der künstlerischen Ausdrucksform in einer Diktatur verhandelt. In der zeitgenössischen Kunst nach 1945 hat es oftmals den Anschein, dass Kunst und Politik als zwei separate Sphären koexistieren, es sei denn der Künstler oder die Künstlerin wählt ein politisches Thema für ihre Werke. Die Schicksale der Exponate und ihrer Urheber widerlegen diese naive Auffassung des 21. Jahrhunderts, beziehungsweise verdeutlichen, dass die Freiheit zu entscheiden, ob Kunst als politisch wahrgenommen wird oder nicht, untrennbar mit den Freiheiten einer pluralistischen Gesellschaft und eines demokratischen Staates verbunden ist.

Ausstellungsansicht „Neue Galerie. Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung.1933–1945.“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. Von links: Wilhelm Lehmbruck: Kniende (Fragment), 1911. Ernst Ludwig Kirchner: Atelierecke, 1919/20. Rudolf Belling: Dreiklang, 1919/24 und Lyonel Feininger: Teltow II, 1918 © VG Bild-Kunst, Bonn 2015. © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB / Thomas Bruns.

Kulturelle Einrichtungen wie ein Museum sind Institutionen des Staates; die von ihnen erworbenen oder veräußerten Werke sind abhängig von dessen (kultur-)politischen Entscheidungen.
Der erste Bereich des Hauptausstellungsraumes verdeutlicht diesen Zusammenhang: Expressionistische Gemälde von Edward Munch oder Werner Scholz werden aufgrund deren formaler oder inhaltlicher Prädisposition verkauft. Im Gegensatz dazu präsentiert die Ausstellung ein Porträt des Malers Ernst Jünger, dessen militaristische Tagebücher während des NS-Regimes äußerst populär waren, sowie die als „nordisch-germanisch“ wahrgenommene Kunst von Emil Nolde oder Ernst Barlach. Trotz der stilistischen Zugehörigkeit zum Expressionismus, wurde jene Malerei weiterhin ausgestellt oder angekauft. Zum damaligen Zeitpunkt war der Kronprinzenpalais Unter den Linden als neue Abteilung der Nationalgalerie für moderne Kunst verantwortlich, bis dieser 1937 von den Nationalsozialisten geschlossen und dessen Sammlung verkauft, vernichtet oder als „entartet“ ausgestellt wurde. Die anschließenden Kapitel der Ausstellung, der Geschichte, tragen die Titel „Emigration“ und „Aktion ‚Entartete Kunst'“. Diesen Propagandabegriff definierten die Nationalsozialisten mittels einer Wanderausstellung durch Deutschland, welche im Sommer ’37 in München eröffnet wurde. Beim ein oder anderen taucht eine Seite aus dem Schulbuch vor dem inneren Auge auf. Das eindrucksvollste Exponat in diesem Zusammenhang ist eine Skulptur von Wilhelm Lehmbruck, welche den Titel „Die Kniende“ trägt. Eine Ausstellungsansicht zeigt wie sie damals in München als entartete Kunst präsentiert wurde; heute in Berlin sind die einzigen – nach einem Bombenangriff verbliebenen – Teile auf einer hölzernen Palette aufgebahrt.

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Otto Dix (1891–1969): Flandern, 1934–1936. Öl und Tempera auf Leinwand, 200 x 250 cm. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015.

Den größten Teil des Ausstellungsraumes nimmt die Gegenüberstellung von „Kunst im Dienst des Nationalsozialismus“ und „Kunst in Opposition gegenüber dem Nationalsozialismus“ ein. Zur Linken antikisierende Helden und Mütter, sowie realistische Landschafts,- und Genremalerei. Zur Rechten die verschiedenen Facetten regimekritischer Kunst: Utopische oder grausame Gemälde von Kriegsschauplätzen (Franz Radziwill oder Otto Dix), der Schmerz einer trauenden Mutter (Käthe Kollwitz), subtile Verweise innerhalb der Darstellung alltäglicher Szenen. Neben diesen Werke, deren Kritik sich in gegenständlicher Form äußert, demonstrieren Gemälde von Pablo Picasso oder Ernst Wilhelm Nay ihren Widerstand durch Form, durch Abstraktion, durch Farben und Formen, die nicht die erlebte Wirklichkeit abbilden, sondern den empfundenen Schmerz.

"Die schwarzen Jahre, Geschichte einer Sammlung, 1933-1945, Neue Galerie, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin,

Ausstellungsansicht „Neue Galerie. Die schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933–1945.“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. Von links: Georg Kolbe: Herabschreitender, 1940; © VG Bild-Kunst, Bonn 2015. Arnold Böcklin: Die Toteninsel, 1883; © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB / Thomas Bruns.

Das Bild „Die Toteninsel“ von dem 1901 verstorbenen Maler Arnold Böcklin versinnbildlicht exemplarisch das, was die Stärke der Ausstellung „Die Schwarzen Jahre“ ausmacht. Zu sehen ist eine einsame Insel, in deren kargen Fels architektonische Elemente geschlagen wurden und auf dem dunkle Bäume wachsen. In einem Ruderboot nähern sich zwei Personen dem Ufer. Eine sieht aus wie einen stehende Mumie, ganz in weiß. Selbst bei genauester Betrachtung kann kein Urteil darüber gefällt werden, ob die Insel bewohnt ist, ob das Boot sich bewegt oder ob die Menschen darin noch am Leben sind. Es ist die subjektive Wahrnehmung des Betrachters, welche dem Bild sein Thema gibt. Wir verstehen diese Tatsache als eine herausragende Qualität der Kunst, aber diese Ausstellung beweist, dass es auch ihr Fluch seien kann. Die letzte Überschrift ist „Verfolgung“.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Juli 2016. Öffenungzeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr.
WO: 
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50-51, 10557 Berlin.

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