Photographiert ruhig weiter, aber verletzt euch nicht dabei

16. November 2015 • Text von

Das Museum Brandhorst zeigt in der Ausstellung „Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ über 230 Werke von 107 Künstler*Innen, darunter Größen wie Warhol, Kippenberger, Lassnig und Oehlen und bietet einen kunsthistorischen Streifzug durch die Geschichte der Malerei seit den 1960er-Jahren. Im Zentrum steht die Frage „Was kann Malerei auch heute noch leisten und welchen Zugang schafft sie zu den „großen“ Themen unserer Zeit?“

Im Eingangsbereich begrüßt Martin Kippenberger. Ausschnitte der Serie „Heavy Burschi“ von 1989/90 ragen bis knapp unter die Decke des hellen Treppenhauses. „Heavy Burschi“ ist bunt, vielschichtig, provokant und führt eine Nähe der Malerei zum Graphic Design vor Augen. Es sind Sätze wie „Don´t cry – work“ oder „Photographiert ruhig weiter, aber verletzt euch nicht dabei“, die einen gleich zu Beginn anspringen. Kippenberger ist der gelungene Einstieg in die ersten Ausstellung im Museum Brandhorst, die sich über das gesamte Haus erstreckt. Seine Arbeiten antizipieren, was auf drei Etagen folgen wird: Klassisches und Experimentelles, Politisches und Unpolitisches, Grelles und Seichtes.

Albert Oehlen (*1954), Auch Einer, 1985, Öl und Lack auf Leinwand, 220 x 186 cm, Foto: Lothar Schnepf © Albert Oehlen

Albert Oehlen (*1954), Auch Einer, 1985, Foto: Lothar Schnepf © Albert Oehlen

Das Konzept von Painting 2.0 ist zum einen chronologischer, zum anderen thematischer Natur. Auf der Eingangsebene wird man zunächst herangeführt an die Protestmalerei der 1970er-Jahre. System- und Gesellschaftskritik wie auch die Frage nach dem Sinn des eigenen künstlerischen Schaffens finden in den Arbeiten von Jörg Immendorf oder Louise Fishman ihre Konkretisierung. Joseph Beuys proklamiert auf gelben Holzschildern: „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V“. Im nächsten Saal findet die Gegenbewegung statt. Die 1980er als ein Jahrzehnt, in dem Populärkultur und Werbung statt politischer Positionierung ihren Weg in die Kunst bzw. Malerei finden. Noch einen Raum weiter spielt sich die digitale Transformation der 1990er ab, eine synergische Verbindung aus analogen und digitalen Maltechniken. Und schließlich die 2000er-Jahre, in denen die Bilder der „Generation Internet“ geschaffen werden. Hier sticht vor allem Isa Genzken hervor. Ihre Arbeit Wind II (Michael Jackson) von 2009 setzt sich mit dem Thema der Ikone auseinander und ist weitaus mehr Installation als Malerei. Plastikfolie und goldene Sprühfarbe umgeben den King of Pop, dem eine christliche Ikonen-Darstellung gegenübergestellt wird.

Isa Genzken (*1948), Wind II (Michael Jackson), 2009

Isa Genzken (*1948), Wind II (Michael Jackson), 2009

Die Besucher*Innen sind nun in der Gegenwart angelangt und haben die Wahl: Steigt man die Treppe hinauf, findet man die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Körperdiskurs und der Frage nach eigener und kollektiver Identität. Steigt man hinab, gelangt man zum Bereich Kunst und soziale Netzwerke. Im oberen Stockwerk zeigen vor allem Lee Lozano und Maria Lassnig auf eindrucksvolle Weise wie die Triade Kunst, Körper und Gesellschaft funktioniert. Im Untergeschoss liegt der Fokus auf sozialen Netzwerken, was jedoch nicht primär Social Media – wie eigentlich aufgrund des Ausstellungstitels zu erwarten war – im Sinne einer Informationsgesellschaft bedeutet. Vielmehr wird auch hier ein Einblick in künstlerische Strömungen und Gruppierungen gegeben – vom „Kapitalistischen Realismus“ um Richter, Lueg, Kuttner und Polke aus den 1960ern hin zur feministischen A.I.R. Gallery, die in ihren Arbeiten das Ende des Patriarchats beschwört. Daneben gibt es viel Warhol.

Maria Lassnig (1919-2014), Harte und weiche Maschine / Kleine Sciencefiction,1988, Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig (1919-2014), Harte und weiche Maschine / Kleine Sciencefiction,1988,
Foto: Universalmuseum Joanneum, N. Lackner © Maria Lassnig Stiftung

„Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ will viel, vielleicht ein wenig zu viel. Durch den umfangreichen Kanon, den die Ausstellung zeigt, wird sie allen Besucher*Innen gerecht, die sich in irgendeiner Weise für Malerei im Konkreten oder Kunst im Allgemeinen interessieren. Die Auswahl der Arbeiten ist zwar gelungen, die Idee durchdacht und ambitioniert. Die Antwort auf die Frage „Was kann Malerei auch heute noch leisten?“ geht jedoch spätestens nach dem Besuch eines zweiten Stockwerks verloren. Aufgrund des Umfangs der Ausstellung drohen die einzelnen, zum Teil grandiosen Werke, in der Beliebigkeit der Masse unterzugehen.

WANN: Die Ausstellung „Painting 2.0: Malerei im Informationszeitalter“ ist bis zum 30. April 2016 zu sehen.
WO: Museum Brandhorst, Theresienstraße 35 a, 80333 München.

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