Oh! You can collect it?

10. Dezember 2015 • Text von

Ein Leben ohne Internet Zugang oder Smartphone? Für die meisten von uns eine nur noch schwer vorstellbare Situation. Der digitale Umbruch hat uns längst eingeholt und unseren Alltag auf den Kopf gestellt. Das Web ist ein fixer Bestandteil unseres Daseins; ohne sind wir nur mehr halbe Menschen. In der Ausstellung „Mankind / Machinekind“ hosted by Krinzinger Projekte wird nun gezeigt, wie zeitgenössische Künstler diese Thematik aufgreifen und hinterfragen.

Betritt man die Ausstellungsräume von Krinzinger Projekte in Wien, wird einem sofort bewusst, dass digitale Kunst nicht einfach unter einem Label zusammengefasst werden kann. Insgesamt werden Arbeiten von 16 Künstlern aus privaten Kollektionen gezeigt, die auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Medien auf die Entwicklungen ihrer Zeit reagieren. So sind neben Websites, interaktiven Plattformen, Software oder 3D-Animationen, auch klassische Malereien, Prints und Skulpturen zu sehen. Der digitale Wandel hat es Künstlern also einerseits ermöglicht, neue Werkzeuge zu definieren, sie andererseits aber auch dazu angeregt, bereits existierende Arbeitsweisen weiterzuentwickeln.

Ausstellungsansicht "Mankind / Machinekind" © KRINZINGER PROJEKTE

Ausstellungsansicht „Mankind / Machinekind“ © KRINZINGER PROJEKTE

Im digitalen Zeitalter sind wir es gewohnt jegliche Information immer und überall zu bekommen; up to date – all day long. Mit diesem Gedanken spielt auch das amerikanische Künstlerkollektiv LigoranoReese bei ihrem Woven Data Portrait „I AM I, 2013“ und stellt damit den Begriff Eigenidentität im 21. Jahrhundert infrage. Wir werden von unseren Aktivitäten bestimmt, klar, aber eben auch von den digitalen Geräten, die wir nur mehr ungern aus der Hand legen. „I AM I“ wird ganz traditionell auf einem Handwebstuhl hergestellt, jedoch werden die Fäden durch LED Streifen ersetzt, die Aktivitäts-Scores von FitBit darstellen. So wird ein dynamisches Portrait erschaffen, das auch die kleinsten Veränderungen am ICH in Echtzeit wiedergeben kann. Das ist es doch, was wir alle wollen, wenn wir unsere Gedanken auf Facebook und Co. teilen: dass jeder immer genau weiß, wie man sich gerade fühlt, oder?

LigoranoReese: I AM I, 2013. © KRINZINGER PROJEKTE.

LigoranoReese: I AM I, 2013. © KRINZINGER PROJEKTE.

Man kann darüber philosophieren, ob es das Unikat oder die Individualität im digitalen Zeitalter überhaupt noch gibt. Alles kann kopiert und vervielfältigt werden. Mit einem einfachen Knopfdruck wird das gerade geschossene Selfie veraltert, verdickt, verschönert oder was sonst noch alles; die Vielfalt an Apps ist nicht mehr zu durchschauen. Und dann wird dieses private Bild auch noch online gestellt und erhält somit den Charakter eines öffentlichen Guts. Digital Freedom vs. Mass Surveillance? Diesem Paradox widmet sich die österreichische Künstlergruppe UBERMORGEN in „OldifyTM Laiwa and Oldify Sarah, 2013“. Was ist digitale Schönheit, gibt es diese überhaupt noch? Oder anders formuliert: Können wir im digitalen Zeitalter nicht alle gleich- schön sein?

UBERMORGEN: OldifyTM Laiwa and Oldify Sarah, 2013. © KRINZINGER PROJEKTE.

UBERMORGEN: OldifyTM Laiwa and Oldify Sarah, 2013. © KRINZINGER PROJEKTE.

Zum Glück bleibt uns der individuelle Fingerabdruck, der uns ganz alleine gehört und der auch vom besten Hacker nicht kopiert werden kann. Evan Roth setzt sich schon länger mit der Analogie zwischen der funktionalen Unlock-Bewegung bei Touch Screen Geräten und der einfachen Tradition der Fingermalerei auseinander. Dabei entstehen spannende Prints wie „Slide to Unlock, 2013“, der unsere alltäglichen Aktivitäten in einer kreativen und wirksamen Weise darstellt. Der Künstler verwendet Pauspapier und ein Stempelkissen, um diese mittlerweile ganz natürliche Bewegung abzubilden. Anfangs ist der Abdruck noch sehr stark, verblasst aber zum Ende hin immer mehr. Schön wird gezeigt, dass wir mit jeder digitalen Aktivität einen, wenn auch schwachen, Abdruck im Netz hinterlassen.

Evan Roth: Slide to Unlock, 2013. © KRINZINGER PROJEKTE.

Evan Roth: Slide to Unlock, 2013. © KRINZINGER PROJEKTE.

Auch wenn man vorher nicht viel über Digital Media Art wusste, ist nach Besuch der Ausstellung klar: Es gibt sie, zeitgenössischer könnte sie eigentlich nicht sein und Künstler setzen sich mit ihr auf verschiedene Weise auseinander. Mit dieser Ausstellung will der Kurator außerdem verdeutlichen, dass Sammler keine Scheu vor ihr zu haben brauchen. Natürlich können Themen wie Einzigartigkeit oder Erhaltung in den Raum gestellt werden, doch das sollte einem Sammler, der an die soziale Funktion seiner Kunst glaubt, nicht wichtig sein. Digital Media Art wird in der Sharing Economy existieren und ihre Kreise bis an die hintersten Grenzen des World Wide Webs ziehen. Also – Digital Devices einpacken und ab zu Krinzinger Projekte!

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis 6.Februar.2016

WO: Krinzinger Projekte, Schottenfeldgasse 45, 1070 Wien.

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