Nachtwanderung zur Kunst
Lange Nacht der Museen

24. April 2017 • Text von

Es beginnt, wie es immer beginnt: mit schiebenden, grölenden Menschenmassen an den Deichtorhallen. Hier in Hamburg in die „Lange Nacht der Museen“ zu starten, ist nicht unbedingt das Gescheiteste, aber ein Klassiker. Martina und Christina testen das Spektakel für gallerytalk.net.

Installation von Peter Buggenhout in der Ausstellung ELBPHILHRMONIE REVISITED. Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Installation von Peter Buggenhout in der Ausstellung ELBPHILHRMONIE REVISITED. Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Warnungen hat es schon zu Beginn gegeben, schon in der Bahn zum Event unterhält sich ein Pärchen darüber, wieso sie nicht hingehen: „Es nervt, du siehst nicht wirklich was, es ist ein Geschiebe!“ Erst sieht es noch aus, als würden sie recht behalten, im Haus der Photographie werden die „Guten Aussichten“ doch sehr von sich vorbeidrängenden Besucherrücken gestört. Aber routinierte Nachtschwärmer behalten die Ruhe und spazieren einfach rüber zur Halle für aktuelle Kunst. Bereits hier bei „Elbphilharmonie Revisited“ verläuft sich die Menge erfreulich schnell und gibt den Blick auf die künstlerischen Annäherungen an den neuen Hamburger Lieblingsprestigebau frei.

Ausstallungsansicht Kunstverein in Hamburg mit Arbeiten von Constantin Luser

Ausstellungsansicht Kunstverein in Hamburg mit Arbeiten von Constantin Luser

Dem gierigen Kunstherz genügen die monumentalen Arbeiten von Peter Buggenhout, Baltic Raw, Monica Bovinci, Candida Höfer und Co natürlich noch nicht. Außerdem ist die Nacht noch jung, deshalb geht es zügig weiter Richtung Kunstverein. Hier hat der fiktionale Künstler „Jed Martin“ aus Michel Houlebecqs Roman „Karte und Gebiet“ seine erste Retrospektive. Klingt komisch, funktioniert aber, indem verschiedene Gegenwartskünstler in die Rolle Martins schlüpfen und zum Teil eigens geschaffene Werke für die Ausstellung beisteuern.

Im strategisch genauso günstig gelegenen Kunsthaus Hamburg machen zahlreiche Nachtschwärmer zwischen Deichtorhallen und Hauptbahnhof bei „Schön falsch leben“ Station. Die Jahresausstellung des Berufsverbands Bildender Künstlerinnen und Künstler Hamburg kreist bunt und ironisch um Adornos berühmtem Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“.

Ausstellungsansicht Kunsthaus Hamburg mit Michael Pröppers: Der Tross, Foto: Martina John

Ausstellungsansicht Kunsthaus Hamburg mit Michael Pröppers: Der Tross, Foto: Martina John

Insgesamt 25 Künstler thematisieren im großen Saal des Kunsthauses das „beschädigte Leben“ unserer Gegenwart irgendwo zwischen Utopie und Konsumterror. Da steht zum Beispiel eine ganz schön unappetitliche „Tränensäule“ aus zerknüllten, verdreckten Taschentücherpackungen im Raum, die von Künstlerin Jutta Konjer offenbar direkt aus dem Müll gefischt wurden. Simone Fezer bedient mit ihrer amorph-verstörenden Installation aus Glas und Textilelementen unsere abjektesten Gefühlsregungen und Michael Pröppers liefert mit „Der Tross“ das Social-Media-Highlight des Abends: Die marschierenden Brote mit Digital-Inlay und coolen Sonnenbrillen sind das eine oder andere Mal auf dem offiziellen Instagram-Hashtag der Langen Nacht zu finden – inklusive augenzwinkernden Kommentaren zur doch nicht so „brotlosen“ Kunst.

Auch die Galerien im Kontorhausviertel haben am selben Tag ihre „Lange Nacht“, gallerytalk.net berichtete hier. Im Galeriehaus Hamburg ist deswegen auch ordentlich etwas los. Mit der Sonderausstellung „Seelen / Landschaften“ hat man sich bei Mikiko Sato auf den besonderen Abend eingestellt und zeigt Arbeiten der Künstler Miyuki Tsugami, Masanori Suzuki, Hiroshi Takeda und Shingo Yoshida. Während sich das Aprilwetter draußen weiter von seiner unfreundlicheren Seite präsentiert, wecken zumindest die bunten Landschaften hinter Acrylglas von Masanori Suzuki (inklusive Schmetterling!) ein paar Frühlingsgefühle. Dazu darf man als Besucher nach Herzenslust im Kunst-Shop in alten Katalogen und Ausstellungspostern stöbern.

Rolf Rose: Cantus Firmus III, 2008

Rolf Rose: Cantus Firmus III, 2008

Eine Tür weiter bei Galerie Nanna Preußners bestaunen wir die nur auf den ersten Blick monochromen Arbeiten von Rolf Roses Ausstellung „Cantus Firmus“. Beim genaueren Hinsehen offenbaren die monumentalen schwarzen Bilder einen irisierenden Purpurschimmer oder edle Samttexturen. Witziges Detail am Rande: Eine Besuchergruppe hat den Übergang von Mikiko Satos Räumen wohl nicht so ganz mitgeschnitten und bewundert jetzt vor Roses Arbeiten die „besonderen Pigmente der Japaner“ – bringt man es übers Herz, sie aufzuklären, dass sie sich längst in einer anderen Galerie befinden?

Die Dritte im Galeriehaus-Bunde, Kerstin Hengevoss Dürkop, präsentiert zur Langen Nacht ein Best-of ihrer Galeriekünstler. Neben der großen Kohlezeichnung von Valentin van der Meulen im Erdgeschoss sind auch die Katzenporträts auf der Empore ein Eyecatcher in der Gruppenausstellung.

Daniel Wrede: untitled, 2016

Daniel Wrede: untitled, 2016

Während an der Kunstmeile am Klosterwall reger Betrieb herrscht, geht es bei den Galerien im Kontorhausviertel ruhiger zu. Bei Evelyn Drewes ist der Paternoster ausgefallen, der den Weg in den zweiten Stock sonst schon zum Highlight macht. Dafür gibt es in der Gruppenausstellung „TROY“ mit Arbeiten von Sebastian Danneberg, Christian Holtmann, Jochen Mühlenbrink und Daniel Wrede plakative Typografie, Farbarrangements aus Brottüten-Verschlussclips und verspielte kinetische Objekte zu sehen. Die Fähnchen schwenkenden Roboterarme von Daniel Wrede im Flur winken uns dann auf dem Weg nach draußen noch einmal zu, bevor wir uns einem kurzen Abstecher zu den weißen Schleifenstrukturen von Yevgeniya Safronova in der Galerie Borchardt in die Nacht davonmachen.

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