Meteoriten im philosophischen Diskurs
Soloshow „Nothing“ von Lou Jaworski

6. Dezember 2017 • Text von

Mit der Wahl seiner Materialien und unkonventionellen Verarbeitungsmethoden lotet Lou Jaworski die Grenzen des künstlerisch Machbaren aus. Bei GiG Munich stellt er drei neue Serien aus, die sich mit der Eigenständigkeit von Dingen beschäftigen.

Lou Jaworski während seiner Performance, Foto: Leon Eixenberger.

Lou Jaworski während einer Performance beim „Festival of Future Nows“ im Hamburger Bahnhof , Foto: Leon Eixenberger.

Die Kunstszene hat ein Auge auf den in Warschau geborenen Künstler geworfen, der als Meisterschüler von Professor Gregor Schneider 2016 seine mit einem Debütantentitel ausgezeichnete Diplomarbeit an der Akademie der bildenden Künste München präsentierte. Während des diesjährigen Berliner Gallery Weekends war er in der von Udo Kittelmann und Olafur Eliasson organisierten Gruppenausstellung „Festival of Future Nows“ im „Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwartskunst“ in Berlin mit einer Performance vertreten. Parallel zu seinem eigenen Schaffen ist Lou Jaworski als künstlerischer Mitarbeiter von Professor Gregor Hildebrand tätig. Nun zeigt er seine erste Einzelausstellung in München.

gallerytalk.net: Bevor wir zum künstlerischen Inhalt kommen: Was hat es eigentlich mit dem Raum auf sich, in dem du ausstellst?
Lou Jaworski: Der Galerie- und Projektraum GiG Munich liegt im Glockenbachviertel und wurde 2015 von Magdalena Wisniowska gegründet. Sie betreibt ihn mit ihrem Mann und dem Designer David Henrichs. Magda kommt wie ich ursprünglich aus Polen, ist aber in Libyen aufgewachsen. Sie hat in London an der Goldsmith University und an der Royal Academy Bildende Kunst studiert und im Anschluss an ihren PhD in Visual Cultures an der Goldsmith University dort auch unterrichtet. In den Räumen in der Baumstraße zeigt sie zeitgenössische Arbeiten von Künstlern deren Positionen Ihre Texte zur Philosophie und Kunstgeschichte reflektieren und ergänzen.

Lou Jaworski, HB05, courtesy of the artist.

Lou Jaworski, HB05 2017, courtesy of the artist.

Wie kam eure Zusammenarbeit zustande?
Wir haben uns beim Dinner nach einer Vernissage kennengelernt. Im Anschluss an einen Atelierbesuch bei mir fragte sie mich frei heraus, ob ich mir vorstellen könnte eine Ausstellung in ihren Räumen zu realisieren. Dabei ging es ihr gar nicht so sehr um konkrete Arbeiten, sondern um meine künstlerische Herangehensweise im Allgemeinen. Wahrscheinlich arbeiten wir deshalb auch auf so einer guten Vertrauensbasis zusammen.

Welches Motiv steht dabei im Zentrum deiner Arbeitsweise?
In meiner Arbeit hinterfrage ich die gängige Vorstellung davon, dass wir der Mittelpunkt unseres Kosmos sind. Ich bin sicher, dass Dinge durchaus für sich alleine stehen und ihre künstlerische Qualität nicht zwangsläufig – wie so oft behauptet – von einer gelungenen Rezeption abhängt.

Lou Jaworski, Hyper Figure, lying 2017, courtesy of the artist.

Lou Jaworski, Hyper Figure, lying 2017, courtesy of the artist.

Der Betrachter ist für dich sekundär?
Natürlich bestehen gedankliche Räume für den Betrachter. Doch die Arbeiten sollen unabhängig vom Rezipienten anhand der ihnen anhaftenden Fakten funktionieren. Diese Eigenschaften werden durch die Wahl des Materials und dessen Bearbeitung determiniert.

Inwieweit kommt das beispielsweise in deiner Diplomarbeit zum Tragen, für die du einen Eisenmeteoriten gemahlen und als Pigment für Siebdrucke verwendet hast?
Der Meteorit stammt aus dem All und war schon vor der Entstehung der Erde in dieser Zusammensetzung vorhanden. Durch die Eigenart dieses Materials wird unsere Wahrnehmung von der damit geschaffenen Skulptur auf außerhalb des Werks liegende Bedeutungsebenen erweitert. Ich arbeite beständig und seit über sechs Jahren mit diesem Element.

Lou Jaworski, Eisenmeteorit 2017, courtesy of the artist.

Lou Jaworski, Eisenmeteorit 2017, courtesy of the artist.

Hast du für die Ausstellung neue Arbeiten produziert?
Ich realisiere für Ausstellungen häufig neue Arbeiten, die ich lange davor konzipiert habe. Ich halte mich eine Zeit lang in einer Umgebung oder einem Raum auf und weiß irgendwann, was funktioniert und was nicht. Manchmal kann das den ganzen Tag oder die ganze Nacht dauern.

Was für Materialien werden wir in der Ausstellung sehen?
Es werden Meteoriten, aber auch Gold und Vinyl verwendet. Eine neue Serie von Arbeiten, „Hyper Figures“, besteht aus ephemeren Skulpturen. Sie sind aus großen Ferritmagneten geformt. Zudem ist auch eine Edition von Bleistiften zu sehen, deren Graphitminen ich ersetzt habe.

Lou Jaworski, Detail Ohne Titel 2016, courtesy of the artists.

Lou Jaworski, Detail Ohne Titel 2016, courtesy of the artist.

Was fasziniert dich an diesen Substanzen?
Abgesehen von ihrer Symbolik handelt es sich häufig um Elemente in ihrer ursprünglichen Form. Ich mag es, dass die von mir gewählten Stoffe nicht immer komplett beherrschbar sind. So kann eine Abstraktion entstehen, die rein auf physikalischen Gesetzen beruht.

Nutzt du die Eigenart der Arbeitsstoffe auch als Alleinstellungsmerkmal?
Ich verwende Stoffe und Formen, die einem möglichst großen Kulturkreis zugänglich sind. Die Arbeiten funktionieren oft auf zwei Ebenen. Einmal visuell und einmal über den Inhalt, der sich über den Titel und das Material entziffern lässt.

Lou Jaworski, Untitled 2017, courtesy of the artist.

Lou Jaworski, Untitled 2017, courtesy of the artist.

Auch mit handwerklichen Verarbeitungsweisen lotest du die Grenzen des Machbaren aus. Könntest du es dir nicht manchmal einfacher machen?
Bei der Ausarbeitung meiner Konzepte werde ich oft mit technischen Hindernissen konfrontiert. So beispielsweise beim Einschmelzen eines Eisenmeteoriten oder als ich Papier mit UV-Strahlen zersetzt habe. Es heißt dann sehr schnell, die Umsetzung sei so nicht machbar oder sogar komplett unmöglich. Ich lade diese Leute dann einfach immer zu den Ausstellungen ein. Bis jetzt konnte ich alles realisieren. Mich reizen diese Herausforderungen natürlich sehr, und auch die damit verbundene Ungewissheit.

WANN: Die Ausstellung ist noch bis zum 15. Dezember montags bis donnerstags von 15 Uhr bis 18 Uhr zu sehen.
WO: „Nothing“ wird in den Räumen des Gig Munich im Rückgebäude der Baumstraße 11, in 80468 München gezeigt.

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