Masken, Magie, Moderne
Karl Schmidt-Rottluff im Bucerius Kunst Forum

14. Mai 2018 • Text von

Rituelle Gegenstände aus Westafrika treffen auf leuchtende Ölfarben, deutsche Zeitgeschichte spiegelt sich in den Zügen kongolesischer Masken – im Bucerius Kunst Forum begegnen sich in der Ausstellung „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd“ nicht nur Stile, Techniken und Materialien, sondern Weltanschauungen, Lebensweisen, Kulturen.

Karl Schmidt-Rottluff: Die schwarze Maske, 1956, Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Karl Schmidt-Rottluff: Die schwarze Maske, 1956, Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Kunst- und Kultgegenstände aus Afrika und Ozeanien faszinierten Karl Schmidt-Rottluff sein Leben lang. Das Bucerius Kunst Forum zeigt, wie der bekannte Brücke-Vertreter sich künstlerisch mit den außereuropäischen Artefakten auseinandersetzte.

Auf zwei Etagen bezeugen Gemälde, Aquarelle, Skulpturen und Drucke aus über 50 Schaffensjahren, dass Schmidt-Rottluff sich immer wieder ganz wesentlich von Masken, Skulpturen und anderen Gegenständen aus Afrika und Ozeanien inspirieren ließ. In Europa waren diese Objekte zu Anfang des 20. Jahrhunderts insbesondere als Kolonialwaren zunehmend verfügbar. Für Schmidt-Rottluff, wie zum Beispiel auch für Pablo Picasso und Paul Gauguin, waren sie der Schlüssel zu einer ersehnten neuen Natürlichkeit und Authentizität in der Kunst.

Karl Schmidt-Rottluff: Geweihfarn in der Mitte, 1957, Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Karl Schmidt-Rottluff: Geweihfarn in der Mitte, 1957, Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Schau zeigt aber nicht nur Werke Schmidt-Rottluffs. Zu sehen sind auch einige der außereuropäischen Kunst- und Kultgegenstände selbst. Meist stammen sie aus der eigenen ethnologischen Sammlung des Künstlers. In der Vergangenheit erregten die Masken und Kultgegenstände kaum kuratorisches Interesse und fristeten ihr Dasein meist fernab der Ausstellungsräume in den Depots.

Das Bucerius Kunst Forum stellt diese Objekte den Arbeiten Schmidt-Rottluffs nun unmittelbar gegenüber und lässt sie mit seinem Werk nicht nur in räumlicher Hinsicht in direkte, aufschlussreiche und vielschichtige Beziehung treten. Zugleich verdeutlicht die Aufarbeitung der ethnologischen Bedeutung dieser Artefakte anlässlich der Ausstellung, dass wir außereuropäische Kunst heute zu Recht nicht mehr als bloße Inspirationsquelle für bedeutende Werke der europäischen Moderne verstehen. Die Büffelmaske aus Kamerun, die Handtrommel aus Papua-Neuguinea, die Skulptur aus dem Kongo – sie alle bekommen in den Räumen des Bucerius Kunst Forums ihren verdienten Platz direkt neben der jeweiligen Arbeit Schmidt-Rottluffs, der sie zum Vorbild dienten.

Ausstellungsansicht, "Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd", © Bucerius Kunst Forum, 2018, Foto: Ulrich Perrey

Ausstellungsansicht, „Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd“, © Bucerius Kunst Forum, 2018, Foto: Ulrich Perrey

Begonnen hat Schmidt-Rottluffs Annäherung an Kunst und Kult aus Afrika und Ozeanien mit einer Skulptur aus Kamerun. Sie war vermutlich als Kolonialware nach Europa gelangt, fiel dem Künstler in Hamburg in die Hände und ist uns heute als Skizze Schmidt-Rottluffs auf einer Postkarte an Erich Heckel erhalten. Nach dieser ersten Begegnung folgten über die Jahrzehnte hinweg verschiedene Phasen der Rezeption, die die Ausstellung durch ihren chronologisch-biographischen Aufbau anschaulich nachzeichnet.

Am Anfang stehen dabei Werke Schmidt-Rottluffs aus den 1910er Jahren, einschließlich einer Reihe von Holzschnitten und Skulpturen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Hier ist die Auseinandersetzung Schmidt-Rottluffs mit seinen Vorbildern zunächst vor allem eine formale: Die Formensprache seiner Holzschnitte erinnert klar an afrikanische Schnitzereien.

Das Werk der 1920er und frühen 1930er Jahren ist dann jedoch vor allem von der Darstellung deutscher bzw. europäischer Landschaften geprägt. Auch diese Phase reflektiert die Ausstellung, in gewisser Hinsicht überraschend, mit zahlreichen Arbeiten. Sie haben wenig direkten Bezug zum Kernthema der Ausstellung, setzen es aber doch nachvollziehbar in Beziehung zum Gesamtwerk des Künstlers und seiner allgemeinen Faszination für das Magische, das Transzendente.

Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976): Brücke mit Eisbrechern, 1934, Brücke-Museum Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Karl Schmidt-Rottluff: Brücke mit Eisbrechern, 1934, Brücke-Museum Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Als Schmidt-Rottluff sich ab den späten 1930er Jahren wieder explizit mit den Gegenständen seiner Sammlung außereuropäischer Kunstwerke auseinandersetzte, übernahm er nicht mehr nur deren Formensprache. Wie die Werke im zentralen Raum im Erdgeschoss und insbesondere im Obergeschoss des Bucerius Kunst Forums zeigen, machte er sie jetzt unmittelbar selbst zum Gegenstand seiner Arbeiten.

Im Zentrum seines Interesses stand dabei die symbolische Funktion der Masken und Kultobjekte, ihre Mittlerrolle zwischen Diesseits und Jenseits. Während er das äußere Erscheinungsbild seiner Modelle häufig übernahm, brachte er ihre rituelle Kraft, ihre Magie, den Bezug zum Transzendenten mit teils fast unwirklich leuchtenden Farben auf die Leinwand. Perfekt ausgeleuchtet ziehen diese Farben den Besucher des Bucerius Kunst Forums in ihren ganz eigenen Bann.

Karl Schmidt-Rottluff: Afrikanisches, 1954, Brücke-Museum Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Karl Schmidt-Rottluff: Afrikanisches, 1954, Brücke-Museum Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Immer wieder integrierte Schmidt-Rottluff aber auch das ganz konkrete deutsche Zeitgeschehen unmittelbar in sein Werk. In der Ausstellung wird das besonders durch Werke wie „Masken“ und „Kongo- und Dahomémaske“ aus dem Jahr 1938 deutlich.

Den zum Teil in Schwarz-Rot-Gold gehaltenen Masken hat der Künstler in diesen Arbeiten eine eigene, ausdrucksstarke Mimik verliehen und sich dabei von seinen außereuropäischen Vorbildern gelöst. Sie geben nun die Stimmung in Deutschland zur Zeit der Nationalsozialisten wieder und wenden den Blick ab, gucken empört, oder begegnen dem Besucher mit leeren, ausdrucklosen Augen. Entstanden sind diese Arbeiten, nachdem die Nationalsozialisten über 600 Werke Schmidt-Rottluffs beschlagnahmt und zum Teil als „Entartete Kunst“ ausgestellt hatten. Obwohl der Künstler sich selten zur Interpretation seiner Bilder äußerte, schreibt die Kuration diesen Arbeiten im begleitenden Ausstellungstext sicherlich zu Recht ein politisches Statement zu.

Karl Schmidt-Rottluff : Masken, 1938, Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 Bild-Kunst, Bonn 2018

Karl Schmidt-Rottluff: Masken, 1938, Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Am Ende wechselt die Ausstellung noch einmal den Blickwinkel und zeigt eine verkürzte Version des Films „Made in Africa“ von Gert Chesi, der sich mit traditionellem Kunsthandwerk in Afrika in unserer heutigen Zeit befasst. Dieser Akzent auf der afrikanischen Perspektive schlägt erneut den Bogen zu der andauernden Diskussion, wie wir nach der Auflösung der Kolonialreiche mit Werken wie den hier ausgestellten Arbeiten aus Afrika und Ozeanien – und allgemein mit den dahinterstehenden Menschen und Kulturen – umgehen sollten. Auf diese Weise verbindet die Ausstellung beliebte Attribute des deutschen Expressionismus mit ethnologischen, kunstwissenschaftlichen und nicht zuletzt politisch brandaktuellen Fragestellungen. Sie schafft das, ohne zu überfrachten, und entlässt den Besucher mit einigen Anstößen zum eigenen Nachdenken. Dass sich die von Schmidt-Rottluffs Landschaftsbildern geprägten Teile nicht ganz reibungslos in den thematischen Schwerpunkt der Ausstellung einfügen, tritt angesichts dessen in den Hintergrund.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. Mai 2018.
WO: Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg

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