Mann ohne Namen
Ein Gespräch mit der Fotografin Kristin Loschert

16. Oktober 2017 • Text von

Die Adoleszenz ist eine schöne Angelegenheit, wie Kristin Loschert zeigt, die in ihren fotografischen Collagen feine, geheimnisvolle Bilder einer Jugend zeichnet, der sie nicht zuletzt durch Fragmentierung nahekommt.

Kristin Loschert: Mann ohne Namen, 2013-2016

Ein schüchterner Blick in die Kamera, eine dunkle Haarsträhne, eine selbstbewusste Pose – Loschert porträtiert Unbekannte, denen sie vor allem auf den Straßen Berlins begegnet. Für ein paar Stunden nur ermöglichen die jungen Männer ihr den Zutritt in ihre Lebenswelt und dennoch schafft sie es, eine intime Nähe zu ihnen aufzubauen. In ihrer Arbeit „Mann ohne Namen“ ordnet sie die so entstandenen Bilder in Glasvitrinen zu Fotostapeln an, die sich von Ausstellung zu Ausstellung unterscheiden und die so stets nur einen limitierten Einblick in die Gesamtserie gewähren. Im Zusammenspiel mit den Porträts an sich sind es eben diese Leerstellen, die vermeintliche Identitäten evozieren und den Betrachter mit der Aufgabe individueller Konstruktion betrauen. In München zeigt sie ihre Serie aktuell im Rahmen des ME:WE / FOTODOKS – Festivals für aktuelle Dokumentarfotografie.

gallerytalk.net: Für deine Arbeit porträtierst du dir unbekannte junge Männer. Wie stellst du den Kontakt her und wie suchst du dir die Menschen aus, die du abbilden willst?
Kristin Loschert: Ich spreche sie auf der Straße oder in Cafés an. Der Moment, in dem ich sie sehe, ist ein sehr intuitiver Moment. Ich suche nicht, sondern ich finde. Man weiß in dem Moment sehr schnell, wen man ansprechen will. Die Kontaktaufnahme ist letztlich relativ kurz. Diejenigen, die bereit dazu sind, dass ich sie fotografiere, fragen meist nicht nach dem Grund. Ich verabrede mich mit ihnen in für sie persönlichen Räumen. So habe ich auch die Möglichkeit an einen Ort zu kommen, den ich selbst nicht kenne. Das interessiert mich viel stärker als Orte, an denen ich mich schon vorab sicher fühle oder von denen ich schon vorab ein Bild im Kopf habe. Diese Orte, der öffentliche Raum, das Zuhause sind ein wichtiger Teil der Arbeit.

Kristin Loschert: Mann ohne Namen, 2013-2016

Wie viele junge Männer hast du auf diese Weise fotografiert?
Im Moment sind es siebzehn. Ich habe mehr Männer fotografiert als in der Installation zu sehen sind und ich habe auch mehr fotografiert als ich dann am Ende ausgewählt habe. Bei einigen war das Bild von sich selbst, die eigene Pose so stark, dass diese gewisse Art der Kommunikation, die ich in der Arbeit zeigen wollte, verloren gegangen ist. Dieses Selbstsichere, dieses Posing, hat mich weniger interessiert als das, was in einem solchen Prozess entstehen kann. Es ist ein ungesagter Moment, ein Nicht-wissen-warum. Ich konnte auch nicht immer so genau sagen, was mich fasziniert hat. Es ist eine stille Übereinkunft, die man trifft. Bei zwei oder drei hatte ich das Gefühl, ich komme mit dem Bild nicht weiter. Denn das Bild und auch die Art der Kommunikation ist der Schlüssel für diese Arbeit.

Gibt es eine visuelle oder inhaltliche Klammer, die sie alle verbindet?
Ja, es verbindet sie etwas Melancholisches. Sie alle hatten irgendetwas, das aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Teilweise sind sie auf eine Art unmodisch, zeitlos. Sie alle hatten so eine bestimmte Weichheit, auch etwas Androgynes. Gleichzeitig hatten sie etwas sehr Zugängliches. Ich hatte das Gefühl auch einen Teil von mir in ihnen wiederzufinden, gespiegelt zu sehen. Inhaltlich ist es auch ein Moment der Erinnerung bzw. Projektion.

Inwiefern?
Ich glaube, dass Erinnerung teilweise mitunter auch ein Prozess von Konstruktion und Projektion ist. Ich habe als Kind beispielsweise gerne Familienalben durchgesehen. Wahrscheinlich ist das eine Möglichkeit, sich selbst zu verorten und ein Bestandteil der Suche nach Identität. Da gab es gewisse Leerstellen, für die ich mich später angefangen habe, zu interessieren. Eine war der Bruder meines Großvaters, der mit 22 oder 23 im Krieg vermisst worden ist. Meine Großmutter hatte Bilder von ihm zu Hause und hat mir häufig von ihm erzählt. Diese Erzählungen haben sich immer wiederholt, es gab diese Trauer über den Verlust und mich haben dann diese Bilder fast schon ein bisschen verfolgt. Ich habe mich immer gefragt, was das mit mir zu tun hat. Das ist natürlich Teil einer Konstruktion. Ich nenne es mal Übernahme von Erinnerung, die nicht meine eigene Erinnerung ist. Ich habe sie ja nur vorgefunden und erzählt bekommen. Mich interessiert aber auch gerade dieses Fiktive und für mich bietet Fotografie die Möglichkeit diese Fiktion mithinein zu nehmen. Man arbeitet in der Realität, in der Gegenwart, aber man projiziert und man bringt verschiedene Dinge zusammen.

Kristin Loschert: Mann ohne Namen, 2013-2016

Du kommst den jungen Männern in deinen Bildern sehr nahe, dabei kennst du sie gar nicht. Wie überwindest du diese Distanz, die zwischen Fremden besteht?
Es ist ein Prozess, der schon beim Ansprechen beginnt und dann beim Treffen weitergeht. Mit meiner eigenen Bereitschaft, den Dingen ihren Lauf zu lassen, zwar mit der Intension zu fotografieren oder etwas entstehen zu lassen, aber erst mal die Chemie wirken zu lassen. Und auch ich gebe ja selbst etwas zu, ich setze mich der Position genauso aus. Es existiert eine Unsicherheit, die ich sehr interessant finde. Schön war auch zu sehen, wie die Kamera ein Medium geworden ist, das im Moment des Fotografierens nicht nur mich von der Person trennt, sondern zugleich auch Kommunikationsmittel wird. Das passiert fast beiläufig. Man spricht, manchmal spricht man auch gar nicht so viel, manchmal sind die Dinge ganz still passiert. Es ist eine Art der Annäherung, die erst einmal nichts will und aus diesem Nichtswollen heraus, entstehen die Dinge, weil man nichts erwartet und auch nicht will, dass der andere denkt man würde wollen. Man lässt es da und man geht ein Stück zusammen und dann geht man auch wieder. Es geht darum eine intime Distanz zu halten. Es klingt ambivalent, es ist ein Herantreten, aber auch ein Nicht-zu-nahezukommen.

Kristin Loschert: Mann ohne Namen, 2013-2016 (Installationsansicht)

Du sprichst von deinem Interesse für Fotoalben. In gewisser Weise kreierst du in deiner Installation auch selbst Fotoalben. Collagen, die mit Leerstellen und Überschneidungen arbeiten. Was ist die Idee dahinter?
Der Prozess des Schichtens kam dadurch, dass ich viel Material hatte und die Bilder als kleine Prints vor mir hatte, die ich schnell durchgeblättert und durchgeschaut habe. Ich habe gemerkt, dass ich dieser Menge nicht gerecht werde und habe mich geweigert ein Bild oder zwei auszuwählen. Und ich habe mich auf eine Art auch der Wand verweigert, weil ich die Fotos auf der Hand hatte und dieses Durchsehen so wichtig war. Die Bilder habe ich immer Labor entwickelt, was anders als am Rechner editieren ist und so kommt man dem Bild noch näher. Ich habe sie geschnitten und kleine Cuts gemacht. Dadurch kam das Stapeln, diese Materialität ist extrem wichtig und diese Kanten und Ungeraden, Unschärfen, nicht richtig geprintete Fotos, der Staub. Dieses Bild, das man anfasst ist ganz wichtig.

Foto: Linda Peitz

Was bleibt dort sichtbar, was wird dadurch unsichtbar und was entsteht vielleicht erst durch das Stapeln?
Es ist etwas Unbefriedigtes, das ich beibehalten wollte. Diese Stapel, dieses Unsichtbar werden lassen, obwohl man weiß es liegt irgendetwas darunter. Das birgt auch immer einen Zeitaspekt in sich. Zugleich bedeutet es auch den Blick entziehen und Erinnerung. Erinnerung funktioniert ja auch so, dass manche Bilder aufkommen, kurz da sind und wieder gehen, es geht um das Loslassen der Bilder. Also dieses nicht an einem Bild festhalten wollen und ihm auch nicht die Absolutheit geben.

WANN: Kristin Loscherts Serie „Mann ohne Namen“ ist in der Ausstellung im Rahmen des ME:WE / FOTODOKS – Festivals für aktuelle Dokumentarfotografie ist noch bis zum 26. November 2017 zu sehen.
WO: Lothringer13 Halle, Lothringer Str. 13, 81667 München. 

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