Malerei als Behauptung
Markus Willeke in der Galerie Sima

17. Mai 2017 • Text von

Kann ein Absperrband ein Bild sein? Oder eine beschlagene Scheibe? Markus Willeke untergräbt unser Verständnis von Malerei ohne dabei den Zeigefinger zu erheben. Er führt uns in seinem unprätentiösen, erfrischenden Bilderreigen vor, dass Reflexion über Malerei und Malerei selbst kein Widerspruch sein müssen. 

Ausstellungsansicht, Markus Willeke, "PoolBlindCrash", Galerie Sima

Ausstellungsansicht, Markus Willeke, „PoolBlindCrash“, Galerie Sima

Die Galerie Sima lädt heute Abend ein zur „Vernissage plus“ der Ausstellung „PoolBlindCrash“ für alle Kurzentschlossenen, die noch nicht die Erfahrung machen durften vor einer Malerei von Markus Willeke zu stehen, um sich dann auf komische Weise ertappt zu fühlen. Ertappt als Betrachter, der eine bestimmte, wie auch immer gelagerte Erwartenshaltung an ein Bild hat, frei nach dem berühmten Cartoon von Ad Reinhardt, der einen Besucher angesichts abstrakter Kunst erheitert fragen lässt: „Haha, was stellt das denn dar?“; worauf das Bild echauffiert zurückfragt „Was stellst DU denn dar?“. Markus Willekes Bilder stellen nichts dar, sie sind da.

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Markus Willeke: „Chrystal Lake“, 2017, Öl auf Leinwand, 150x280cm © Markus Willeke

Der 45-jährige Künstler hängt nicht einfach Bilder zum Betrachten an die Wand, er konfrontiert uns mit seinen Arbeiten, fordert uns heraus. Sie sind oft groß, direkt und einfach gehalten in ihrer Form- und Farbgebung. Ihre Malweise ist ebenso wie die Motivwahl auf das Nötigste reduziert. Wir begegnen einer Schwimmerin, ein oft wiederkehrendes Sujet bei Willeke, getaucht in psychedelisches Wasser aus purem Pink und tiefem Blau. Manche Bilder erinnern wie dieses in ihrer glühenden, kühnen Farbpalette an Peter Doig oder Daniel Richter, ganz anders allerdings der strukturelle Umgang mit dem Bild. Wo andere ihre Motive in eigensinningen und zergliedernden Inseln und Wolken aus Pigment und Bindemittel dekonstruieren, bleiben Willekes Bilder in ihrer Präsenz konsistent wie ein einmaliger Schlag ins Gesicht. Sie brennen sich auf die Netzhaut, halb Snapshot, halb Piktogramm. 

Schoolbus (Front), 2008 oil on canvas, 90 x 170 cm

Markus Willeke: „Schoolbus (Front)“, 2008, Öl auf Leinwand, 90 x 170 cm © Markus Willeke

Willeke ist ein mutiger Experimentator, der die Kategorie „Bild“ immer wieder aufs Neue hinterfragt und schlüssige aber auch überraschende Ansichten hervorbringt. Erzeugt mit den puren Mitteln der Malerei sprengen seine Bildsujets oft deren Verhandlungsraum. Obwohl in seinen Arbeiten eine ehrliche Lust an Farbe, am Pinselschlag, am Material spürbar ist, wird eine Metakritik an der Kategorie des Malerischen geübt, die für gewöhnlich oft schiefgeht, weil sie in spröde, unansehnliche, allzu verkopfte Erzeugnisse mündet. Willekes Bilder sind wandlungsfähig und scheuen nicht das postmoderne Zitat. Mal wirken sie süßlich nass zerlaufen, wie die schwülstigen Kätzchen von Martin Eder; mal in dünn-wässrigen Lasuren vertrieben, wie die juvenil-fragilen Portraits von Elizabeth Peyton oder die düster-historistischen Fotoaneignungen von Luc Tuymans, aber auch dichte, opake und vor allem leuchtende Flächen bevölkern diese Leinwände in großem Umfang.

Viele Szenen scheinen uns bekannt, sind entnommen aus der Alltagserlebniswelt, dem kollektiven Bildgedächtnis, falls es so etwas gibt. Ein amerikanischer Schulbus fährt durch eine wüstenhaft anmutende Hügellandschaft. Alles ist ganz in Gelb getaucht, als hätte der Bus mit seiner Signalfarbe den Wüstensand und die gesamte Landschaft verfärbt und wie um zu zeigen, dass der Kontext alles verändert, fährt der in diesem Bild entgegenkommende Schulbus in einer anderen, kleineren Arbeit der Ausstellung über eine kühl-bläuliche, schneebedeckte Straße wieder davon.

Markus Willeke: "Untitled", 2017, Öl auf Leinwand, 190x115cm © Markus Willeke

Markus Willeke: „Untitled“, 2017, Öl auf Leinwand, 190x115cm © Markus Willeke

Bei Willeke ist alles bildwürdig, alles vorstellbar: Plastiktüten, Blumen, Wasserspiegelungen, tätowierte Rücken, oft Anschnitte und Themen, die einem eher fotografischen Blick entlehnt zu sein scheinen. Es gibt Bildsujets, die immer wieder auftauchen, teilweise werden bestimmte Motive in verschiedenen Formaten erprobt; in der Ausstellung ist eine Arbeit sogar in Sichtachse zu ihrem kleineren Pendant gehängt. Das ist interessant, weil man erkennt wie unterschiedlich sich ein Motiv in seiner Präsenz und auch in der malerischen Umsetzung veräußern kann, ändert man die Größe.

Fenster- und Glasscheiben, halbdurchlässige, transluzente Oberfläche, zugleich Spiegel, Fläche und Durchblick sind offenbar ein Lieblingsmotiv von Willeke. In der Ausstellung findet es sich in zerschlagener Form und gleich doppelt als beschlagene Scheibe, halb bedrohlich halb spielerisch mit einer Gruppe von vier Totenschädeln bemalt. Im Hintergrund steht die Sonne tief über einer urbanen Silhouette. Der Hamlet des 21. Jahrhunderts malt mit dem Finger auf das nasse Straßenbahnfenster, die zugleich eine dünne, kaum sichtbare Membran zwischen der Wirklichkeit im Bild und der realen, physischen Welt markiert.

Ausstellungsansicht: Markus Willeke, "PoolBlindCrash", Galerie Sima

Ausstellungsansicht: Markus Willeke, „PoolBlindCrash“, Galerie Sima

Die Bilder von Markus Willeke sind immer ein Anlass für eine ganz direkt präsente Malerei und haben doch auch einen Verweischarakter. Sie eröffnen verschiedene Kategorien des Bildhaften. Schrift, Struktur, Textur, Symbol, Ware und Ding werden durcheinandergewürfelt und als farbsprühende Geste wieder ausgeworfen. Der Maler setzt Zeichen, locker, fast rotzig, trotzdem präzise und pointiert – eine beachtliche Leistung. Er bedient sich einer augenscheinlichen Plakativität, die nicht zu verwechseln ist mit Oberflächlichkeit. Der Illusionsraum dieser Malerei ist brüchig, verschwindet zuweilen völlig zwischen den Farbschlieren, die nur noch sich selbst meinen; dafür ist er an anderer Stelle umso eindrücklicher, wenn die Leinwand irgendwie zu einer beschlagenen Fensterscheibe wird, ohne dass man dies wirklich verstehen könnte.

Markus Willeke: "o.T.(Boomerang)", 2014, Öl auf Hartfaser, 25x35cm © Markus Willeke

Markus Willeke: „o.T.(Boomerang)“, 2014, Öl auf Hartfaser, 25x35cm © Markus Willeke

Diese Achterbahnfahrt ist gleich am Einstieg der Ausstellung ganz wörtlich zu nehmen, wenn man von der dunklen Silhouette einer Achterbahn begrüßt wird, hinterlegt von einem fast neonroten Abendhimmel. Die Ausstellung ist auf alle Fälle einen Besuch wert, egal welche Erwartenshaltung an Malerei man mitbringt. Man wird ziemlich sicher überrascht sein, nicht enttäuscht.

WANN: Die Ausstellung „PoolBlindCrash“  von Markus Willeke eröffnet heute Abend, am Mittwoch, den 17. Mai, quasi noch einmal in einer „Vernissage plus“ für alle, die beim ersten Mal keine Zeit hatten. Los geht es um 17 Uhr. Die Ausstellung läuft dann noch bis zum 3. Juni 2017.
WO: Die Galerie Sima lädt ein in die Hochstraße 33 in Nürnberg.

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