Legoland aus Dixi-Klos
Andreas Slominski in den Deichtorhallen

22. Juni 2016 • Text von

„Klothedrale“, „Toilettentempel“ – zu Andreas Slominskis Ausstellung in den Deichtorhallen wurde schon so ziemlich jedes menschenmögliche Wortspiel gemacht. Wir haben uns seine monumentale Klokunst aus Hunderten Toilettenhäuschen mit absurd-sakralen Strukturen trotzdem für euch angesehen – und versprechen größtmögliche Kalauerfreiheit.

Andreas Slominski – DAS Ü DES TÜRHÜTERS, 2016. Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.

Andreas Slominski: „Das Ü des Türhüters“, 2016. Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.

Mit der Ankunft im Ausstellungsraum scheint man eine seltsame neue Welt zu betreten, eine gigantische Architektur, deren Bestandteile sich auf einen einzigen basalen Baustein reduzieren lassen: das Toilettenhäuschen aus Kunststoff, das wir nicht nur als berüchtigten Bestandteil unserer Festivalbesuche kennen, sondern das auch ganz unspektakulär Tag für Tag unverzichtbare Requisite für Tausende Baustellen und Stadtfeste überall in der Republik ist.

Mit der Ausstellung „Das Ü des Türhüters“ hat Andreas Slominski  eine Kathedrale aus Dixi-Klos erschaffen. Links und rechts reihen sich die Häuschen in Blau, Weiß und Rot zu Seitenwänden eines Langhauses, über der Vierung schwebt ein gigantischer „Kronleuchter“ aus ringförmig angeordneten Dixis und auch einen Altar gibt es: ein monumentales rotes Retabel an der Stirnwand der Halle, geschaffen aus zwei Reihen übereinandergestapelter Toilettenhäuschen. Sogar eine Art Kirchenglocke ertönt, denn der Künstler hat aus dem Grundelement Klohäuschen auch eine Soundinstallation entworfen: Ein Dixi hängt über Kopf knapp unter der Hallendecke – in regelmäßigen Abständen sorgt ein Mechanismus dafür, dass seine Tür auf und zu klappt und das Geräusch durch die ganze Halle schallt. Nicht umsonst trägt die Arbeit, angelehnt an die vermutlich bekannteste Glocke Europas, den Titel „Big Ben“.

Andreas Slominski – DAS Ü DES TÜRHÜTERS (Detail), Installation in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Andreas Slominski: „Das Ü des Türhüters“, Installation in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg. Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Mit der monumentalen Architektur der Toiletten-Kathedrale erschöpft sich die Ausstellung jedoch nicht. Denn die Räume dieser Kathedrale werden von zahlreichen weiteren Kunstwerken in Primär- und Sekundärfarben bevölkert, allesamt aus demselben Rohstoff geschaffen oder zumindest aus Elementen zusammengesetzt, die ebenfalls Bestandteile des Toilettenkosmos sind: gehäkelte Klorollenhütchen in etwa, oder Plastikpuppen in den Fäkalfarben Braun und Gelb.

Für eine Ausstellung, die ihr Material aus dem Abort schöpft, sind die Arbeiten allerdings enorm unfäkal, geradezu klinisch sauber. Viel eher erinnern die einfarbig bunten Plastikelemente an Spielkisten aus 80er-Jahre-Kinderzimmern, deren Bewohner sich als Lego, Duplo, Fisher Price oder Playmobil eigene Welten erschufen. Einen konkreten Verweis auf diesen Topos bieten die Plastik-Spielkästen, die im hinteren Teil eines Seitenschiffs auf Dixi-Sockeln präsentiert werden – eines der wenigen Elemente, die vom allübergreifenden Klothema abweichen.

Andreas Slominski – DAS Ü DES TÜRHÜTERS (Detail), Installation in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.

Andreas Slominski – „Das Ü des Türhüters“, Installation in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg. Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.

Ansonsten fungiert das Modul Dixi-Klo quasi als Legostein, aus dem sich spielerisch allerlei Formsprachen nachgestalten lassen: In Slominskis Fall die der Sakralarchitektur und der Hochkunst – so verbindet seine an den hinteren Hallenwänden angebrachte „UVW“-Serie bunte Toilettenwände durch den künstlerischen Eingriff in den Produktionsprozess mit Elementen der Hochrenaissance: Staffeleien, Pinseln, Madonnenbilder. Als ob Raffael mit seinem Namensvetter von den Teenage Ninja Turtles einen Kurztrip in die Kanalisation unternommen hätte. Hier mimt die Klokunst die Malerei, an anderer Stelle versucht sie sich dagegen als Skulptur: In einer Reihe von Arbeiten mit dem Titel „Gurgel“ emulieren zerlegte Klo-Innenleben die Anatomie menschlicher Kehlen. Von ihrem eckigen Gehäuse befreit, erinnern die Klobrillen und Schläuche tatsächlich an organische Formen.

An anderer Stelle nimmt die Ausstellung dann noch einmal ganz bewusst Bezug auf ihre hochkunstige Umgebung: Der monumentale schwarze Kasten „12.000 Liter“ spiegelt Richard Serras ähnlich geformte Arbeit „T.W.U.“, die, markant draußen vor den Deichtorhallen platziert, durch das Fenster sichtbar ist. Im Gegensatz zur minimalistischen Outdoor-Skulptur der US-Bildhauer-Legende besteht Andreas Slominskis Quader jedoch aus Plastik – und seine Bestandteile sind Fäkaltanks, deren eigentlicher Zweck es ist, 12.000 Liter unappetitlicher Ausscheidungen aufzunehmen.

Andreas Slominski – DAS Ü DES TÜRHÜTERS (Detail), Installation in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.

Andreas Slominski – Das Ü des Türhüters“, Installation in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen Hamburg. Foto: Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg.

Und dann ist da noch der Titel der Ausstellung, der ebenfalls hochgeistige Assoziationen weckt. „Das Ü des Türhüters“ nimmt Bezug auf Franz Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“, in der ein Mann vergeblich versucht, an einem Türhüter vorbeizukommen, um Eintritt „in das Gesetz“ zu erlangen. Die genaue Bedeutung des Titels wird trotz ausführlicher Begleittexte offen gelassen. Ob damit auf die Absurdität der Kunstwerke verwiesen werden soll, oder auf die Tatsache, dass fast alle Türen der verbauten Toilettenhäuschen verschlossen sind, bleibt der Eigeninterpretation überlassen. Liest man sich den Titel noch einmal durch, könnte man zudem bemerken, dass das Wort „Türhüter“ den Buchstaben Ü sogar zweimal enthält und dieser grob die Form einer Klobrille hat…

Man mag das Konzept albern finden und als übertrieben skatologisch und effekthascherisch abtun. Lässt man sich aber darauf ein und spielt das Spiel mit, dann bereitet es durchaus Freude, die zahllosen kleinen Verweise nachzuzeichnen, die die auf den ersten Blick so infantilen Arbeiten sowohl selbstreferenziell positionieren als auch mit dem Kunst- und kulturhistorischen Kanon vernetzen. Und wem es trotzdem schwerfällt, die Ausstellung ernst zu nehmen: Es ist stark zu bezweifeln, dass das ihr Ziel sein soll.

WANN: „Das Ü des Türhüters“ läuft noch bis zum 21. August und ist jeweils Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr geöffnet.
WO: Deichtorhallen Hamburg. Haus für aktuelle Kunst, Deichtorstraße 1-2, 20095 Hamburg.

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