Land of Dreams
Elmar Haardts Amerika-Veduten

12. Juli 2017 • Text von

Unendlich oft fotografiert, überliefert aus Hollywood-Streifen oder Marlboro-Werbungen, vermeintlich von jedem schon einmal besucht – Amerika scheint visuell ziemlich ausgereizt zu sein. Elmar Haardt gelingt in seiner aktuellen Ausstellung mit nur drei Monumentalansichten ein neuer Blick auf das Land. Uns hat er von der Absurdität der Mega-Cities erzählt.

Elmar Haardt: Land of Dreams, Installationsansicht, Galerie Jarmuschek+Partner, Berlin

Elmar Haardt: Land of Dreams, Installationsansicht, Galerie Jarmuschek+Partner, Berlin

Vier großformatige Fotografien von Elmar Haardt hängen derzeit in der Galerie Jarmuschek+Partner. Drei davon bilden den ersten Teil der Serie „Land of Dreams“ mit Ansichten der USA, typisch amerikanischer Städte, beinahe plakativ ausgewählter Orte – Los Angeles, Las Vegas, New York –, aber doch mit neuem Blick, seltsam anders und eher ungewöhnlich ins Bild gesetzt. Los Angeles und Las Vegas scheinen sich beinahe aufzulösen im diffusen Dunst der Bildtiefe, der sich weit hinten in dem überbordenden Bildtableau ausbreitet. Die Städte werden zu einem All Over, das den Betrachter fast überrollt, aber in ihrer Detailgenauigkeit in den Bann zieht. Überwältigend sind die Ansichten, nicht nur in ihrer Monumentalität – die großen Bildformate haben das beträchtliche Format von 200 x 245 cm –, sondern auch in ihrer Präzision und ihrer soghaften Tiefenwirkung.

Elmar Haardt: Los Angeles, aus der Serie: Land of Dreams, 2017. C-Print, Diasec, 200x245 cm © the artist

Elmar Haardt: Los Angeles, aus der Serie: Land of Dreams, 2017. C-Print, Diasec, 200×245 cm © the artist

gallerytalk.net: Deine aktuelle Ausstellung in Berlin heißt „Land of Dreams“. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der amerikanische Traum – war das für Dich schon länger ein Faszinosum und hat sich daran an Zeiten von Trump etwas geändert?
Elmar Haardt: Die USA interessieren mich als fotografisches Thema schon seit Längerem. In meiner Amerika-Serie von 2011, für die ich sieben Wochen mit dem Auto durch die USA von West nach Ost und wieder zurückgefahren bin, ging es mir jedoch mehr um die Visualisierung von „Nicht-Orten“. Die aktuellen Arbeiten hingegen zeigen die Absurdität der Ballungsräume – das Ringen der bewohnten und bebauten Flächen mit der Natur, der Kampf um Gebietshoheit. Wenn man so will, führt Donald Trump ebenfalls einen Kampf um (Gebiets-)Hoheit.

Elmar Haardt: Las Vegas, aus der Serie: Land of Dreams, 2017. C-Print, Diasec, 200x245 cm © the artist

Elmar Haardt: Las Vegas, aus der Serie: Land of Dreams, 2017. C-Print, Diasec, 200×245 cm © the artist

Während mittlerweile jeder fotografiert und seine Bilder fast in Echtzeit auf Instagram postet hast Du für das Erstellen von drei technisch sehr anspruchsvollen Ansichten viel Aufwand und Zeit investiert. Ist das für Dich eine Art Kontrapunkt zur ständigen Bilderflut?
Für mich sind das zwei Paar Schuhe. Ich poste auch auf Instagram Bilder, allerdings nehme ich diese mit meinem Smartphone auf. Ich möchte mit meinen Großformaten eine andere Art von Bild zeigen. Ja, man könnte sagen, diese Bilder möchten eine Art Entschleunigung bei der Betrachtung bewirken. Instagram-Bilder schaue ich kurz an, kommentiere sie vielleicht, dann kommen bereits neue Bilder in meinem Stream. Sie funktionieren nicht an der Wand.

Du arbeitest in Deinen Amerika-Ansichten technisch sehr aufwendig mit einer 8×10-Großformatkamera und montierst anschließend sogar mehrere Dias zusammen. Wieso machst Du Dir diesen Aufwand?
Ich möchte mit meinen Arbeiten ein singuläres Wahrnehmungserlebnis schaffen – das Monströse der Orte, ihr pulsierender Wachstum, ihre unüberschaubare Größe finden in dieser Technik ihren Ausdruck. Durch das Zusammenfügen von mehreren analogen Großbild-Dias haben meine Bilder eine ungewöhnliche, fast flächendeckende Tiefenschärfe. Man sieht auf den Bildern mehr als man mit dem bloßen Auge in der Realität sehen würde. Dieses Überangebot von visuellen Informationen ist bewusst gesetzt. Man kann sich lange vor meinen Bildern aufhalten und hat trotzdem noch nicht alles gesehen. Das gefällt mir. Las Vegas, Los Angeles und New York sind Orte, die man nie ganz begreifen wird.

Elmar Haardt: New York, aus der Serie: Land of Dreams, 2017. C-Print, Diasec, 125x150 cm © the artist

Elmar Haardt: New York, aus der Serie: Land of Dreams, 2017. C-Print, Diasec, 125×150 cm © the artist

Es fällt auf, dass Du New York anders betrachtest als Los Angeles und Las Vegas: Du traust Dich näher an die Stadt, wählst einen anderen, tieferen Standpunkt und fotografierst die Ansicht auch „typischer“. Geht es Dir auch um ein unterschiedliches Bild der Ost- und Westküste? Oder was ist der Grund hierfür?
Nein, die Unterschiede zwischen Ost- und Westküste interessieren mich in diesem Fall nicht so sehr. Zunächst wollte ich das „Muster“ durchbrechen, wieder eine Stadt „von oben“ zu zeigen. Ich habe mich gefragt, was ist eigentlich typisch New York und wie kann man dieses „Typische“ irgendwie anders zeigen. Bei meiner Recherche für diese Aufnahme bin ich immer wieder auf das Wasser gestoßen, das die Stadt umgibt. Wenn man sich selbst in New York bewegt, fällt das gar nicht so auf, aber der Fluss bzw. die Meerenge begrenzt die Stadt, das Wasser ist wie eine Mauer. Daher nimmt der East River einen großen Raum in meinem Bild ein, während sich all die markanten Gebäude auf dieser berühmten Stadtinsel seltsam zusammendrängen.

Los Angeles, Las Vegas, New York – was kommt als nächstes? Und warum?
Die Niagarafälle. Ein Ort, wo Natur und Tourismusindustrie aufeinanderprallen. Wer jemals dort war, weiß, dass es da ganz anders aussieht, als auf all den Bildern, die von den Niagarafällen bekannt und im Umlauf sind. Das finde ich sehr spannend. Wie kann man diesen vielfotografierten Ort überhaupt noch fotografieren? Für mein Projekt fehlt nur noch der Investor….

Elmar Haardt, Work in Progress "Andermatt", 2016

Elmar Haardt, Work in Progress „Andermatt“, 2016

In der Ausstellung hängt auch „Andermatt“, ein Bild, das an einem ganz anderen Ort entstanden ist. Wie kam es dazu und was hat es für Dich mit den Land-of-Dreams-Arbeiten zu tun?
Das Bild „Andermatt“ ist sozusagen der Prototyp meiner Aufnahmetechnik. Ich habe längere Zeit probiert und gestestet, ob das Zusammensetzen von analogem Bildmaterial wirklich visuellen Mehrwert bringt. „Andermatt“ ist meine erste Arbeit in dieser Technik. Die Schweiz ist wie die USA ein Land, das mich seit langem fasziniert. Auch hier existieren „Nicht-Orte“, wie z. B. das (ehemalige) Durchfahrts-Gebiet nahe dem Gotthard-Tunnel, über das ich 2009 die Serie „Topographien der Durchfahrt“ realisiert habe. Der Wintersportort Andermatt im Schweizer Kanton Uri ist umgeben von atemberaubender Natur, gleichzeitig ist er rapiden und tiefgreifenden Veränderungen ausgesetzt. Ein großangelegtes Tourismusresort mit Hotelanlagen, Geschäften und Golfplätzen ist seit 2013 in Bau, welches das Bild des malerischen Ortes nachhaltig verändern wird. Natur versus Zivilisation – ein Thema, mit dem sich auch meine USA-Bilder auseinandersetzen. Daher ist „Andermatt“ ebenfalls in der Ausstellung bei Jarmuschek + Partner zu sehen.

WANN: Die Ausstellung „Land of Dreams“ wurde verlängert und ist noch bis zum 5. August zu sehen.
WO: Die Galerie Jarmuschek+Partner befindet sich im Hof der Potsdamer Straße 81A in Berlin.

Weitere Artikel aus Berlin