Kunstmarathon in New York
Unterwegs mit Caro Jost #2

11. Mai 2016 • Text von

Leute, lasst euch eins gesagt sein: Langsam sind wir richtig neidisch. In New York besucht Caro Jost den Künstler Cordy Ryman, erinnert sich an wilde Partyzeiten, beschreitet den kleinen Catwalk des $$-Kunstmarktes und entdeckt nebenbei noch eine ganz besondere Briefkastenklappe.

Der Tag beginnt mit einem Studiobesuch in Brooklyn und zwar bei Cordy Ryman. Ja, Cordy ist der Sohn von dem Robert Ryman. Über Cordy’s Arbeiten bin ich vor zwei Jahren zufällig in einer kleinen Galerie in der Lower East Side „gestolpert“ und hab‘ sie unkompliziert für eine Präsentation bei EYES ONLY mitnehmen können.

Den Künstler Cory Ryman (r.) kennt Caro Jost schon eine ganze Weile. Jetzt hat sie ihn in Brooklyn besucht. © Caro Jost

Den Künstler Cory Ryman (r.) kennt Caro Jost schon eine ganze Weile. Jetzt hat sie ihn in Brooklyn besucht. © Caro Jost.

Heute darf ich Arbeiten für seine große Ausstellung in München im September auszuwählen. In einem ehemaligen Lagerhaus erwartet mich Cordy gleich mit zwei Assistenten – good looking by the way. Erst geht es durch das Materiallager, in dem Cordy Holzpaneelen sammelt, die er für seine Collagen benötigt. In zwei Räumen sind großflächig an die 50 aktuellen Arbeiten gehängt, aus denen ich nach Belieben eine Auswahl für die Ausstellung treffen kann. Großartig! Ich muss nur auf ein Werk zeigen und schon kommt ein Assistent mit Handschuhen, hängt ab und platziert die Auswahl an einer separaten Wand zur Ansicht. Werden Galeristen immer so hofiert?

Im ganzen Studiobereich sehe ich nur einen einzigen Heizstrahler von der hohen Decke hängen. Wie das ist, hier im Winter zu arbeiten, möchte ich mir nicht vorstellen. Und die Anreise in diese Gegend von Brooklyn mitten in der Nacht, wenn man doch nicht nur tagsüber arbeiten will, noch weniger. Soviel zur Ateliersituation in NYC.

Philip Guston bei bei Hauser&Wirth © Caro Jost.

Philip Guston bei Hauser&Wirth © Caro Jost.

Nun geht’s nach Chelsea ins Galerienviertel: Philip Guston, ein Zeitgenosse von Willem de Kooning und Co, bei der Galerie Hauser & Wirth. Die Ausstellung zeigt 36 Ölgemälde der Jahre 1957-1967. Hier sieht man, was es heißt, abstrakt zu malen! Kaum ein Bild steht zum Verkauf, fast alle sind Leihgaben. Bis zum 29. Juli ist die Show noch zu sehen. Und wer sich noch erinnern kann: genau hier in den Hallen des riesigen Lagergebäudes war bis 2007 das legendäre ROXY :-))!! Party!!!

Abends der Sprung in die Konsumentenwelt: Christie’s Auktion für Post-War und Contemporary Art mit 61 Losen. Wie bei einer Filmpremiere laufen die Protagonisten mit ihren nummerierten Plastik-Paddles unterm Arm ein. Durchaus ein kleiner Catwalk des $$-Kunstmarktes, der über die Jahre eine gewisse Routine erkennen lässt.

Stammgäste haben auch hier ihre festen Plätze, wie Thaddaeus Ropac vorne, nah am Desk der etwa 30 Telefonbieter von Christie’s. Artdealer Philippe Segalat (war am Sonntag bei Cattalan’s „Him“ der Gegenbieter) immer am Gang im vorderen Viertel, Top Kunstberaterin Kim Heirston gerne vorderes Viertel aber in der Mitte (also eher unsichtbar zurückhaltend).

Blick in Auktionssaal während der Christopher Wool (rechts an der Wand), "And If You", 1992, Lack auf Aluminium für 12 Millionen Dollar versteigert wird. In der Mitte hängt ein typischer Richard Prince, "Runaway Nurse", Zuschlag 8,5 Mio. © Caro Jost.

Blick in Auktionssaal während der Christopher Wool „And If You“ (rechts an der Wand), 1992, Lack auf Aluminium für 12 Millionen Dollar versteigert wird. In der Mitte hängt ein typischer Richard Prince, „Runaway Nurse“, Zuschlag 8,5 Mio. © Caro Jost.

Neu gesichtet: Vito Schnabel, der aber nach der nicht verkauften „Liz“ von Andy Warhol (Los 39, Schätzpreis 10-15 Mio) vorzeitig den Saal verlies und er hatte auch kein Bieter-Paddle dabei. Auffallend nicht da: Larry Gagosian, der immer in der dritten oder vierten Reihe vor dem Auktionspult saß, fehlte. Er war auch schon bei der Sonntagsauktion nicht persönlich erschienen. Schade, denn es war immer spannend zusehen, wo er mitgeboten hat. Stichwort: Marktwert der Künstler erhalten.

Mein persönlicher Eindruck der Auktion: Es ging schon mal leichter. Topverkäufe weit über Schätzung waren sicher Basquiat, Donald Judd und (was mich unglaublich freut!!) zwei Werke der „Grandes Dames“ Joan Mitchell und Agnes Martin erzielten 8.6 beziehungsweise 9.4 Millionen Dollar plus Aufgeld! Waren auch die einzigen Künstlerinnen im Angebot …

Schade und erstaunlich aus deutscher Sicht: Eine der zwei Arbeiten von Gerhard Richter, das kleine Ölgemälde Venice, 1985, und ein großer Martin Kippenberger fanden keinen Käufer.

Blick hinter die Kulissen: Pressebereich hinten im Auktionssaal während der laufenden Auktion bei Christie's. © Caro Jost.

Blick hinter die Kulissen: Pressebereich hinten im Auktionssaal während der laufenden Auktion bei Christie’s. © Caro Jost.

Wie gesagt, hervorragend – vom Preis her – natürlich der Jean-Michel Basquiat von 1982, 238×500 cm für 51 Mio. plus Aufgeld. Der schöne Robert Ryman, dessen Ölfarbe ich noch tags zuvor riechen durfte, wurde gut für 8,2 Millionen Dollar zugeschlagen. Und auch sehr ok, dass kein Bieter-Hype um die zwei Jeff Koons Skulpturen eingesetzt hat. Das Osterei und der kopfstehende Lobster gingen „nur“ zum unteren Schätzpreis weg. Kunstmarktforscher könnten jetzt vielleicht sagen: Wirkt regulierend!

Nebenbei sei bemerkt: Das kleine zweistöckige Gebäude, in dem Basquiat (1960-1988) arbeitete, steht noch: 57 Great Jones Street in SoHo. Auf der Briefkastenklappe in der Eingangstüre steht: J.B. ! Erstaunlich, dass die Klappe noch nicht geklaut ist, bei den Quadratmeter-Preisen für einen echten Basquiat …

Was Caro Jost in New York noch so erlebt, könnt ihr im ersten Teil unserer Serie „Kunstmarathon in New York“ nachlesen. Ihr wollt mehr über die Münchner Künstlerin wissen? Hier lang geht’s zu ihrer Website.