Kunstmarathon in London
Unterwegs mit Caro Jost

8. Oktober 2016 • Text von

Muss man den alles selber machen? Nö, muss man nicht. Die Frieze schaffen wir gerade noch so, den ganzen Zirkus rund um das Londoner Kunstspektakel lassen wir uns lieber von der Münchner Künstlerin Caro Jost erklären. In Teil eins ihres Spezials trifft sie Nagel-Legende Günther Uecker und spielt Mäuschen bei Christie’s.

Ausstellungsansicht Galerie Domenique Lévy kurz vor Günther Uecker's Interview inmitten seiner Nagelbilder, Foto: Caro Jost.

Ausstellungsansicht Galerie Domenique Lévy kurz vor Günther Uecker’s Interview inmitten seiner Nagelbilder, Foto: Caro Jost.

Nach „show-up“ auf der FRIEZE am Previewtag – Einlassslots natürlich nach Wertigkeitsrastern – abends „touch-down“ bei Sotheby’s in der New Bond Street: Nirgends ist der gefühlte Centimeter-Abstand zwischen vollen Champagnergläsern und den Millionenwerten an den Wänden (und manch smartem Collector) so eng wie hier.

Der Donnerstag liefert mein persönliches Highlight gleich zum Tagesauftakt: Ich treffe Günther Uecker in seiner Ausstellung „Wounded Fields“ bei Dominique Lévy in der Old Bond Street. Uecker kommt direkt aus der Tate Modern, wo er gerade ein Interview vor seinem Klassiker von 1964 gegeben hat. Mit wehendem Staubmantel betritt er die Galerie, wo die nächsten Scheinwerfer und Kameras auf ihn warten. An den Wänden Nagelbilder von 2016. „Zu 80% verkauft“, flüstert der Galerieangestellte.

Umarmung, Augenblicke, beste Wünsche und so geh ich um die Ecke in die Royal Academy zur Ausstellung meiner NYer Helden: „Abstract Expressionism“. 12 Majorpieces von Clyfford Still! Um diese zu sehen, war wohl auch der ehemalige Direktor der Münchner Glypothek voll Enthusiasmus vor Ort.

"The Sky is the Limit": Turbinenhalle, Tate Modern. Foto: Caro Jost.

„The Sky is the Limit“: Turbinenhalle, Tate Modern. Foto: Caro Jost.

Um das noch zu toppen, mache ich noch einen schnellen Abstecher in die Tate Modern. Dort in der Turbinenhalle kurz rücklings auf den Teppich gelegt und in die Höhe des ehemaligen Heizkraftwerks geschaut: Wie Heringe liegen die Museumsbesucher da rum – ein kostenloses Erlebnis, das großen Anklang findet.

Grund meines Besuchs ist aber der Mark Rothko Raum mit den sogenannten Seagram Murals. Zu sehen sind großformatige Werke, die Rothko als Auftragsarbeit Ender der 1950er für das Seagram Building anfertige. Nachdem er allerdings erfahren hatte, dass sie dort im Restaurant hängen sollen, lehnte er den Auftrag ab. Die Bilder gingen dann würdigerweise an die Tate. Für mich persönlich so sehenswert, denn ich wollte die Farbe der Bilder mit der Farbe auf einem Stück Holzboden abgleichen, das ich vor Jahren vom ehemaligen Rothko Studioboden an der Bowery rausgeschnitten habe: Farbe stimmt überein!

Adrian Ghenie (2. v. r.) kurz vor dem Zuschlag auf sein Bild bei der Abendauktion bei Christie's.

Adrian Ghenie (2. v. r.) kurz vor dem Zuschlag auf sein Bild bei der Abendauktion bei Christie’s.

Abends: Contemporary Art Sale bei Christie’s. Ich stehe im Pressebereich und höre leise, wie eine Journalistin ihren Kameramann vorab anweist: Los 5! Der Auktionator betritt nach lässigem Händeschütteln mit der ersten Reihe sein Pult und beginnt mit den erforderlichen Auktionshinweisen: Garantie auf Los 5. Was ist denn da los, mit diesem Los 5? Es ist ein Großformat von Adrian Ghenie. Es wird mit 830.000 Dollar aufgerufen. Mir fallen im Saal vier Personen auf, die mit ihren Handys den Bietverlauf mitfilmen. Sie werden viel Speicherplatz brauchen, denn das Bild kommt letztlich auf 9 Millionen Dollar. Dann Riesenjubel bei den filmenden Personen. Einer von ihnen ist Adrian Ghenie selbst, der die Versteigerung seines Bildes hier live mitverfolgt hat! Sonst: Höchstpreis von 460.000 Dollar für „Grace Kelly“, eine Arbeites des Deutschen Imi Knoebel. Das ist verdient.