Berliner Kunstgriff
01.03. - 07.03.2016

1. März 2016 • Text von

Sexarbeit in Mitte, Kreuzberger Kunstmarathon und ein Hochgebirge in Schöneberg – dieser Kunstgriff ist selbst für den alteingesessenen Berliner Bildungsbürger eine Entdeckungsreise. Selbst auf dem (never) Lonley Planet der Berliner Kunstszene gibt es noch Insider-Tipps. Diese Woche in den Sophiensälen, dem Künstlerhaus Bethanien und der Loock Gallery zu finden.

Donnerstag, Freitag, Samstag steht diese Woche Stripclub, Neotantra und ein Callboy auf dem Programm. Und das auch noch in Berlin-Mitte? Die Sophiensäle präsentieren zwischen dem 03. und 05. März drei verschiedene Solo-Performances, darunter eine Prämiere. Die Australierin Melanie Jame Wolf arbeitete unter dem Pseudonym Mira Fuchs für acht Jahre in Melbourne als Stripperin. In der Performance wird ihr Körper erneut zum Protagonisten. Auf Routine und Erfahrung beruhende Bewegungen adressieren die polarisierte Wahrnehmung von Feminismus und Sexualität, sowie von performativer Identität und Tanz als Arbeit. Während mit Stripclubs billiger Schnaps und Kippen assoziiert werden, denkt man bei dem ehemaligen Arbeitsplatz von Kai Simon Stöger an Räucherstäbchen und orientalische Teppiche. Als Sexarbeiter_in* in der Neotantra-Szene lernte sie die Sehnsuchtsräume kennen, welchen ihre Gäste nachspüren wollten. In Tradition der 68er liegt der Fokus auf aufrichtiger Zuneigung und Hingabe, wohingegen die Methoden der kulturelle Aneignung und eines mitunter naiven Orientalismus in den Hintergrund rücken. Die letzte Performance heißt Traumboy und wird von dem Callboy Daniel Hellmann konzipiert und realisiert. „Schamlos, ehrlich und interaktiv“ beantwortet er Fragen nach dem Warum, Wie, Wer und Was, die dem jungen Mann mit dem stigmatisierten Job sonst nicht gestellt werden. Kritik an seiner gesellschaftlichen Abseitsstellung in  einer durchkapitalisierten und übersexualisierten Wirklichkeit wird durch doppelte Selbstinszenierung geübt.

WANN: 03.-05. März, jeweils um 19, 20.30 und 22 Uhr.
WO: SOPHIENSÆLE, Sophienstraße 18, 10178.
!: Einzelticket 13/8 €, Doppelticket 18/12 €, Infos und Reservierung hier.

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Daniel Hellmann: Traumboy, 2016. Fotografie: Copyright Raphael Hadad

Ebenfalls am Donnerstag, den 03. März, eröffnet das Künstlerhaus Bethanien ganze fünf Ausstellungen und außerdem die Türen seines internationalen Atelierprogramms für einen Blick hinter die Leinwand. Ein kleiner Abriss, was von den gezeigten künstlerischen Positionen zu erwarten ist: Der aus Singapur stammende Künstler Chen Sai Hua Kuan beerbt Marcel Duchamp, wenn er gefundene Gegenstände neuarrangiert und rekonstruiert, um auf deren gesellschaftliche Positionierung und Konstruktion aufmerksam zu machen. Die Ausstellung „Sounds like…“ widmet sich im Speziellen der Manipulation des fundamentalsten Aspektes der menschlichen Wahrnehmung – dem Gehör – und versucht anhand dessen die Differenz zwischen Norm und Individuum aufzuzeigen. Projektion und Konstruktion sind auch die Themen, welche die australische Künstlerin Técha Nobel verwendet, um ihre Auseinandersetzung mit Identität zu beschreiben. Wenn sie Video-Installation auf ihren eigenen Körper projiziert, wird das Verhältnis von Körperlichkeit und Räumlichkeit buchstäblich verhandelt. Der Körper wird zur Kulturlandschaft und Körperkultur materialisiert.

WANN: Die Eröffnung der Ausstellungen findet am Donnerstag, den 5. März, um 19 Uhr, statt. Für Infos hier entlang.
WO: Künstlerhaus Bethanien, Kottbusser Str.10, 10999 Berlin.

NGUYEN THI THANH MAI

Nguyen Thi Thanh Mai: Another World, 2016. Courtsey of the artist.

Weitaus biographischer sind die ausgestellten Werke von Dan Stockholm. Nach dem Tod seines Vaters tastete er die gesamte Fassade seines Elternhauses ab. Anschließend verwendete der dänische Künstler seine Hände als Negativ, aus welchem er eine Vielzahl von Positiven formte. Die Abguss-Arbeiten werden zu Modulen für raumgreifende Skulpturen und Installationen, wobei der haptische Entstehungsprozess die Materialität der Objekte konterkariert. Neben Tobias Hauser eröffnet die vietnamesische Künstlerin Nguyen Thi Thanh Mai die fünfte Einzelausstellung an diesem Abend. Präsentiert wird ein Projekt, für welches sie die Identität von vier fremden Frauen annahm, indem sie sich zunächst in deren Wohnung, Kleidung und entsprechend gestylt fotografieren ließ. Anschließend nahm die Künstlerin die neugewonnenen Persönlichkeiten auf einem Dating-Portal öffentlich ein und dokumentierte die Reaktion der männlichen Interessenten per Video.

WANN: 03. März, 19 Uhr. Noch mehr Informationen findet ihr hier.
WO: Künstlerhaus Bethanien, Ausstellungsräume Kottbusser Straße 10, 10999.

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Peter Rösel: 46°58.63 N-11°06.18E-hdg 210°, Öl auf Leinwand, 120 x 180 cm, 2016. Courtesy Loock Galerie.

Wer am Donnerstagabend leider verhindert ist, dem sei anstatt dieses Kreuzberger Kunstmarathons naheleget seinen Freitagabend in der Loock Gallery in Schöneberg zu verbringen. Dort eröffnet die Ausstellung „Glücksmaschine“ des Berliner Künstlers Peter Rösel. Die gezeigten Malereien erinnern daran, dass man eigentlich etwas anderes unter Winter versteht als hochgezogene Schultern in grauen Betonschluchten. Hoch oben in den Bergen, zwischen Himmel und Erde bildet Rösel menschenleere Landschaften ab, welche dennoch allgemein zugängliche Plätze sind und betitelt mit ihren Koordinaten als Ziel des nächsten Winterurlaubes in Frage kämen. Wenn auch weitaus weniger poetisch, so zeigen die ebenfalls ausgestellten Maschinen, wie klein der Mensch im Vergleich mit der Natur und dem beide umfassenden Weltall ist. Visualisiert wird unter anderem die Geschwindigkeit, mit der sich der Ausstellungsbesucher pro Sekunde durchs All bewegt: 282,74 Meter pro Sekunde. Dementsprechend ist es ein weiter Weg bis zum nächstwöchigen Kunstgriff, aber wie war das doch gleich? Raum und Zeit sind relativ, wenn man gute Kunst sieht.

WANN: 04. März, 19 Uhr.
WO: Loock Gallery, Potsdamer Straße 63, 10785. Alles weitere hier.

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