Kunst, Kanon und Kritik
Robert Morris bei Sprüth Magers

14. Dezember 2016 • Text von

Das Kunstwerk als Spiegel der Seele. Robert Morris versteht diese Behauptung wörtlich und konfrontiert den Betrachter in seiner aktuellen Ausstellung bei Sprüth Magers mit seinem Spiegelbild. Doch auch im übertragenen Sinn ist die Minimal Art eine Begegnung mit sich selbst.

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Robert Morris: Untitled (Williams Mirrors), 1976-77. 12 mirrors, 231,4 x 244 cm (each). Installation view: Robert Morris, ‚REFRACTIONS‘. Sprüth Magers, Berlin, November 22 – Januar 14, 2017. © Robert Morris / VG-Bildkunst, Bonn 2016. Courtesy Sprüth Magers.

Die Begegnung mit einem Kunstwerk ist immer auch die Begegnung mit sich selbst. Wenn man als fleischlicher, denkender Mensch einem weißen Quader aus Sperrholz gegenübersteht, wird der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt spürbar. Genau das – die Aktivierung des Betrachters – ist der Kern und die Intention der Minimal Art. Über 50 Jahre nach deren Aufkommen ist einer der Hauptvertreter des Minimalismus diesen Winter in der Berliner Dependance von Sprüth Magers zu sehen. Robert Morris, Jahrgang 1931, präsentiert unter dem Titel „Refractions“ Kunstwerke aus seinen verschiedenen Schaffensphasen. Das Älteste ist von 1961, das Jüngste 2014 entstanden.

Heute bezeichnen wir jede reduziert eingerichtete Wohnung, jedes schwarzweiße Grafikdesign und eine Reihe von anderen Dingen, die schlicht und gleichzeitig schön sind, als minimalistisch. Die Bedeutung und Verwendung des Adjektivs hat jedoch nichts mit dem Minimalismus mit großem „M“ zu tun. Als erste per se amerikanische Kunstströmung in den 1960er Jahren entstanden, war die Minimal Art eine Revolution: Die Inhaltsleere der skulpturalen Werke, die Negation jeglicher Spuren des künstlerischen Schaffensprozess und die fehlende Betitelung, war nicht nur an eine Absage an die Tradition der europäischen Malerei, sondern auch an die Selbstdarstellung der Abstrakten Expressionisten. In dem Hauptraum von „Refractions“ wird der Betrachter buchstäblich mit sich selbst konfrontiert: Ein Arrangement von 12 Spiegeln ist symmetrisch im Raum verteilt, löst dessen Ecken auf und erweitert ihn ins Unendliche. Unmittelbare Reaktion: Der Griff zum Smartphone – sehr Instagram-fähige Kunst. Die dazugehörige Assoziation: Spiegelkabinett (aus zwei gegeneinander ausgerichteten Schranktüren von Oma). Aber sowie wir die Isolation zulassen, derer Morris uns in “Untitled (Williams Mirrors)“ aussetzt, desto eindrücklicher ist ihre Wirkung. Die Raumgrenzen verschwinden und  wir bleiben alleine zurück – mit unserem Spiegelbild, das sich tausendfach wiederholt und immer weiter entfernt.

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Installation view: Robert Morris, ‚REFRACTIONS‘. Sprüth Magers, Berlin Novenber 22 – Januar 14, 2017. © Robert Morris / VG-Bildkunst, Bonn 2016. Courtesy Sprüth Magers.

Wie sehr minimalistische Werke auf den menschlichen Betrachter ausgerichtet sind – wie oberflächlich die Ablehnung von anthropomorphen Bezügen ist – wird in den beiden Portalen deutlich, die bei Sprüth Magers ausgestellt sind. Robert Morris verwendet die menschliche Größe hier als Maßstab für seine Skulptur. Aus einfachem Holz ist ein rechteckiger Durchgang konstruiert, dessen Innenseiten verspiegelt sind. Die Bewegung durch „Untitled (Pine Portal with Mirrors)“, welches den gleichzeitig bedeutungsleeren und Bedeutung generierenden Galerieraum nur durchschneidet und nicht unterteilt, verbindet Nichts mit Nichts. Es wird keine Erkenntnis suggeriert, die nicht erzeugt werden kann: Wir begegnen lediglich unserem  fragmentieren Ich, welches wir beim Durchschreiten von der Seite sehen.

Unmittelbar neben dem Portal hängt, „Strike“, eine neue Arbeit von Robert Morris aus dem Jahr 2012 von der Decke. Sie beschreibt das Erbe des Minimalismus, das gleichzeitig ein weiterer Kernpunkt der Kunstströmung ist: Die industrielle Fertigung. Ohne die Minimal Art, wäre der post-studio Künstler, dessen Werke entweder von externen Firmen produziert werden oder in ihrer immateriellen Form außerhalb des Ateliers am Computer oder dem Handy entstehen, nicht denkbar. Das asymmetrische, verspiegelte Gebilde, was hier von der Decke hängt und bedrohlich wie ein Raumschiff über den Köpfen der Besucher schwebt, ist weitaus weniger gradlinig als die älteren Arbeiten von Robert Morris. Seine räumliche Präsenz und Machart erzielt zwar den gewünschten Effekt, aber verwirrt durch die protzige Formgebung. Ja, der Galerieraum wird fragmentiert, aber es ist ein „Wow“- und kein „Aha“-Effekt.

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Installation view: Robert Morris, ‚REFRACTIONS‘. Sprüth Magers, Berlin Novenber 22 – Januar 14, 2017. © Robert Morris / VG-Bildkunst, Bonn 2016. Courtesy Sprüth Magers.

Die Historizität und kunstgeschichtliche Kanonisierung der Minimal Art ist eine Krux. Was passiert, wenn eine Kunst altert, die auf Gegenwärtigkeit ausgerichtet ist? Deren Leere einzig und allein dazu da ist, das Hier und Jetzt – den Moment der Begegnung zwischen Werk und Betrachter – erlebbar, spürbar und reflektierbar zu machen. Bereits in den achtziger Jahren widmeten Kunstkritiker diesem Problem ganze Texte: „Die Crux des Minimalismus“ (von Hal Forster) ist beinahe ebenso wichtige wie der Minimalismus an sich. In dem Zeitalter des ermächtigten – durch das Web 2.0 im virtuellen Raum demokratisch agierenden – Individuums verschwindet die Radikalität der Idee, das Kunstwerk zu einer Funktion von Raum, Zeit und Betrachter zu machen hinter dem permanenten Konsum von Information.

Im letzten Raum der Ausstellung werden schwarzweiß Zeichnungen von Robert Morris ausgestellt. Es sind Irrwege ohne Ein- und Ausgang, die wie Kippbilder den negativen und positiven Raum miteinander verweben und sich in unserer Wahrnehmung immer wieder verändern. Die Einsamkeit die diesen Zeichnungen innewohnt, ist wesentlich versteckter als diejenige in der raumfüllenden Installation mit den Spiegeln, zielt jedoch auf dasselbe ab: „Verdammt, wie komme ich nur aus diesem Labyrinth heraus?“

WANN: Die Ausstellung ist bis zum 14. Januar, jeweils von Dienstag bis Samstag von 11 bis 18 Uhr, zusehen.
WO: Sprüth Magers Berlin, Oranienburger Straße 21, 10117 Berlin. Alles weitere hier.

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