Kontroverse in Pink

18. Dezember 2015 • Text von

An der Affordable Art Fair in Hamburg scheiden sich die Geister. Für die einen ist sie eine Bereicherung, ist es doch die einzige kommerzielle Kunstmesse im Norden. Für die anderen ist sie nicht ernst zu nehmen, findet sich dort mehr Kitsch als Kunst. Nun versucht sich die Messe mit dem Pilotprojekt der „Hamburg Section“ als Botschafter der Hamburger Kunstszene. (Autorin: Anne Simone Krüger)

Am Sonntag endete die Affordable Art Fair in Hamburg. Die diesjährige Bilanz: 18.000 Besucher und 2.2 Millionen Umsatz an Kunstverkäufen. Schön, dass es eine Veranstaltung gibt, die dermaßen vielen Menschen Lust auf Kunst macht und dazu anregt, die Kunst auch durch Käufe aktiv zu fördern. Gleichzeitig wird gerade die AAF vor allem in Galeristenkreisen äußerst kontrovers diskutiert. Viele Galeristen wollen lieber gar nicht an einer Messe teilnehmen als dass sie sich das Prädikat „affordable“ aufdrücken lassen.

Dennis Williamson

Foto: Dennis Williamson

Man hat Angst, sich mit dem Marketing der Messe zu degradieren. Dies liegt u.a. auch daran, dass dort nicht nur „Hochkunst“ zu finden ist, sondern auch einiges, was der Kunsthistoriker oder Kunstkritiker als Design betitelt. Nicht dass Design nicht ebenfalls Qualität besäße, nur entspringt es einem anderen Anspruch als die Kunst. Dies ist jedoch nicht nur eine Problematik, die sich dem Kennerkreis auf der AAF auftut. Gleiches lässt sich auf fast jeder Messe finden und auch Geschmack kennt bekanntlich viele Facetten.

Dass Kunst bis zu einem Maximalpreis von 7.500 Euro angeboten wird, ist ein weiterer Punkt, an dem viele Galeristen sich stören. Dabei lässt sich in fast jeder Galerie eben genau das finden. Dem Besucher der AAF jedoch wird garantiert, dass wirklich nur dieses Segment bedient wird. Dieses Limit schließt natürlich einiges an Kunst aus. Mindere Qualität wird dadurch jedoch nicht bedingt, da gerade junge Kunst, die sich preislich noch im Entwicklungsstatus befindet hier eine Chance bekommt sich zu behaupten. Und auch Kleinformate großer Namen sind zu entdecken, sei es im Original oder als Edition. Woher kommt also die Angst vor Kitsch und schlechtem Geschmack?

Foto: Dennis Williamson

Foto: Dennis Williamson

Besuchen wir einmal die Packstation der Messe. Hier werden die gekauften Werke in das auf der Affordable Art Fair omnipräsente Pink verpackt. Durch die Hände der Packer geht jeden Tag Unzähliges an Kunst. Sie haben den Überblick über das Gekaufte und auch der aufmerksame Betrachter kann stutzig werden, wenn er hier längere Zeit verweilt, denn vieles von dem, was hier den Besitzer wechselt, schlittert sehr in Richtung Design, Dekoration und Farbknall. Sicher, Geschmack ist individuell und wenn ich mit Kunst lebe, dann muss sie zu mir passen und mich erfreuen, berühren oder überraschen. Dennoch müssen wir als Galeristen und Kunsthistoriker uns auch fragen: Warum wird genau das gekauft? Vielleicht haben wir ganz einfach unseren Vermittlungsauftrag der Kunst schleifen lassen? Vielleicht sollte sich die Kunstszene beizeiten auch ganz rapide selbst befragen.

Foto: Dennis Williamson

Foto: Dennis Williamson

Abgesehen davon, dass sich die Qualität der Messe in den vier Jahren ihres Bestehens hier in Hamburg qualitativ unglaublich entwickelt hat, muss man ihr zugute halten, dass gerade sie im Bereich der Vermittlung einiges leistet. Man denke an das Projekt „Emerging Artists“ welches von der ehemaligen Messemanagerin Judith Waldmann initiiert, und jetzt von ihrer Nachfolgerin Isabel Deimel weitergeführt wird. Einen weiteren wichtigen und interessanten Schritt haben eine Anzahl Hamburger Galerien zusammen mit Messeleiter Oliver Lähndorf in diesem Jahr gewagt. Das Pilotprojekt „Hamburg Section“ vereinte in einer kuratierten Ausstellung Arbeiten von 11 in Hamburg ansässigen Galerien. Ziel dieser Hamburg Section war es, den Messebesuchern, welchen mit der Messe die Schwellenangst des Kunstkontaktes genommen werden soll, nun auch zu zeigen, dass sie nicht nur auf der Affordable Art Fair sondern auch in den Hamburger Galerien willkommen sind und vor allem, dass Kunst vor Ort auch dann noch erleb- und kaufbar ist, wenn die Messe schon längst wieder ihre Tore geschlossen hat.

Die Resonanz auf das Projekt war überraschend groß und sehr positiv – zumal es sich bei den Galerien durchweg um in der Hamburger Szene fest verankerte Namen handelte, die für Qualität stehen. Sicherlich spiegelten sie nur einen Bruchteil dessen wider, was Hamburg an Kunst zu bieten hat. Doch ging es gerade darum, die Lust auf das „mehr“ an Entdeckungen anzufachen. Kuratiert wurde die Hamburg Section von Dr. Wolf Jahn. Die Auswahl der Arbeiten sollte zum einen die jeweiligen Profile der Galerien herausarbeiten und zum anderen einen Querschnitt durch die regionale Vielfalt ziehen. Dass ein Pilotprojekt immer ausbaufähig ist, versteht sich von selbst. Dennoch hat die „Hamburg Section“ in der Spontaneität ihrer Entstehung einiges geleistet.

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Es bleibt abzuwarten, ob eine Langzeitwirkung einsetzt, ob einige der 18.000 Besucher der Messe im Nachhinein auch die Galerien in Hamburg besuchen. Denn ein nicht absehbarer Effekt war, dass gerade in der Hamburg Section das Interesse an der Sache selbst bedeutend größer war, als das Interesse am Kauf. Gründe hierfür sind reine Spekulation: Waren die Arbeiten vielleicht zu wenig eingängig, zu schwierig für ein Publikum, das durch die Messe eben erst an die Kunst herangeführt wird? Vielleicht. Der auschlaggebende Grund für all die „Fastverkäufe“ jedoch liegt wohl vor allem an der simplen Tatasache, dass die Hamburger Galerien ja vor der Tür sind. Man kann sich die Arbeiten dort ja in Ruhe noch einmal anschauen.

Liebes Publikum, das stimmt. Aber: auch diese Arbeiten könnten dann möglicherweise verkauft sein. Warum schlagen Sie bei einer Arbeit einer Galerie aus München oder Amsterdam sofort zu, nicht jedoch bei der „um die Ecke“? Weshalb der große Zweifel daran, dass es „gute Kunst“ auch vor der eigenen Haustür geben darf? Dass Sammler überwiegend in Basel, Köln oder Berlin kaufen, ist ein offenes Geheimnis. Dass die Hamburger Galerien zunehmend kämpfen müssen auch. Dass Hamburg eine unglaublich dynamische und qualitativ hochwertige Kunstszene besitzt eigentlich nicht.

Foto: Dennis Williamson

Foto: Dennis Williamson

Die Künstler, Kreativen und Galeristen in Hamburg haben in den letzten Dekaden eine Vielzahl an Projekten angestoßen, immer wieder Neues gewagt und sich, wenn eine Sache keinen Erfolg hatte, unzählige Male neu erfunden. Aus der Motivation heraus neue Wege zu gehen entstanden nicht zuletzt Formate wie die Produzenten-Messe P/ART, Off-Galerien wie die xpon-art gallery und die Galerie Genscher oder der Off-Raum Elektrohaus. Künstlerhäuser wie die Frise oder das 2025 zeigen regelmäßig hochkarätige Ausstellungen. Der Freitagssalon war letztes Jahr in aller Munde und der salondergegenwart feierte dieses Jahr sein fünfjähriges Bestehen. Und alle diese Initiativen sind nur ein kleiner Teil dessen, was in Hamburgs Kunstwelt vor sich geht. Für den Moment jedenfalls. Denn wenn Sie als potenzielles Publikum diese Szene weiterhin auf spätere Besuche und „später noch mal anschauen“ verschieben, dann wird es diese Szene irgendwann hier, vor Ihrer Haustür, gar nicht mehr geben.

Die Affordable Art Fair leistet, man mag sie noch so kritisch sehen, einen wichtigen Beitrag dazu, Hamburg als Kunststandort zu exponieren. Die Hamburg Section ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Die Galeristen tun das Ihrige. Der Rest liegt beim Publikum.

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