Disziplin und Leidenschaft ohne Kompromiss
Hanne Darbovens Welt

1. März 2017 • Text von

Zahlenkolonnen, Kinderspielzeug und experimentelle Musik haben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Es sei denn, sie kommen im Werk einer der großen deutschen Künstlerinnen zusammen. Im April 2016 wäre Hanne Darboven 75 Jahre alt geworden und somit laufen gerade die letzten Wochen ihres Jubiläumsjahres. Wie das so ist, wenn eine Deadline naht, die Sache nimmt noch einmal richtig Fahrt auf.

Hanne Darboven: Kinder dieser Welt, 1990 – 1996. 200 Bücher á 6 Schulhefte, 22 Bücher á 5 Schulhefte je 30 x 21 cm, 2 Textbücherbücher à 45,2 x 30 x 3 cm, 114 Packpapiertafeln, je 75,5 x 100,3 cm, 2134 Blatt Blechbläsertrio Opus 43A in Zahlenworten, 68 Blatt Notenpartitur, Transkription, je 29,7 x 21 cm, 68 Blatt Notenpartitur, Transkription, je 62,8 x 44,9 x 1,5 cm, 150 Blatt Notenpartitur, Handschrift, je 29,7 x 21 cm, div. Objekte: Spielzeug, Puppen, Blechspielzeuge und Spieluhren in Vitrinen. © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Hanne Darboven: Kinder dieser Welt, 1990 – 1996 © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / Foto: Henning Rogge/Deichtorhallen Hamburg

Am Burgberg in Rönneburg, ungefähr drei Kilometer hinter dem Harburger Bahnhof, ist die Künstlerin als mittlere von drei Töchtern des Kaffeeunternehmers Cäsar Darboven aufgewachsen. Hier lebte und arbeitete sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2009, unterbrochen nur von einem zweijährigen Aufenthalt in New York City. Dort lernt sie zwischen 1966 und 1968 wichtige Künstler der Konzeptkunst, Kunsthändler und Kritiker kennen. In der ehemaligen Unternehmervilla der Darbovens liegt auch das frisch eröffnete Hanne Darboven Dokumentationszentrum. Die wissenschaftlichen Leiterinnen der Darboven Stiftung, Florentine Gallwas und Nicole Krapat, haben damit alle Hände voll zu tun, denn sie sind gleichzeitig Kuratorinnen der aktuellen Ausstellung „Gepackte Zeit“ in der Sammlung Falckenberg. Und trotzdem haben sie sich für gallerytalk.net Zeit genommen. Vielen Dank!

Florentine Gallwas und Nicole Krapat bei der Eröffnung des Dokumentationszentrums © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg/ VG Bild-Kunst Bonn 2017/ Foto: Bertold Fabricius

Florentine Gallwas und Nicole Krapat bei der Eröffnung des Dokumentationszentrums © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg/ VG Bild-Kunst Bonn 2017/ Foto: Bertold Fabricius

gallerytalk.net: Am 29. April 2016 wäre Hanne Darboven 75 Jahre alt geworden. Seitdem steht die Uhr für Sie nicht still. Können Sie ein paar Highlights Ihrer Arbeit beschreiben?
Florentine Gallwas und Nicole Krapat: Wir selbst haben Hanne Darbovens Geburtstag mit dem Richtfest der Stiftung und einem Festkonzert gefeiert. Im vergangenen Jahr gab es Retrospektiven in München, Bonn, L.A. und in der Dia Art Foundation in New York. Jetzt machen wir mit der aktuellen Ausstellung in der Sammlung Falckenberg den Bogenschlag zurück nach Harburg. Uns freut das besonders, weil die beiden Orte, New York und Harburg, auch die beiden Fixpunkte in Darbovens Leben sind. Am 29. April schließen wir ihr Jubiläumsjahr mit einem weiteren Konzert ab. Thomas Dahl spielt Darbovens „Werke für Orgel“ in der St. Petri Hauptkirche. Unsere Höhepunkte sind somit durch zwei musikalische Highlights eingerahmt.

Hanne Darboven in ihrem Studio, 1987/1988. Courtesy Hanne Darboven Stiftung, Hamburg © Deichtorhallen Hamburg

Hanne Darboven in ihrem Studio, 1987/1988.
Courtesy Hanne Darboven Stiftung, Hamburg © Deichtorhallen Hamburg

Was schätzen sie persönlich an Hanne Darboven besonders?
Ich glaube, dass wir beide das Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrer Arbeit und ihrer Kunst bewundern, sowie die Konsequenz, mit der sie ihren eigenen Weg gegangen ist. Sie hat sich eigentlich als einzige Frau im „Männerklub“ der Minimal- und Conceptual Art resolut durchgesetzt. Hanne Darboven war kompromisslos diszipliniert und kompromisslos leidenschaftlich.

Was ist besonders an der Ausstellung in den Deichtorhallen?
Die Ausstellung hat drei Säulen. Chronologie ist die eine: Wir schlagen den Bogen von frühen Arbeiten bis hin zu ihrem Spätwerk. Eine weitere ist die Achse „Harburg – New York“ und die dritte ist der Bezug zu den Arbeiten der Sammlung Falckenberg. Zum Teil sind diese Bezüge rein assoziativ, zum Teil handelt es sich aber auch um Künstler, die sie kannte und deren Werke sie wahrgenommen hat, wie etwa Bruce Nauman. Ein besonderer Glücksfall ist etwa die Videoarbeit von John Baldessari, in der er Sol LeWitts 35 Sentences on Conceptual Art“ (1969) singt. Denn Hanne Darboven kannte sowohl Baldessari als auch LeWitt, die Ideen, die Letzterer in seinem Manifest äußert, sind nicht zuletzt im Briefwechsel mit Darboven formuliert worden. Mit unserem Wissen über Hanne Darboven im Gepäck durch das Depot Falckenbergs zu laufen war eine große Freude – ein Gefühl, wie ein Kind im Süßigkeitenladen.

Hanne Darboven Dokumentationszentrum © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg/ VG Bild-Kunst Bonn 2017/ Foto: Bertold Fabricius

Hanne Darboven Dokumentationszentrum © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg/ VG Bild-Kunst Bonn 2017/ Foto: Bertold Fabricius

Die Begeisterung der beiden Kuratorinnen drückt sich nicht zuletzt in der liebevollen Auswahl an Darbovens Korrespondenzen mit Künstlerfreunden wie Carl Andre, Sol LeWitt und Lawrence Weiner aus, in denen eine überraschend leidenschaftliche Seite der sonst so streng wirkenden Darboven deutlich wird.

Der Hauptfokus der Ausstellung liegt auf einem ihrer zentralen Werke: „Kinder dieser Welt“. Die Arbeit ist kurz nach der Wende entstanden und drückt den historischen Optimismus der Künstlerin angesichts des politischen Umbruchs aus. In ihrer eigenen Systematik verpackt und chiffriert Darboven jeden Tag eines Jahrhunderts in verschiedene Zeichensysteme und Kunstformate: monumentale Bildwände, historisches und aktuelles Spielzeug, Schulhefte, Noten und Musik. „Der Aufwand, der darin steckt, ist eigentlich eine Liebeserklärung an die Menschheit“, so Florentine Gallwas. Im Werk der Jahrhundertkünstlerin geht es immer wieder um Zeit, „die sichtbar werden soll“, wie es Deichtorhallendirektor Dirk Lukow bei der Eröffnung ausdrückt. Indem sie Quersummen aus den Zahlen eines jeweiligen Datums bildet, transformiert sie diese historischen Daten in abstrakte mathematische Zusammenhänge.

Hanne Darboven: Appointment Diary, 1988/98, Fotografie auf Papier, 4-teilig. Foto: Egbert Haneke

Hanne Darboven: Appointment Diary, 1988/98, Fotografie auf Papier, 4-teilig. Foto: Egbert Haneke

Darbovens penibles Notationssystem wird eindrücklich aus ihren Taschenkalendern und ihren kalendarischen Arbeiten, Konstruktionszeichnungen bis hin zu ihren Großarbeiten hergeleitet. Außerdem wird die Werkgenese der Arbeit „Welttheater“ von der Inspirationsquelle, über Skizzen bis hin zum fertigen Werk nachvollzogen. Um diese Fülle auch voll auskosten zu können, empfiehlt es sich, die Ausstellung im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Das sorgsam durchgeplante und chiffrierte Werk Darbovens gibt seine Feinheiten nicht direkt preis, vielmehr muss es fühlend durchdacht und exemplarisch nachvollzogen werden.

Hanne Darboven: o.T. (Plan 8.8.86, 1:2, 1968), 1 Blatt (gerahmt), schwarze Tinte auf rotem Kästchenpapier, 59,5 x 119,5 cm © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Hanne Darboven: o.T. (Plan 8.8.86, 1:2, 1968) © Hanne Darboven Stiftung, Hamburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Ein kleine Einschränkung bleibt: Es ist noch kein ganzes Jahr her, da hat das Kunsthaus Hamburg eine herrliche Ausstellung über Hanne Darboven durch die Augen von 43 Gegenwartskünstlern gezeigt (gallerytalk.net berichtete hier). Das kleine Kunsthaus meisterte den Spagat sich dem Werk der Künstlerin nahezu komplett indirekt zu nähern und dadurch die Lebendigkeit und Wirkmächtigkeit ihrer Arbeit vorzuführen – und das in unmittelbarer Nachbarschaft der Deichtorhallen. Die Einbeziehung dieser Ausstellung hätte sicherlich die Werkauswahl der Korrespondenzen noch positiv beeinflussen können.

WANN: Die Ausstellung „Hanne Darboven – gepackte Zeit“ ist noch bis zum 3. September zu sehen. Der Besuch der Sammlung Falckenberg/ Deichtorhallen Hamburg ist jeden ersten Sonntag im Monat sowie im Rahmen von Führungen möglich. Das Dokumentationszentrum kann ebenfalls an jedem ersten Sonntag im Monat besichtigt werden.
WO:
Deichtorhallen Hamburg – Sammlung Falckenberg, Phoenix Fabrikhallen, Wilstorfer Straße 71, Tor 2, 21073 Hamburg & Hanne Darboven Dokumentationszentrum, Am Burgberg 26-28, 21079 Hamburg

Weitere Artikel aus Hamburg