Kapital und Kompetenz
Die erste Ausgabe der „Art Berlin“

15. September 2017 • Text von

Die ehemalige Kunstmesse abc hat sich von den Betreibern der Art Cologne übernehmen lassen und in ihrer Neukonzeption das Wort „Contemporary“ aus dem Namen gestrichen. Warum? Moderne Kunst zieht Sammler an. Gleichzeitig sollen diese aber auch mit jungen, aufsteigenden Positionen konfrontiert werden. Wo man diese finden kann, verraten wir euch hier.

Bunny Rogers, Untitled (Russia), 2016, Courtesy of Société.

Die 26 Jahre junge Amerikanerin Bonny Rogers reflektiert in ihren Skulpturen und Installationen kollektive Traumata und universelle Erfahrungen von Verlust, Entfremdung sowie die allgegenwärtige Suche nach Zugehörigkeit. Dabei lässt sie in gemeinschaftliche Erlebnisse immer wieder ihr persönliches Schicksal einfließen. So auch am Stand von Société: Aus rot, blau und weiß gefärbten Rosen hat sie hier drei botanische Wandskulpturen geschaffen, die Staatsflaggen bilden, und je mit einem schwarzen Trauerband behangen sind. Russland, das Land ihrer Fantasien und Sehnsüchte, Texas, die eigene Heimat, Polen, das Herkunftsland ihres Exfreundes. Sie verleiht so ihrem individuellen Schmerz offiziellen Charakter; sie verarbeitet und lässt die Welt daran teilhaben. Gleichzeitig deutet sie an, wie stark auch politische Bündnisse auf individuellen, emotionsgeladenen Beziehungen basieren. Und wie fragil diese sein können. Ironischerweise hat sie die Werkreihe „navsegda“ getauft: „für immer“ auf Russisch. Die konservierten Rosen versprechen Unendlichkeit – doch fangen nach spätestens drei Jahren an, zu vergilben und langsam ihre Blätter zu verlieren.

WO: Société Berlin, Stand 1.D07

Laurel Nakadate, Lucky Tiger #176, 2009, From the series Lucky Tiger, Courtesy of Galerie Tanja Wagner

Junge, weibliche Positionen zeigt sorgfältig kuratiert auch die Berliner Galerie Tanja Wagner. Der Galeristin möchte dabei aber nicht unbedingt ein feministisches Statement setzen, vielmehr sucht sie in der Kunst gleichermaßen nach politischer Haltung und Sensibilität, was ihrer Meinung nach Frauen besonders gut miteinander verbinden können. Heute geht es daher um Identität als Selbstverweis und Fremdzuschreibung. Die Amerikanerin Laurel Nakadate untersucht ihre eigene Weiblichkeit, indem sie sich in Pin-Up-Pose und kindlicher Unterwäsche vor amerikanischen Landschaften fotografieren lässt und die Erzeugnisse einsamen Truckern auf den Highways in die Hand drückt. Die mit öligen Fingerabdrücken beschmierten Exemplare sind nun fein gerahmt neben den Arbeiten von Šejla Kamerić zu sehen, die sich ebenfalls in Form von Selbstporträts mit den negativ konnotierten Stereotypen ihrer bosnischen Mentalität auseinandersetzt. In leicht ironischer aber dennoch feinfühliger Manier adressiert sie Diskriminierung und Entfremdung, indem sie sich in japanischem Setting in Szene setzt und Relikte ihrer früheren Arbeiten an ihrem Körper trägt. In Nilbar Güreş Stoffskulpturen und -zeichnungen spiegeln sich wiederum Reflexionen zu queerer Identität und Geschlechterrollen vor dem Hintergrund der kurdischen Herkunft der Künstlerin. Auf dem Boden vor diesen Werken feministischer Selbstbestimmung verheißt ein Leuchtkasten „Liberty“ – doch ist die proklamierte Freiheit durch Tauben Spikes eingeschränkt: Man darf ihr bloß nicht zu nahe kommen.

WO: Galerie Tanja Wagner, Stand 1.B04

Awst & Walther, CULT, Courtesy of PSM

So still und andächtig in seiner Aufmachung ist der Stand von PSM in einer dunklen Sackgasse zwischen Halle 1 und 2 leicht zu übersehen. Schlicht gesagt hätte die Galeristin die relativ große Koje ebenso gut mit Licht ausfluten und ihre verkäuflichsten Prachtstücke an die Wand hängen können – aber nein: Ein einzelner dumpfer Scheinwerfer beleuchtet eine einzige zierliche Skulptur, die anmutig mitten im dusteren Raum über dem Boden zu schweben scheint. Hierbei handelt es sich um einen 3D-Harzdruck des Unkrautes Schotenkresse von Awst & Walter. Dank seines Modellorganismus wird das Gewächs häufig zu biogenetischen Zwecken eingesetzt. Das Künstlerduo beschäftigt sich in seiner Praxis mit ökologischen, naturwissenschaftlichen Themen und dem oftmals verzerrten Umgang des Menschen damit. Sie sind dabei bemüht, die verschobenen Ordnungssysteme zwischen Mensch und Umwelt aufzudecken. Am Stand von PSM wird dies möglich: Durch die treffsichere Bespielung des Raumes ist der Besucher dazu angehalten zu verweilen, zu kontemplieren, sich für einen Moment der Reizüberflutung des Messetrubels zu entziehen und sich gezielt mit dem einzelnen Werk auseinanderzusetzen.

WO: PSM, Stand 1.A16
Art Berlin, Station Berlin, Luckenwalder Straße 4-6, 10963 Berlin
WANN: Die Messe ist bis Sonntag, den 17. September von 11 bis 19 Uhr zu besichtigen. Hier geht’s zum Begleitprogramm.

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