(K) einer da
Das Kunst-Mysterium Puppies Puppies bei Oracle

15. Juni 2017 • Text von

Alle reden über ihn, keiner kennt ihn – der Künstler Puppies Puppies lässt lieber Objekte oder fiktive Charaktere für sich sprechen, anstatt selbst auf die Bühne zu treten. Bei Oracle läuft noch bis August die Soloshow des Künstlers, in der sein Großvater die Stimme erhebt.

Puppies Puppies, Carlos. Courtesy the artist and Oracle, Berlin.

Samstagabend, Wilmersdorf: Der Ku’damm ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Das Absatzgeklapper der Shopaholics dringt trotzdem nicht bis in die Joachimstaler Straße vor. Hier gibt es Bubble Tea Shops und ranzige Elektronikläden. Leuchtbuchstaben weisen in verblichenem Gelb auf den Eingang der „Metropole Arkaden“ hin. Hier liegt Oracle – ein Projektspace, dessen Name seine mysteriöse Lage untermalt. Ich muss mich mehrmals vergewissern, nicht die falsche Postleitzahl eingegeben zu haben, bevor ich die Arkaden betrete. Am Ende des Durchgangs schließlich: ein schmuckloser, quadratischer Raum. Das muss der Ort sein, an dem der Künstler Puppies Puppies sein neuesten Readymade platziert hat. Ich muss es nur noch finden.

Aber jetzt mal vom Anfang her – wer oder was soll überhaupt Puppies Puppies sein? Wem jetzt flauschige Hundebabys im Kopf herum fiepen, der hat weit gefehlt. Puppies Puppies ist der Name eines Künstlers, über dessen Arbeiten viel geredet wird, ohne das ihn jemand tatsächlich kennt. Die Tarnkappe eines Unbekannten, der mit seinen absurden Readymades, in denen er popkulturelle Ikonen wie SpongeBob oder Voldemort zu Kunstobjekten erhebt, Geschichten über Kunst, die Gesellschaft und sein eigenes Leben erzählt. Dadurch, dass man die Identität nicht kennt, ist man ständig auf der Suche nach ihm. Auch ich ertappe mich dabei, wie ich zu der Gruppe, die rauchend vor dem Imbiss neben der Galerie sitzt, hinüber schiele. Vielleicht ist Puppies Puppies unter ihnen?

Octopus, 2015, Octopus. Courtesy of the artist.

Doch bevor ich mich nach dem Künstler umblicke, sollte ich mich zuerst dem Kunstwerk widmen. Was gar nicht so einfach ist. Auf den ersten Blick erscheint der Raum leer – nichts als weiße Wände, weißes Licht und weiße Luft. Dann aber fällt mir ein Schimmern an der Wand auf – zwei winzige, silberne Schlüssel, die Fischkadavern gleich vor der Tapete baumeln. Es handelt sich nicht um gewöhnliche Schlüssel, sondern um Replika sowjetischer Missile Launch Keys, mit denen im Kalten Krieg Raketen gezündet wurden. All das verrät mir ein kleines Heftchen, das mich zur Zeugin eines Gespräches zwischen Forrest – einer weiteren Person aus dem Kosmos des Künstlers, die dieser gerne für sich sprechen lässt – und dessen Großvater Carlos macht.

In dem Heft ist die Geschichte hinter den beiden Schlüsseln in Interview-Form geschildert: Carlos erzählt Forrest, wie er im Kalten Krieg als „Missile Combat Crew Officer“ für die Beherrschung der hochkomplexen Raketensysteme verantwortlich war. Er erzählt von der Angst und dem unerträglichen Druck, sich keinen noch so kleinen Fehler erlauben zu dürfen. Er spricht über die Traumata seines eigenen Vaters, der im Vietnamkrieg war. Auf Ebay hat er eine Person gefunden, die 3D gedruckte Replika der originalen Raketenschlüssel herstellt und hat diese für seine Kollektion an Dingen aus dem Kalten Krieg ersteigert. Sie sind ein Symbol seines Jobs und seiner Zeit in der Army, die Carlos noch immer sehr zu beschäftigen scheint.

Untitled (Purell), 2012, in situ at Berlin Bienniale. Courtesy of the artist.

Schon während ich das Interview lese, füllt sich der Raum. Nicht mit Menschen, sondern mit Geschichte, die von den Mikroobjekten an der Galeriewand auszustrahlen scheint. Auch das ist typisch für Puppies Puppies: So bekannt seine Readymades aus dem popkulturellen Kontext auch sein mögen, so sind sie doch immer eng an den persönlichen Erfahrungshorizont des Künstlers gekoppelt. Dass es sich bei den Ausstellungsobjekten um Schlüssel handelt, ist außerdem auch auf symbolischer Ebene interessant: Sie öffnen die Tür in die Vergangenheit, lassen Puppies Großvater Carlos im Kaminzimmer sitzen und ungestört erzählen. So individuell die Stimme, die sich dort erhebt, auch anmuten mag: Spätestens, wenn Carlos auf die Frage, ob er sich vor dem Ausbrechen eines Krieges in absehbarer Zeit fürchtet, antwortet: „Der Kalte Krieg hat nie aufgehört“ gewinnt sie einen allgemeingültigen Wert.

Zu guter Letzt wirkt die Ausstellung – nicht nur aufgrund ihres Titels „Carlos“ – auch wie eine Hommage des Künstlers an seinen Großvater. Und so brauche ich am Ende gar kein Gesicht vor Augen, um mich Puppies nah zu fühlen. Wenn Objekte ihre eigene Sprache entwickeln, bedarf es keiner Künstlerstimme mehr, die sie in die Welt hinaus plärren. Als ich das Weiß am Ende verlassen, schaue ich mich nicht noch einmal nach der rauchenden Gruppe um. Meine Story habe ich schon.

P.S.: Was mich allerdings wirklich interessiert: Warum stellt ein Typ 3D Drucke von Raketenschlüsseln her?

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. August. Zur Homepage des Künstlers geht’s hier.
WO: Oracle Berlin, Joachimsthalerstr. 14, 10719 Berlin.

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