Jenseits von Cowboyland
15 Jahre heliumcowboy

24. Oktober 2017 • Text von

Seit 15 Jahren reitet heliumcowboy Jörg Heikhaus durch die Hamburger Kunstlandschaft. Als Galerist für junge Gegenwartskunst, aber auch als Künstler Alex Diamond hat er der Hansestadt seinen Stempel aufgedrückt. Zeit für ein ausführliches Gespräch.

Mit Tattoos und Rauschebart ist Jörg Heikhaus alias Alex Diamond wohl eines der bekanntesten Gesichter der Hamburger Kunstszene. Und nach anderthalb Dekaden Galeriegeschichte hat er viel zu erzählen. Im kunterbunt vollgestopften Atelier- und Büroraum in der Neustadt empfängt er uns zum ausführlichen Interview. Wir nehmen auf Sitzschalen aus dem alten Millerntor-Stadion Platz und ab geht es auf Zeitreise durchs “Cowboyland”.

Porträt Jörg Heikhaus, Foto: Julia Schwendner

Porträt Jörg Heikhaus, Foto: Julia Schwendner

Gallerytalk: Jörg, ihr habt im Sommer unter dem Motto “Cowboyland” groß Galeriegeburtstag gefeiert – wie hat es denn vor 15 Jahren mit heliumcowboy angefangen? Damals wart ihr ja noch auf St. Pauli.

Jörg Heikhaus: Gar nicht so weit weg von hier – vielleicht 800 Meter? Damals habe ich die Galerie aufgemacht, weil es eigentlich nicht unbedingt etwas Vergleichbares gab. Ich habe auf St. Pauli diesen Raum gefunden, um dort meine eigene Kunst zu machen, fand den aber super geeignet, um auch mit anderen Ausstellungen zu machen. So habe ich angefangen andere Künstler auszustellen und erkannt, dass das etwas ist, was Hamburg ganz gut gebrauchen kann. Das war eine Zeit, in der sich junge Kunst neu aufstellte, der Begriff der Urban Art kam erstmals auf, es entwickelte sich weltweit etwas sehr spannendes in der Subkultur.

GT: Urban Art – gerade in Hamburg ein wichtiges Stichwort – wie stehst du dazu?

JH: Urban Art gab es damals in diesem Sinne noch nicht. Ich habe nicht bewusst Künstler gesucht, die aus dem Graffiti oder der Streetart kommen. Das bot sich einfach an, es drängten sich quasi Künstler auf, die man auf der Straße gesehen hat. Wir haben uns auch nie als Urban-Art- oder Graffiti-Galerie verstanden, wir haben einfach Kunst gemacht, die aus der Gegenwart kommt. Es ist wie alles, was du im kreativen Bereich machst – Kunst oder Musik – Leute haben gerne eine Schublade. Und das ist letztendlich auch okay. Wir versuchen ja auch viele Leute zu erreichen und denen etwas an die Hand zu geben, damit sie ein Gefühl dafür bekommen, was wir hier machen.

GT: Du hast dich ja entschieden, mit der Galerie hier in Hamburg zu bleiben. Hattest du nie das Bedürfnis, wie so viele andere nach Berlin zu gehen?

JH: Ich bin ja eigentlich Zugereister – aus Köln – aber ich lebe jetzt schon fast 20 Jahre in Hamburg. Abgesehen davon, dass ich mich hier sehr wohl fühle, war es auch gut, die Galerie hier aufzumachen, weil Hamburg so eine gewisse Unaufgeregtheit mit sich bringt. Du bist nicht darauf angewiesen, innerhalb von drei Wochen der neue Hotspot der Szene zu werden. Wenn du in einer Stadt wie Hamburg eine Galerie aufmachst und dann auch noch ein Alleinstellungsmerkmal hast, dann ist das ein Ort, der sehr gut für dich sein kann.

heliumcowboy, Galerieräume am Bäckerbreitergang, 2015

heliumcowboy, Galerieräume am Bäckerbreitergang, 2015

GT: Wo eben der Begriff Alleinstellungsmerkmal fiel: Was wäre das denn für heliumcowboy?

JH: Ich glaube, dass das Alleinstellungsmerkmal oder USP einer Galerie in erster Linie mit den Leuten zu tun hat, die das machen, und natürlich mit den Künstlern, die man ausstellt. Ich würde bei heliumcowboy auch nicht unbedingt von einem USP reden, sondern von einer Marke, die man sich aufgebaut hat. Von einem guten Namen. Anfangs war unser USP aber, dass wir anders und neu waren – wir hatten so eine “We don’t give a fuck”-Mentalität, was die Erwartungen des Establishment betraf.

GT: Eine Art Punkrock-Attitüde also?

JH: Du hättest bei Art oder Monopol damals keine Chance gehabt mit unserem Künstlerportfolio: Künstler, die keinen akademischen Hintergrund haben, die nicht schon woanders durch irgendeinen Kunstpreis oder am Markt geadelt worden sind. Wir haben damals einfach gemacht und gezeigt, dass wir gute Künstler präsentieren und ihnen einen Raum geben können. Und eine Galerie ist immer ein personenbezogenes Geschäft. Wenn es heliumcowboy nach 15 Jahren noch gibt, dann liegt das natürlich auch ganz viel daran, dass es mich noch gibt.

Ausstellungsansicht: Jens Rausch "Experimentierfeld"

Ausstellungsansicht: Jens Rausch „Experimentierfeld“

GT: Apropos Künstler: Was kannst du uns zur aktuellen Ausstellung, “Experimentierfeld” von Jens Rausch erzählen?

JH: Der Jens kam über eine ehemalige Mitarbeiterin in die Galerie und seine Arbeiten haben uns sehr gut gefallen, woraufhin wir ihn erstmal in Gruppenausstellungen gezeigt haben. Er ist ein feiner Kerl, macht ganz besondere Arbeiten mit sehr speziellen Techniken – ist aber auf eine gewisse Art und Weise auch so zerrissen: Hier eine Gruppenausstellung, da eine Gruppenausstellung – er stellt unglaublich viel mit verschiedensten Leuten aus. Jens ist so ein Paradebeispiel für einen Künstler, der keine Verortung hat. Da haben wir gesagt: “Du brauchst mal ‘ne Ausstellung, wo du Ruhe hast, wo nur deine Arbeiten sind.” Die Ausstellung wird übrigens gar nicht von mir geleitet, sondern von meinem Sohn Melvin, der inzwischen 19 ist und hier aushilft. Der hat einen guten Zugang zur Kunst und den ganzen Künstlern, weil er hier auf der Ranch ja mehr oder weniger aufgewachsen ist.

GT: Und wie geht es danach weiter?

JH: Am 11. November eröffnet “Weapons of Mass Seduction 2” – die Fortsetzung eines Ausstellungskonzepts von mir und meinem Freund Victor Castillo, einem chilenischen Künstler, der in Los Angeles lebt. Wir haben beide dieses erzählerische, comichafte Element in unseren Arbeiten und gehören zu einer Generation von Künstlern, die keine Probleme damit hat, die Begriffe Cartoon, Comic und Pop in einen Hut zu werfen und zu sagen, das ist jetzt unsere Kunst. Wir kommen auch beide aus Cliquen, in denen der Protest sehr wichtig war, und eine Musik wie Punk nicht nur eine Stilrichtung, die schnell und laut ist, sondern wo es auch stark um das Politische ging. Beim letzten Mal haben wir unsere Arbeiten auch kreuz und quer gehängt, nicht jeder in einer Hälfte der Ausstellung – also nicht zwei Soloshows gleichzeitig, sondern eine Doppelausstellung.

Weapons of Mass Seduction: Victor Castillo, We Were All To Be Kings IV, Acryl auf Leinwand, 2017.

Weapons of Mass Seduction: Victor Castillo, We Were All To Be Kings IV, Acryl auf Leinwand, 2017.

GT: Du stellst als Künstler ja nicht unter deinem echten Namen aus, sondern als Alex Diamond – wie kam es dazu?

JH: Das war eine Entscheidung, als ich angefangen habe, so viele Künstler auszustellen, dass ich kaum noch zu meinen Sachen gekommen bin bzw. automatisch in den Hintergrund rückte. Dann habe ich eines Tages eine Ausstellung vorbereitet und hab der mehr oder weniger zufällig den Titel “Alex Diamond’s strange Sofa” gegeben. Danach hat sich dieses Projekt fast zufällig anonymisiert, da wir in die USA gegangen sind und auf einmal keiner wusste, dass ich das bin. So haben wir angefangen, damit zu spielen: Ich bin der Galerist, Alex Diamond ist nicht da. Wir überlegten uns einfach Geschichten über Alex Diamond. Dadurch wurde das Ganze für ein paar Jahre sehr konzeptionell. Schließlich habe ich ein Buch rausgebracht “Being Alex Diamond”, wo ich das Thema sehr umfassend angegangen bin – muss es einen Künstler tatsächlich geben, um ihn in der Kunst und am Markt zu etablieren?

GT: Da steckt ja auch mega viel Theorie dahinter – Stichwort Tod des Autors …

JH: Nach einer Weile weiß keiner mehr, wer dahinter steckt. Bei einem Namen wie Alex Diamond kann das ja auch eine Frau sein. In Miami standen wir einmal am Messestand und ein schwules Pärchen hat eine Collage von mir gekauft, die waren total begeistert und wollten wissen, ob Alex Diamond vielleicht schwul wäre – da habe ich nur gesagt: “He can be whatever you want him to be.”

Weapons of Mass Seduction: Alex Diamond: The Love me or die, skulpturaler Holzschnitt, 2017

Weapons of Mass Seduction: Alex Diamond: The Love me or die, skulpturaler Holzschnitt, 2017

GT: Der Künstler als Projektionsfläche quasi.

JH: Genau. Es gibt keine Erklärung, warum der Künstler jetzt anonym ist, sondern es wird dir einfach gesagt, mach was draus. Der Name Alex Diamond ist übrigens relativ zufällig mit meinem besten Kumpel am Tresen entstanden. Damals gab es so eine Website MyPornName.com oder so – da konnte man zwei Begriffe eingeben, und dann wurde dir ein Pornoname ausgeworfen. Alex Diamond kam da zwar nicht raus, aber irgendwie sind wir bei den Namen, die wir uns so aufgeschrieben haben, bei Alex Diamond hängengeblieben und das funktionierte dann ganz gut.

Es ist gar nicht so einfach, anonym zu arbeiten. Keiner darf mehr wissen, wer du bist. Du arbeitest meistens mit einem Team. Wenn du ne Ausstellung in einer Galerie hast, bindest du den Galeristen entweder ein oder du sagst “Hey, die Galerie muss abgeklebt sein”. Irgendwann 2012 wurde mir das dann zu anstrengend. Das Buch „Being Alex Diamond“ war erschienen, wir hatten in Barcelona und Hamburg zwei große Ausstellungen dazu gemacht und das Thema war damit eigentlich auserzählt. Ich machte inzwischen ja auch schon ganz andere Sachen, mir ging es wieder um mein eigentliches Werk – und dann habe ich ganz spontan die Anonymität aufgegeben.

Porträt: Jörg Heikhaus im Atelier

Porträt: Jörg Heikhaus im Atelier

GT: Und wie geht es für Alex Diamond und heliumcowboy in den nächsten 15 Jahren weiter?

JH: Das Thema “Galerie neu denken” ist in den letzten Jahren für mich ganz wichtig geworden. Im Grunde ist das klassische, marktfähige Modell der Galerien mit dem Auftrag, sich gezielt um den Aufbau und die Entwicklung individueller Künstler über Jahre hinweg zu kümmern nicht mehr zeitgemäß. Das kommt durch die Eventisierung von Ausstellungen und durch die digitale Totalvermarktung von „Ich“ und „Alltag“ und die Verlagerung der Kommunikation in die sozialen Netzwerke. Da wird sich eine Menge ändern in den kommenden Jahren.

Ich persönlich werde Anfang des Jahres mit Teilen meines Ateliers in die Galerie ziehen. Ich brauche einfach mehr Zeit und Platz für meine eigene Kunst. Wir haben dann aber natürlich immer noch genug Ausstellungsfläche, aber ich arbeite dann eben auch hier im Raum. Ich lade dann Künstler ein zu heliumcowboy, aber auch in mein Atelier. Es hat dann eine sehr persönliche Note. Es wird wenige Ausstellungen geben mit ausgesuchten Künstlern und Positionen, und es wird sehr intim.

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