Irritierende Leere
Maximilian Arnold "A Deep Scrub"

9. Juni 2017 • Text von

Berlin ist voll von Künstlern, aber diesen einen hier können wir dringend gebrauchen. Frisch aus Frankfurt zugezogen übersetzt Maximilian Arnold bei Duve malerische Prozesse in den dreidimensionalen Raum.

*a deep scrub* exhibition view, DUVE Berlin, 2017, Image courtesy of the artist and DUVE Berlin. Photo: Joachim Schulz.

gallerytalk.net: Ich habe wirklich versucht, mich vorzubereiten aber mir kam da einfach immer wieder dieser Mittelfeldspieler vom VfL Wolfsburg in die Quere. Wie ist das, sich den Namen mit einem Bundesligaspieler zu teilen?
Maximilian Arnold: (lacht) Ich interessiere mich weniger für Fußball. Es ist aber äußert nervig. Wenn man „Maximilian Arnold“ googlet, findet man kaum Arbeiten von mir. Man muss immer noch „artist“ oder „Künstler“ eintippen. Ich würde es demnach doch besser finden, wenn er schlechter kicken würde. Und ich mag den VfL Wolfsburg auch nicht.

Du bist gerade im Begriff, nach Berlin zu ziehen. Ist das ein kalkulierter Karriereschachzug?
Das hat eher private Gründe. Ich ziehe mit zwei sehr guten Freunden zusammen. Eigentlich habe ich mich immer gegen Berlin gewehrt und ich glaube, dass Berlin mittlerweile nicht mehr zwangsläufig förderlich ist für so etwas wie eine „Karriere“.

*a deep scrub* exhibition view, DUVE Berlin, 2017, Image courtesy of the artist and DUVE Berlin. Photo: Joachim Schulz.

Zu viel Ablenkung?
Ich bin jemand, sehr viel Zeit im Studio verbringt. Meine Arbeit hat immer Priorität – wie bei jedem, der sich als Künstler ernst nimmt. Dumm gesagt: Wer saufen kann, kann auch arbeiten! Im Moment wohne ich in Frankfurt. Die Stadt ist zum Arbeiten sehr angenehm. Die Infrastruktur ist super, es gibt tolle Institutionen. Frankfurt ist guter Ort, aber auch einfach ein sehr kleiner. Vom Bauchgefühl ist Berlin jetzt der nächste logische Schritt.

Von deinem letzten Umzug scheinst du ja ganz gut profitiert zu haben. Nachdem du zunächst in Karlsruhe bei Toon Verhoef studiert hast, bist du an die Städelschule in die Klasse von Willem de Rooij gewechselt …
Das ist ein neuer Kontext gewesen, den ich gesucht habe, und es war eine sehr gute Erfahrung für mich. Eine Zeit, die mich geprägt hat. Mit Toon habe ich bis heute engen Kontakt und wir tauschen regelmäßig Meinungen über unsere Arbeiten aus. Wir teilen eine sehr ähnliche Auffassung von Malerei. Als ich an die Städelschule gewechselt bin, war ich allerdings kurz davor, die Malerei zwischenzeitlich komplett liegen zu lassen. Ich habe dort aber gemerkt, dass es mich immer wieder zu ihr zurückbringt.

*a deep scrub* exhibition view, DUVE Berlin, 2017, Image courtesy of the artist and DUVE Berlin. Photo: Joachim Schulz.

Was ist da noch für dich zu holen?
Der Antrieb mag problematisch klingen und eigentlich darf man das so gar nicht sagen: Mich treibt der Wunsch an, ein „neues“, ein anderes Bild zu machen – also etwas, was vielleicht nicht mehr möglich ist. Malerei ist kunstgeschichtlich komplett definiert und das Internet mit der Auslöschung all dessen, was der Begriff Bild sein kann, spielt eine noch größere Rolle. Ich gehe trotzdem mit der Absicht ins Studio, etwas zu machen, was ich so noch nicht gesehen und erfahren habe – und der Betrachter bestenfalls auch nicht. Ich möchte immer noch Bilder „machen“.

Für „A Deep Scrub“ hast du dich ordentlich an den Galerieräumen zu schaffen gemacht. Musstest du Alex Duve erstmal davon überzeugen?
Nee, musste ich nicht. Das finde ich auch gut. Es gab ja schon öfters Ausstellungen in der Galerie, die komplett in den Raum eingegriffen haben – die von Magueritte (Humeau; „Echoes“, 2015; Anm. d. Red.) oder von Marianne (Vlaschits; „a disturbance travelling through a medium“, 2016; Anm. d. Red.) im vergangenen Jahr zum Beispiel. Alex ist immer sehr offen dafür, einem Spielraum zu lassen, solche Arbeiten zu realisieren. Darüber bin ich sehr froh.

*a deep scrub* exhibition view, DUVE Berlin, 2017, Image courtesy of the artist and DUVE Berlin. Photo: Joachim Schulz.

Der Begriff Malerei gibt kaum her, was du hier anbietest. Ist das nicht schon Installationskunst? Wenigstens irgendwas mit Skulptur?
(lacht) Erstmal müsste man mal klären, was „Installationskunst“ oder „irgendwas mit Skulptur“ überhaupt meint. Ich sperre mich gegen solche unscharfen Begriffe und Kategorien. Die Ausstellung ist ein Versuch, meine malerischen Prozesse in den dreidimensionalen Raum zu übersetzen. Die Architektur der Galerie soll mit meinen malerischen Ansätzen und Prozessen verschmelzen. Es stimmt, das hat skulpturale Momente, auch „installative“. Im wesentlichen aber sollen all diese Beobachtungen verschwimmen, ohne unentschieden zu wirken. Es geht um eine direkte, körperliche und letzten Endes fremdartige Erfahrung von Malerei. Das sind zentrale Bestandteile meines Interesses an Malerei.

„The work guides the visitor“ heißt es im Ausstellungstext von Karim Crippa. Gefällt dir der Gedanke, dass deine Arbeit so viel Macht hat, Blicke zu lenken?
Absolut! Man muss über eine riesige, weiße Ebene laufen, um in diesen neuen Raum zu gelangen, der sich dahinter auftut. Alles ist sehr, sehr reduziert – auch ich bin erstmal irritiert von dieser Leere, es ist fast unangenehm. Trotzdem gibt es viele kleine Details und starke Gegenstücke dazu, an denen man als Betrachter hängen bleiben kann und die wirklich wichtig sind. Man muss sich einfach Zeit nehmen und sehen. Dann verändert sich die Wahrnehmung des Raumes und dem gegenüber, was da passiert oder nicht passiert. Man gewinnt immer neue Blickwinkel, zum Beispiel verändert sich die Bodenfarbe bei längerer Betrachtung. Ich kann mir die Show ganz oft angucken und sie wird immer anders aussehen.

*a deep scrub* exhibition view, DUVE Berlin, 2017, Image courtesy of the artist and DUVE Berlin. Photo: Joachim Schulz.

Hast du ein Lieblingsdetail? Eine Ecke, in die du besonders gern guckst?
Ich glaube, es ist immer schlecht, wenn man komplett zufrieden mit der eigenen Arbeit ist. Etwas, an dem ich persönlich oft hängenbleibe war einer der Ausgangspunkte der Ausstellung. Die Idee mit der Storage-Wand und dem Durchbruch, der zu einem neuen Bild wird, indem er die Rückseite von einem meiner alten Bilder zeigt. Das steht dort schon seit meiner ersten Show in der Galerie und bringt eine neue zeitliche Ebene mit, auch im Sinne von „layering“, was in der Malerei ja immer eine große Rolle spielt.

Und ist das mehr Konzept oder Nostalgie?
Das würde ich absolut als Konzept bezeichnen. Es geht darum, wie wichtig bereits gemalte Bilder für neue Bilder sind und ob es ein fertiges Bild überhaupt gibt.

WO: Duve Berlin, Gitschiner Strasse 94/94a, Berlin
WANN: „A Deep Scrub“ läuft noch bis Sonntag, den 17. Juni.

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