Identitäres Maskenspiel
Die Künstlerin ORLAN bei La Plaque Tournante

26. Juli 2017 • Text von

Sie verteilte Küsse gegen Bezahlung, ließ sich vor live operieren und hat dank moderner Technologien Unsterblichkeit erlangt – die französische Künsterlin ORLAN ist mit einer umfangreichen Ausstellung bei „La Plaque Tournante“ zu sehen. Wir haben den Kurator der Schau, Frédéric Acquaviva, zum Interview getroffen.

ORLAN „This is my body … this is my software“ Installationsansicht, La Plaque Tournante. Courtesy: the artist, La Plaque Tournante.

Frédéric begrüßt mich mit rauchiger Stimme in seinem Domizil „La Plaque Tournante“. Projektraum ist hierfür wohl kaum das richtige Wort – gemeinsam mit der Mezzosopranistin Loré Lixenberg hat der französische Komponist in einer ehemaligen Arztpraxis in der Sonnenallee einen künstlerischen Mikrokosmos geschaffen, der abseits des normalen Galerien-Wahnsinns existiert. Von zwei Künstler*innen betrieben, steht hier nicht Kommerz, sondern künstlerische Freiheit, Offenheit und Kreativität im Vordergrund. „Mich interessiert nicht der Wert der Dinge, sondern die Idee dahinter“, stellt Frédéric gleich zu Beginn unseres Gesprächs klar. Deshalb werden die Arbeiten von einer Kunstikone wie ORLAN auch nicht eingepfercht in Vitrinen, sondern frei hängend an den gefliesten Wänden präsentiert. Dass eine Person, die ihren Körper mittels plastischer Chirurgie in ein Kunstwerk verwandelt hat, nun in einer ehemaligen Arztpraxis ausstellt, ist natürlich Teil des Clous.

ORLAN „This is my body … this is my software“ Installationsansicht, La Plaque Tournante. Courtesy: the artist, La Plaque Tournante.

Die Räume sind chronologisch geordnet. Der erste Raum, in den Frédéric mich führt, ist gefüllt mit einer Materialsammlung, die den Beginn von ORLANs künstlerischem Schaffen markiert. Die hier ausgestellten Arbeiten, Fotos und Kritzeleien sind teils Reliquien aus einer Zeit, da ORLAN sich noch nicht der Performance-Art verschrieben hatte. Frédéric deutet auf die frühste Arbeit der Künstlerin – ein Bild, auf dem diese sich nackt durch einen Rahmen zwängt. Der Titel lautet „Attempting to Escape the Frame“. Gewissermaßen ein Emblem für den Rest ihres Oeuvres. Denn in irgendeinen Rahmen hat ORLAN sich nie einordnen lassen. Das wird schon deutlich, wenn man einen Blick auf die Performance „The Artist’s Kiss“ wirft, die ihr den Durchbruch brachte. 1977 bot die Künstlerin im prüden Paris in aller Öffentlichkeit Küsse gegen 1 Euro Bezahlung an. Die Performance löste einen Skandal aus, ORLAN verlor Job und Atelier. Dafür erlangte sie gewissermaßen über Nacht Berühmtheit.

ORLAN „This is my body … this is my software“ Installationsansicht, La Plaque Tournante. Courtesy: the artist, La Plaque Tournante.

Im zweiten Raum tritt ORLAN mir als Performance-Künstlerin par excellence entgegen. Über einen kleinen Fernseher wird ein Video ihrer Arbeit „The Reincarnacion of Saint ORLAN“ ausgestrahlt, für die die Künstlerin sich vor laufender Kamera umoperieren ließ. „Was man hier sieht, ist keine Schönheits-OP. ORLAN transformiert ihren Körper in ein Kunstwerk. Es geht ihr darum, zu zeigen, dass wir Herr über unser eigenes Leben sind“, erklärt mir Frédéric. Ein Akt der Selbstermächtigung also und – da es sich um einen weiblichen Körper handelt – immer auch eine Rückeroberung desgleichen. Ist man im ersten Augenblick noch von der visuellen Eindrücklichkeit des Werkes geplättet, wirft es im zweiten zahlreiche philosophische und ethnische Fragen auf. Frédéric steht vor dem Bildschirm, schaut sich die blutigen Bilder der Live-OP an und zuckt nicht einmal mit der Wimper. Sein Kommentar: „Das schätze ich besonders an ORLAN: Sie geht immer tiefer. Für mich ist sie die derzeit interessanteste Künstlerin in Frankreich.“

ORLAN „This is my body … this is my software“ Installationsansicht, La Plaque Tournante. Courtesy: the artist, La Plaque Tournante.

Wir schreiten weiter in den dritten Raum, die Eingangshalle von „La Plaque Tournante“. Hier hängen farbintensive Fotografien, die sich erst auf den zweiten Blick als Porträts der Künstlerin entpuppen. Es handelt sich um ihre Serien „Self-Hybridisation“, in denen sich ORLAN mit der Symbolik außereuropäischer Kulturen auseinandersetzt. Eines der Bilder zeigt sie als hybrides Mischwesen, dessen Gesichtszüge mit einer präkolumbianischen Statue verschmelzen. Zugleich findet auch eine Hybridisierung auf bildlicher Ebene statt: Ein digitales Foto verbindet sich mit einem analogen Werk – ein Fingerzeig auf die Faszination der Künstlerin für moderne Technologien. Die Frage, ob die Serien das Konzept der kulturellen Aneignung kritisieren oder doch eher bedienen, lässt Frédéric offen. „ORLANs Arbeiten gründen immer darauf, sich das Fremde anzueignen, es in sich aufzunehmen. Ich persönlich glaube nicht, dass man ORLANs Herangehensweise damit vergleichen kann.“

ORLAN „This is my body … this is my software“ Installationsansicht, La Plaque Tournante. Courtesy: the artist, La Plaque Tournante.

Die Aufhebung der Grenze zwischen Ich und Anderem, die Rückeroberung des Selbst – ORLANs ganzes Oeuvre kreist um das Thema Identität. Identität jedoch nicht als ein feststehendes, sondern als ein fluides Konstrukt, über das kein anderer als man selbst bestimmt. „Jede ihrer Arbeiten drückt für mich aus, dass wir uns selbst erfinden sollen“, so Frédéric. In den beiden letzten Räumen präsentiert sich ORLAN schließlich als tanzender Avatar, den man sich per App aufs Smartphone laden kann. So hat sich die Künstlerin zuletzt zur Unsterblichkeit verholfen – ihr Alter Ego wird in alle Ewigkeit in der virtuellen Sphäre weiter tanzen. Politisch wird es dann noch einmal, als wir vor der Arbeit „Skinned Model of Liberty“ stehen: Auch hier tanzt eine digitale Version der Künstlerin, dieses Mal als hautloses, muskelbepacktes Wesen. „Wenn man die Haut abzieht, gäbe es keinen Rassismus“ lautet das dazugehörige Statement. Da muss man dann doch noch eine Weile drüber nachdenken.

ORLAN „This is my body … this is my software“ Performance zur Eröffnung, La Plaque Tournante. Courtesy: the artist, La Plaque Tournante.

Zu guter Letzt zeigt mir Frédéric noch ein Video von ORLANs Performance zur Eröffnung. Gemeinsam mit Loré Lixenberg hielt sie in den proppenvollen Galerieräumen eine „Petition gegen den Tod“ ab. Man sieht die Künstlerin, wie sie laut protestierend durch die Menge läuft und rote Handabdrücke an die Wände schmiert. Danach setzt sie sich eine mit ihrer Vagina bedruckte Äffchenmaske auf und gibt den Besuchern Küsschen. Wir stehen da und müssen beide lachen – es scheint, als hätte man es hier nicht nur mit einer äußerst radikalen, sondern auch sehr humorvollen Persönlichkeit zu tun.

WANN: Die Ausstellung „this is my body … this is my software“ läuft noch bis Mittwoch, den 16. August 2017. An diesem Tag findet um 20 Uhr die Finissage statt, zu der mehrere Filme von und über ORLAN gescreent werden. Infos bekommt ihr hier. Zur Webseite der Künstlerin geht’s hier entlang.
WO: La Plaque Tournante, Sonnenallee 99, 12045 Berlin.

P.S.: La Plaque Tournante ist ein großartiger Kunstort. Umso trauriger, dass Frédéric und Loré zum September hin räumen müssen. Gentrifikation, ahoi! Deshalb unsere Bitte an euch: Wenn irgendjemand irgendwo irgendwie etwas über ein leerstehendes Quartier weiß, dass eine Aufmöbelung durch zwei kreative Köpfe vertragen könnte, Mail an: press@laplaquetournante.org.

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