Gefährliche Schönheit
Wael Shawky im Gespräch

8. Februar 2018 • Text von

Es kommt nicht alle Tage vor, dass man einen absoluten Lieblingskünstler zum Interview bitten darf. Umso aufregender, wenn Wael Shawky zur Ausstellung vor der eigenen Haustür einlädt. Bei Sfeier-Semler zeigt Shawky den dritten Teil seiner Filmreihe „Al Araba al Madfuna“.

Wael Shawky: Al Araba al Madfuna III, 2016, Video, color, sound, 27:02 min, film still, Courtesy the artist and Sfeir-Semler Gallery Hamburg / Beirut

Eine Gruppe Kinder zieht durch eine Tempellandschaft. Sie führen seltsame rituelle Handlungen aus und erzählen dabei in klassischem Arabisch mit den Stimmen von Erwachsenen eine Geschichte über ein Dorf, das mit Sonnenblumenkernen zu Reichtum gelangt. Die Farben sind invertiert, wie bei einem Fotonegativ. Der Singsang der Erzählung und die wummernde Musik entfalten eine fast schon hypnotische Wirkung, zusammen mit der surrealen, seltsam schönen Farbigkeit üben sie einen ganz eigenen Zauber aus.

Shawky hat schon die namhaftesten Ausstellungshäuser und Orte bespielt und mit seinen ausdrucksstarken Marionetten und atemberaubenden „Cabaret Crusades“-Filme Besucher in der ganzen Welt verzaubert. Zuletzt hat er in Hamburg 2017 das Rolandslied als Musikspiel auf Kampnagel mit traditionellen Fidjeri-Sängern vom Persischen Golf aufgeführt.

Wael Shawky: Al Araba al Madfuna III, 2018, exhibition view Galerie Sfeir-Semler Hamburg © Volker Renner

gallerytalk.net: Was hat es mit „Al Araba al Madfuna“ auf sich?
Wael Shawky: Die Filmreihe ist nach einem Ort in Oberägypten benannt. Heute ist er unwichtig, aber in antiken Zeiten war er die Hauptstadt der Region. Dort befand sich auch die Kultstätte Abydos, wo der Film entstanden ist.
Vor ungefähr 12 Jahren besuchte ich den Ort und war davon fasziniert, dass die Bewohner davon überzeugt sind, dass sie mithilfe magischer Praktiken, Schamanen und Geistern verborgene Schätze finden können. Sie graben Tunnel unter ihren Häusern, manche sind schon 20 Jahre alt. Die ganze Gesellschaft beruht auf dem Traum, eines Tages auf diese Weise ein Artefakt zu finden, das dann nach Europa oder die USA verkauft werden kann. Es ist eine verkehrte Welt: Sie nutzen die Metaphysik um an ganz reale, physische Reichtümer zu gelangen.

Ist da die Verbindung? Im Film wird die Geschichte eines Dorfes erzählt, das mit dem Verkauf von Sonnenblumenkernen zu Wohlstand gelangt.
Das ist eine Verbindung, ja. Die Geschichte stammt von dem ägyptischen Schriftsteller Mohamed Mustagab, ich war fasziniert von seiner Sprache. Sie erschien mir eine Übersetzung meiner Erlebnisse. Mich hat die Idee dieser beiden Welten, der Magie und dem Materiellen, angezogen. Auch im Film gibt es diese verschiedenen Welten nebeneinander, man sieht eine Handlung, gleichzeitig wird die Geschichte erzählt, die nichts damit zu tun hat. Man sieht Kinder als Darsteller, aber sie sprechen mit den Stimmen von Erwachsenen. Der Betrachter muss alle diese Ebenen beim Schauen im Kopf verbinden, so wie die Menschen in Ägypten Magie und die fassbare Welt vermischen. Ein Schamane hat gesteigerte Sinne, er sieht und spürt mehr, als die gewöhnlichen Menschen, für die nur die materialistische Welt existiert.

Ein bisschen wie ein Künstler, oder?
Ja, absolut! Kunst ist auch eine Art Sprache.

Wael Shawky: Al Araba al Madfuna III, 2018, exhibition view Galerie Sfeir-Semler Hamburg © Volker Renner

Im Film arbeitest du mit Kindern, du hast viel mit Marionetten gearbeitet, aber selten mit „richtigen“ Schauspielern. Wieso?
Das hat viel damit zu tun, dass ich kein zusätzliches Melodrama in meinen Filmen möchte. Professionelle Schauspieler versuchen mit ihren dramatischen Fähigkeiten zu überzeugen. Ich arbeite lieber mit Kindern, die keine Erinnerung an politische Ereignisse haben. Sie folgen meinen Anweisungen, ohne dem Film Klischees und vorgefertigte Urteile hinzuzufügen.

In deine Filme fließt viel Arbeit: all die Recherche, das Script, zum Teil viel Handwerk …
Sogar die Musik!

Du schreibst die Musik selbst?
Ja, alles! Das kostet viel Zeit, aber mir sind die Details extrem wichtig. Details machen das Ergebnis glaubwürdig, selbst wenn sie nicht real sind. Deshalb lege ich auch viel Wert darauf, dass in meinen Filmen jedes einzelne Wort exakt wie in der Vorlage ist. Ich versuche immer den genauen historischen Wortlaut zu benutzen.

Was machst du, wenn sich zwei Quellen widersprechen?
Das ist in der Tat problematisch. Ich halte mich dann an eine Version. Als ich die „Cabaret Crusades“ gemacht habe, war es mir wichtig, die Geschichte der Kreuzzüge aus der arabischen Perspektive zu erzählen. Die europäische Version ist oft grundverschieden. Die Geschichte der Gewinner unterscheidet sich immer von der der Verlierer, das ist bis heute so.

Wael Shawky: Al Araba al Madfuna III, 2016, Ausstellungsansicht, Foto: Christina Grevenbrock

Deine Detailverliebtheit ist auch in der Ausstattung deiner Filme zu beobachten. Machst du alles selbst?
Nicht alleine, natürlich, dafür sind die Projekte zu groß!

Die Marionetten, die in den „Cabaret Crusades“ Filmen als Darsteller eingesetzt sind, wurden wahrscheinlich von Profis hergestellt.
Aber selbst da habe ich exakte Zeichnungen angefertigt, nach denen die Puppen hergestellt wurden. Bei den Lehmpuppen für den zweiten Film habe ich alle Gesichter selbst geformt, aber nicht die Körper, dafür waren es zu viele. Bei den Marionetten aus Muranoglas für den dritten Film ging das natürlich nicht, das mussten Glasbläser machen. Ich saß aber die ganze Zeit daneben und habe Anweisungen gegeben.

Wael Shawky: Al Araba al Madfuna III, 2016, Video, color, sound, 27:02 min, film still, Courtesy the artist and Sfeir-Semler Gallery Hamburg / Beirut

Historische Akkuratesse und ein Reichtum der Ausstattung sind ein wichtiger Teil deines Werks, einen anderen großen Part macht das Wunderbare, Magische und Verzaubernde aus.
Ja, absolut! Ich mag Schönheit, dafür schäme ich mich nicht. In meinen Werken gibt es verschiedene Sprachen der Schönheit: die Verbindung von Geschichte und Puppentheater, zu Kino, zum Musikfilm. Auch dass der aktuelle Film aus invertierten Bildern besteht, war einerseits eine konzeptuelle Entscheidung andererseits aber auch eine ästhetische.
Ich strebe Schönheit mittels gefährlicher Medien an. Sie sind gefährlich, weil sie leicht in den Kitsch abrutschen können. Beispielsweise die Arbeit mit Muranoglas oder mit den Mitteln des Kinos. Es ist ein schmaler und gefährlicher Grat: Die Gefahr, abgeschmackt zu wirken, ist groß, aber wenn man Erfolg hat und es gelingt, ist das Ergebnis fantastisch!

Du hältst dich an historische Themen. Hast du eine Agenda, etwas, das du vermitteln willst?
Mir geht es darum, wie wir Geschichte sehen und verstehen. Dazu gehört die Analyse der zugrunde liegenden menschlichen Bedürfnisse und Wünsche. Es geht dabei nicht um Gut oder Böse: Es ist menschlich, sich selbst schützen und das Beste für seine Leute erreichen zu wollen. Jeder glaubt, er hätte das Recht zu gewinnen.
Im Falle der Kreuzzüge ist die europäische Version der Geschichte die dominante Lesart, sogar in der arabischen Welt. Sie aus der Gegensicht zu erzählen, führt zu einem Perspektivwechsel, der den Blick auf die eigentlichen Motive frei macht.
Interessant ist die Rede von Papst Urban II, in der er 1095 zu den Kreuzzügen aufgerufen hat: Er fordert die Europäer auf, gemeinsam zu kämpfen, weil sie nicht genug Land und Nahrungsmittel haben, weil das Wetter kalt ist und sie Hunger leiden. Sie sollen nach Jerusalem, in den Osten fahren, um mehr Land, mehr Sonne, einen Sitz im Himmel, mehr, mehr, mehr zu erlangen. Einerseits war das manipulativ, andererseits hat er vielleicht wirklich geglaubt, dass die Menschen ein besseres Leben verdienen, mehr als all die Muslime in der Region. Die islamistischen Jihadisten denken heute ganz ähnlich. Was bei den Kreuzzügen passierte, war im Grunde genommen ein christlicher Jihad.

WANN: Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. April.
WO: Galerie Sfeir-Semler, Admiralitätsstraße 71, 20459 Hamburg

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