Gallery Weekend Special
26.04. - 02.05.2016

26. April 2016 • Text von

Tradition ist es längst, Überforderung ist trotzdem vorprogrammiert. Damit ihr das diesjährige Gallery Weekend unbeschadet und trotzdem inspiriert übersteht, nehmen wir euch hiermit an die Hand – 3 Autoren x 2 Tipps = grandioses Wochenende!

Wer morgens nach dem Soja-Latte und vor der Arbeit im Fitnessstudio steht, danach mit Rohkost-Brotdose bepackt ins Büro fährt und abends lieber zum Meditationskurs anstatt in die Bar geht, der wird sich in Ed Fornieles Ausstellung „Die Geist: Flesh Feast“ bei Arratia Beer sicherlich wiedererkennen. Der britische Medienkünstler, der seinem hippen Ruf gerecht wird, hat eine Schau zu dem Kontrollwahn unserer Selbstoptimierungs-Gesellschaft konzipiert. Fornieles mischt mit seiner multimedialen Kunst in aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten mit und lässt dabei gerne mal seinen Alter Ego – ein putziges Füchslein – für sich sprechen. In der Ausstellung bei Arratia Beer gibt es nun eine aus Skulptur, Animation und Film bestehende Installation zu sehen, in der das possierliche Tierchen mal in sich gekehrt meditierend, mal fleißig sportelnd auftaucht. Um die ganze Tragweite des Selbstoptimierungs-Kultes zu erfassen, werden an die Besucher Starter Packs verteilt, mit denen die Reise hin zum vollkommenen Körper und Geist quasi heute schon beginnen kann. Sollte natürlich alles weniger ernst genommen werden, als es klingt, denn schlussendlich wird hier nicht geworben, sondern kritisiert. Für uns ein absolutes Muss!

WANN: Die Eröffnung findet am 29. April 2016, um 18 Uhr, statt. Infos gibt es hier.
WO: Arratia Beer, Potsdamer Str. 87, 10785 Berlin.

Andy Hope 1930 in seinem Berliner Atelier, Foto: Roberto Ohrt, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin.

Andy Hope 1930 in seinem Berliner Atelier, Foto: Roberto Ohrt, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin.

Der beste Satz einer Ausstellungsankündigung ist, dass die angepriesenen Kunstwerke die Grenzen der Wahrnehmung erweitern. Wir stellen uns da jedes Mal die Frage: Was sind die Grenzen der Wahrnehmung denn eigentlich? Die Grenze der Wahrnehmung liegt zwischen den Dingen, die man sehen und denen, die man nicht sehen kann. Eine so einfache Antwort wie diese impliziert, dass alles, was sich der Wahrnehmung bis jetzt entzogen hat, in einem Bereich jenseits dieser Grenze – in der Unsichtbarkeit – liegt. Aber man kann Sichtbarkeit (und damit auch Wahrnehmbarkeit) von zwei Seiten denken: von der Fähigkeit zu sehen und von der materiellen Präsenz eines Gegenstandes her. Mit letzterem beschäftigt sich der argentinische Künstler Edouardo T. Basulado, den die PSM Gallery für das Gallery Weekend an den Start schickt. Sowohl sein feingliedrigen Zeichnungen, als auch sein überwältigenden, ortsspezifischen Skulpturen nähern sich dem Nicht-Sichtbaren. Die zweidimensionalen Arbeiten rufen in der Symbiose aus Titel und Bild schnell eine Assoziation hervor; sie bezeichnen einen Commonplace, der sich auf poetisch-romantische Art und Weise zu einer Empfindung verdichtet. Die großen Skulpturen oder raumgreifenden Installationen tangieren das Nie-Gesehen und doch Da-Seiende mit gegensätzlichen Mitteln. Weder die verbale Betitelung, noch die materielle Beschaffenheit sind in der Lage eine Aussage über die Erfahrung bei der Wahrnehmung der Objekte zu machen. Formen erstarren in einer Momenthaftigkeit, die Bewegung impliziert und gleichzeitig ein ontologisches „Hier bin ich“ herausschreit. Basulado bildet ein Ereignis ab, welches sich seiner materiellen Eigenschaften bedient, um Nicht-Sichtbares abzubilden, und die Grenzen der Wahrnehmung zu erweitern.

WANN: Die Ausstellung eröffnet am Freitag, den 29. April 2016, um 18 Uhr. Infos findet ihr hier.
WO: PSM Gallery, Köpenicker Str. 126, 10179 Berlin.

Wolfgang Tillmans, Wet Room, Gloves, 2010, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne.

Wolfgang Tillmans, Wet Room, Gloves, 2010, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne.

Wolfgang Tillmans wird jedem Kunstinteressierten ein Begriff sein: Turnerpreisträger als erster Deutscher, als erster Fotograf und mit gerade mal 32 Jahren auch noch als jüngster Künstler seit eh und je. In den 90ern fand er als Zeitzeuge der Rave- und Popkultur zu Ruhm, als er noch leidenschaftlich Anti-Nazi-Demos und Love-Parades beschritt und dokumentarisch festhielt. Auf ein Sujet ließ sich sein Schaffen noch nie begrenzen: Er fotografierte vom Stillleben über das abstrakte Papierknäuel bis hin zu Kate Moss und Lady Gaga so ziemlich alles, was ihm vor die Linse kam. Seine Ausstellung in der Galerie Buchholz anlässlich des diesjährigen Gallery Weekends hat einen sehr persönlichen Ort zum Gegenstand: sein Studio. Der Arbeitsraum und die Dunkelkammer als intimen Orte des Schaffens und als Reflexion seiner kreativen Tätigkeit wird in den Werken nicht etwa heroisiert oder romantisiert, sondern scheinbar beiläufig und sehr bescheiden abgebildet. Die Aufnahmen lassen uns eine faszinierende Künstlerpersönlichkeit, dessen Interviews sich wie Romane lesen, aus allernächster Nähe kennenlernen.

WANN: Die Ausstellung „Studio“ eröffnet am 29. April, um 18 Uhr. Mehr erfahrt ihr hier.
WO: Galerie Buchholz, Fasanenstraße 30, 10719 Berlin.

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Wolfgang Tillmans, Studio, 2012, Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Cologne.

In der zeitgenössischen Kunst kann Abstraktion aus sich selbst heraus oder aus einer Auseinandersetzung mit bereits Vorhandenem entstehen. In den kommenden Tagen präsentiert die Galerie Thomas Schulte den britischen Künstler Irdis Khan, der in seinen Kunstwerken das Mittelmaß zwischen Big Data und nostalgischen Digital Natives einfängt. Es handelt sich um eine Reihe von Arbeiten, in denen kulturelle Artefakte mittels digitaler Verfahren übereinander geschichtet und so zu einem unlesbaren, diffusen Bild verdichtet werden. Alle Aufnahmen, die Bernd und Hilla Becher jemals von einem Holzhaus gemacht haben, alle Seiten des Korans, alle Notenlinien von Chopins Nocturnes – in Irdis Khans Werken werden sie auf einen Blick erfassbar und gleichzeitig unverständlich gemacht. Like, dislike, nächstes Bild. Doch so einfach lässt sich das Oeuvre von Irdis Khan nicht entschlüsseln. Zu seinen jüngsten Arbeiten zählen obsessive Zeichnungen, deren Undurchsichtigkeit von einem Zweifel an Sprache als Ausdrucksmittel zeugt. Der Künstler flüchtet ins Schwarz-Weiß, in poröse Farbfelder auf weißem, jungfräulich-reinlichem Papier. Sind in der Galerie Thomas Schulte erneut Werke zu sehen, die keine Aussage treffen, weil keine Aussage mehr glaubhafte Gültigkeit besitzt? Oder werden wir in den Leerstellen zwischen Überlagerung und Verweigerung einen Lichtstrahl am Horizont des weißen Blattes erkennen? Findet es heraus!

WANN: Die Eröffnung findet am Freitag, den 29. April 2016, um 18 Uhr statt. Nachlesen dürft ihr hier.
WO: Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße 24, 10117 Berlin

Sweat Shop: Jan Kage und Philip Grözinger im SCHAU FENSTER © Gunnar Bernskötter, Fotostudio Neukölnn.  2016

Sweat Shop: Jan Kage und Philip Grözinger im SCHAU FENSTER © Gunnar Bernskötter, Fotostudio Neukölnn. 2016.

Mal was ganz Neues haben dieses Jahr die Leute vom Schau Fenster – Raum für Kunst gewagt: die Arbeit „Sweat Shop“ ist Happening, Performance und Kunsthandel in einem und wird sicherlich so manchen der insgesamt 28 beteiligten KünstlerInnen gehörig zum Schwitzen bringen. Um die kapitalistischen Bedingungen gegenwärtiger Kunstproduktion sowie die Gemeinsamkeiten von Kunst und Kapital zu reflektieren, werden je vier KünstlerInnen in dem Projektraum Schau Fenster eingepfercht, um dort unter „Sweatshop Bedingungen“ in jeweils sechsstündigen Schichten Kunst zu produzieren. Der Clou an der ganzen Sache: In einer Parzelle neben dem Schau Fenster bietet Kurator Jan Kage Leinwände in unterschiedlichen Formaten zum Fixpreis an, die die Besucher kaufen und anschließend von einem der Künstler bearbeiten lassen können. Welches Motiv die Leinwand zieren soll, darf dabei frei befohlen werden – wer also schon immer mal einen Künstler herumkommandieren wollte, hat jetzt Gelegenheit dazu. Wir schauen lieber vorbei, weil das Projekt nach einer äußerst gelungenen Alternative zum typischen Galerie-Hopping klingt. Und wer weiß, vielleicht nehmen wir auch ein Kunstwerk mit nachhause.

WANN: Der Sweat Shop hat am Donnerstag von 16 bis 22 Uhr, am Freitag und Samstag von 10 bis 22 Uhr und am Sonntag von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Infos gibt’s hier.
WO: Schau Fenster – Raum für Kunst, Lobeckstr. 30-35, 10969 Berlin.

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Andy Hope 1930, MONSTER, 2016, Courtesy Galerie Guido W. Baudach, Berlin, Foto: Roman März.

Kleine Vorwarnung: Durch eine Werkschau von Andy Hope 1930 kann man nicht mal eben fröhlich durchspazieren. Um seine Kunst zu verstehen, muss man schon genauer hinsehen, sich den Ausstellungstext viermal durchlesen, und tief in seinem kunsttheoretischen und philosophischen Wissen kramen. Doch macht es nicht Spaß, von einer Ausstellung mal wieder so richtig schön herausgefordert zu werden? Man sollte ja meinen, es sei die Aufgabe der Kunst uns den Spiegel der Realität vorzuhalten, auch wenn das Abbild noch so unschön ist. Und das tut der Künstler ab Freitag, den 29. April, in seiner Ausstellung „Black Fat Fury Road“ gnadenlos, auch wenn er sich dabei keines Spiegels bedient, sondern subtile Symbole als Türen zu anderen Dimensionen des Denkens nutzt. Im Rückgriff auf Malewitschs Suprematismus dekonstruiert er modernistische Ideen und ergründet die Mechanismen unserer Gesellschaft. Seine Arbeiten beinhalten durch ihre Vielschichtigkeit einen riesigen Interpretationsspielraum und liefern somit Stoff für anschließende Diskussionen.

WANN: Die Vernissage findet am 29. April 2016, von 18 bis 21 Uhr statt. Hier geht’s zu ausführlichen Infos dazu.
WO: Galerie Guido W. Baudach, Potsdamer Straße 85, 10785 Berlin.

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