„Für ein Klicken tut man vieles."
John Bocks bizarrer Hirnzirkus

26. Februar 2017 • Text von

John Bock pflanzt Essiggurken als erotisches Element in Socken und lässt „Triebkreauturen“ aus einem schäbigen Kiosk Cocktails servieren. In der Berlinischen Galerie stellt der Aktionskünstler mal wieder sein Gespür für die Absurdität des Alltäglichen unter Beweis.

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John Bock, Der magische Krug, 2013, Video. © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Foto: Martin Schlecht.

John Bock steht, Fruchtgummis aus einer Haribotüte naschend, und schaut aus runden Augen sein Publikum an. Es ist Dienstag, 11 Uhr, Pressekonferenz der ersten großen Museumsschau „Im Moloch der Wesenspräsenz“ des Künstlers in der Berlinischen Galerie. Videos flimmern beidseitig über die Wände, in der Mitte des Raumes ist ein geheimnisvoll fluoreszierender Pavillon aufgebaut. Aus allen Ecken dringen diffuse Geräusche, es schmatzt, klickt und raunt. Ohne sich auch nur eine einzige Arbeit genauer angeschaut zu haben, hat man schon jetzt das Gefühl, sich in einem eigenartigen Kokon zu befinden. In dem gedämpften Licht wachsen Schatten an den Wänden empor, Stimmen sind zu hören. Man weiß nicht genau, ob man neugierig sein oder sich lieber fürchten soll.

Dass der Künstler selbst heute durch seine Schau führt, macht die Sache natürlich ungemein interessant. Was ist das für ein Typ, der Essiggurken als erotisches Element in Socken pflanzt („fürs Auge“) und inmitten seiner Ausstellung einen schäbigen Kiosk platziert hat, aus dem heraus zur Eröffnung eine „Triebkreatur“ Cocktails servieren wird? John Bock ist Bildhauer, Zeichner, Autor, Aktionskünstler und Filmemacher in einem und hat nun eigens für die Berlinische Galerie eine aus mehreren Einzelarbeiten zusammengeschusterte Installation geschaffen. Nun steht er inmitten des von ihm kreierten Kosmos, rote Collegejacke zu leicht zerzaustem Haar, und redet von den sexuellen Bedürfnissen eines Kugelschreibers und anderen Dingen, die nur er selbst durchschauen kann. Doch das ist Teil, wenn gar nicht Essenz, des Ganzen.

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John Bock, ,Suggestion, 2012, Video. © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Foto: Raphael Beinder.

Die Ausstellung folgt der Logik eines Parcours, dem die BesucherInnen nach eigenem Empfinden folgen können. In der ersten Projektion unweit des Schlupfloches in das Paralleluniversum wird eine junge Frau in ihrer Wohnung gefilmt. Während die Normalität anfangs noch anwesend erscheint, wird sie nach und nach durch die immer bizarreren Tätigkeiten der Protagonistin suspendiert. Manisch wickelt sie leere Pistazienschalen in Goldpapier oder sticht äußerst akribisch das Auge eines toten Fisches aus. Das Unbehagen, das dem Treiben dieses neurotischen Wesens innewohnt, verdichtet sich schließlich in der Nahaufnahme eines Fingers, von dem eine Gabel den Nagel pult. Spätestens hier muss man die Augen fest zusammenkneifen und den akuten Brechreiz bekämpfen, den die Beobachtung dieser kleinteiligen Operation heraufbeschwört. Dass sich einige der filmischen Requisiten als Installation vor der Projektion aufgebahrt finden, macht die Sache nicht weniger eindringlich.

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John Bock, Da-Dings-Da ist im Groß-Da da weil der Wurm im Moby Dick wohnt, 2014, Video. © John Bock, Courtesy Sprüth Magers.

Doch Furcht und Ekel sind mitnichten die einzigen Emotionen, mit denen man sich als BesucherIn der Schau konfrontiert sieht. Gerade im Gegenteil, es stellt sich ein eigenartiges Gefühl der Befriedigung ein, wenn man schließlich die Mine des besagten Kugelschreibers, der senkrecht an einem Sockel klebt, sich in Zeitlupe hinein und hinaus bewegen sieht. Steht man vor dieser Installation, macht das Gerede des Künstlers über das sexuelle Eigenleben von Alltagsgegenständen plötzlich Sinn: Eine graue Plastiktüte langt sehnsuchtsvoll nach ihrem Gegenüber, der Deckel eines Kaffeebechers vollführt auf dem Boden einen erotischen Lapdance. John Bock haucht vermeintlich toten Dingen  nicht nur ein Eigenleben ein, er lässt diese auch direkt mit den BesucherInnen kommunizieren. Um es mit den Worten des Künstlers auszudrücken: „Für ein Klicken würde man vieles tun.“

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John Bock, , Escape, 2013, Video. © John Bock, Courtesy Sprüth Magers, Anton Kern Gallery / Gió Marconi Gallery / Regen, Projects / Sadie Coles HQ, Foto: David Schultz.

Jede Station in dem Ausstellungsparcours erzählt ihre eigene Geschichte, die John Bock nun, da er ja anwesend ist, unter infantilem Schmunzeln nacherzählt: „Hier wurde ich zersägt und in einen Koffer gelegt.“ (In einem billigen Leopardenkoffer liegen dicke Holzbrocken, die wie Gliedmaßen aussehen). „Der Typ in dem Video da führt eine Konversation mit seinen Gedärmen.“ (Er steht vor dem Autowrack aus dem Video, die Gedärme baumeln lustig vor dem Fahrersitz.) Die Selbstverständlichkeit, mit der der Künstler das groteske Dahinter seiner Arbeiten offenbart, lässt erahnen, wie viel Spaß es ihm bereitet, sein Publikum immer wieder aufs Neue zu irritieren. Was sich hier auftut, ist der Blick in den Kopf eines Mannes, der als Protagonist seiner eigenen Freakshow agiert und die BesucherInnen dazu auffordert, die Vernunft mal links liegen zu lassen und einfach mitzuspielen. Das Absurde wird zum Alltäglichen, die Fantasie zur waltenden Instanz erklärt. Am Ende möchte man sich eigentlich nur einen Platz in diesem Hirnsynapsenzirkus sichern und dabei zusehen, wie die uns gewohnte Welt zertrümmert und immer wieder neu zusammenkleistert wird.

Hat man den Ausstellungsparcours schließlich absolviert, fügen sich die einzelnen Arbeiten zu einem Gesamtbild zusammen, das, so fern die Realität auch scheint, diese doch in gewisser Weise repräsentiert. Das Groteske nämlich hat, um sich dessen zu vergewissern, muss man nur einen Blick auf die aktuellen Nachrichten werfen, auch in der uns gewohnten Welt seinen festen Platz. John Bock exerziert es in der Berlinischen Galerie bis in seine äußersten Extreme durch und macht es für die Sinne durchdringlich. Verstehen müssen wir nicht, spüren tut man es sowieso.

WANN: Die Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“ ist noch bis zum 21. August zu sehen. Wer nachlesen will, darf das hier tun.
WO: Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin.

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