From Hydra with Love

15. Dezember 2015 • Text von

Viel nackte Haut und ein paar Urlaubsfotos – der unwissende Rezipient erliegt hier schnell einem Vorurteil. Denn die Fotografien, die Alexandre Karaivanov, Michael Ullrich und Mateusz von Motz aktuell im Edel Extra zeigen, sind nicht nur Schnappschüsse eines Sommerurlaubs. Vielmehr offenbaren sie uns die künstlerische Qualität, die das Medium Fotografie bieten kann.

Klar, das Ausstellungskonzept macht neugierig. Immerhin haben die drei gemeinsam mit Jürgen Teller und dessen zehnjährigen Sohn zwei Wochen gemeinsam auf Hydra in Griechenland verbracht. Sie hätten sich alle wieder wie 16 gefühlt, sagen sie. Und die Fotografien strotzen nur so vor jugendlichem Tatendrang. An dieser Stelle dürfen wir mal ganz offen aussprechen, dass Alexandre Karaivanov, Michael Ullrich und Mateusz von Motz einfach unglaublich sympathische und lässige Typen sind, die die Nürnberger Kunstszene momentan ganz schön aufmischen. Der Besucher gibt sich dieser Sogwirkung hin, er wäre bei der Inselerkundung schlicht und ergreifend selbst gern dabei gewesen.

Spilia Boy, © Mateusz von Motz

Nichtsdestotrotz sind die drei Akademiestudenten ein Risiko eingegangen – das Risiko, trivial zu wirken und sich der Kunstkritik mit ganz normalen Fotos regelrecht auszuliefern. „I love Hydra“ hätte auch eine Ausstellung werden können, die uns nur deshalb begeistert und amüsiert hätte, weil wir an den Urlaubserlebnissen dreier charismatischer Künstler teilgehabt hätten. Die ersten Bilder, die uns entgegenblicken, mögen diese Einschätzung vielleicht noch bestätigen. Ein spielender Junge auf einem Felsen, eine Schlange im Gestrüpp, drei Männer beim Schwimmen, ein Sonnenuntergang – normale Urlaubsszenerie.

Snake, © Michael Ullrich

Snake, © Michael Ullrich

Dennoch sehen wir hier nicht einfach nur Snapshots, die eine ausgelassene Zeit dokumentieren. Gerade weil der Besucher sich in dem ihm geläufigen Genre der Urlaubsfotografie so gut zurechtfindet, wird ihm der Unterschied zwischen dem simplen und spontanen Fotografieren und der anspruchsvollen und durchdachten Bildkomposition vor Augen geführt. Michael, Alexandre und Mateusz sind Protagonisten in ihrer eigenen Szenerie und zeigen uns ihren Blick auf diese Realität. Damit offenbaren sie auf einfache und effektive Weise die künstlerische Seite der Fotografie. Sie spielen mit Formen und Farben, zeigen Naturmotive auf malerische Weise und legen dar, wie sehr sich die Wahrnehmung eines Künstlers von der unsrigen unterscheiden kann.

What did the Aegean Sea?, © Alexandre Karaivanov

Ganz offensichtlich wird diese Prämisse in Alexandre Karaivanovs Arbeit „What did the Aegean Sea?“, die eine Bootsfahrt dokumentiert. Der Blickwinkel ist überraschend, denn obwohl das Bild mit Elementen aus Wolken, Bergen und Wasser überladen ist, liegt der Fokus doch auf dem Anlegetau und den Bootsbeschlägen. Die Belichtung des Decks im vorderen Teil des Bildes gibt dem Foto etwas Markantes. Die Werke des aus Paris stammenden Künstlers verorteten wir ursprünglich im Bereich der Malerei und Zeichnung. Nun führt er dessen Eigenschaften und Herangehensweisen in seiner fotografischen Praxis fort.

Anticline, © Mateusz von Motz

Anticline, © Mateusz von Motz

Das gleiche Prinzip entdecken wir hinter „Anticline“. Als hätte Mateusz von Motz nicht mit dem Pinsel sondern mit seiner Kamera gemalt, betrachten wir die darauf abgebildeten Gesteinsschichten dabei, wie sie sich scheinbar flüssig von Ocker in rötliches Braun wandeln. Dann seine Arbeit „To Hydra“, die nicht nur den entrückten und verlassenen Charme der Insel Hydra einfängt, sondern durch Linienführung und Bildaufteilung in einer konkreten Formensprache aufgeht.

"to hydra", © Mateusz von Motz

„to hydra“, © Mateusz von Motz

Skulptural wird es bei Michael Ullrich, der Pflanzenmotive archaisch auflädt und dem Naturkontext entrückt. Artifiziell hebt sich eine Blume vom verschwommenen Meereshintergrund ab. Gestochen scharf liegen deren Blüten und Knospen im Fokus, die Farbsättigung leicht entfremdet, aber dennoch ganz natürlich.

„Hydra“, © Michael Ullrich

„Hydra“, © Michael Ullrich

Und immer wieder Wasser: Sattes Türkis, Reflektionen des Lichts auf einer leicht bewegten Oberfläche, schwimmende Menschen. Mal völlig unnahbar und auf die Ästhetik des Motivs reduziert wie in „Urichin of the night“. Dann wieder Dokumentationen, wie Frames aus einem nicht enden wollenden Film.

Urchin-of-the-Night

Urchin of the Night, © Michael Ullrich

Die Ambivalenz zwischen bekannten Motiven und künstlerischer Kameraperspektive macht die Ausstellung aus. Sie zeigt nicht nur was qualitative Fotografie bedeutet. Den Fotografen gelingt es, die ureigene Aufgabe der Kunst zu erfüllen, die darin besteht, uns einen anderen Blick auf den Alltag zu vermitteln.

WANN: Die Ausstellung kann bis zum 19. Dezember besucht werden, immer von 17 bis 20 Uhr.
WO: Edel Extra, Müllnerstraße 22, 90429 Nürnberg

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