Faith and Failure
James Bridle als Künstler, Entwickler und Aktivist

24. Mai 2017 • Text von

Für seine aktuelle Ausstellung in der NOME Galerie hat der britische Künstler James Bridle ein selbstfahrendes Auto entwickelt. Ein Gespräch über die Weltansichten von Maschinen, unser leichtsinniges Vertrauen in Technologie und eine Zukunft, die im Hier und Jetzt beginnt.

Am 7. Mai stieß in Florida ein Tesla mit einem LKW zusammen – der Fahrer hatte seinen Wagen auf Autopilot gestellt und währenddessen einen Film geschaut, was ihn schlussendlich sein Leben kostete. Als der britische Künstler und Überwachungskritiker James Bridle von dem Fall erfuhr, nahm er ihn zum Anlass, selbst ein autonomes Fahrzeug zu entwickeln und mit diesem auf dem griechischen Berg Parnassus Experimente durchzuführen. In seiner aktuellen Ausstellung bei NOME präsentiert er nun die Resultate und hinterfragt unser oftmals unbedachtes Vertrauen in Technologie.

James Bridle, writer, artist, publisher and technologist based in London, UK

James Bridle, writer, artist, publisher and technologist based in London, UK.

gallerytalk.net: Lieber James. Leben wir noch in der Gegenwart oder doch schon in der Zukunft?
James Bridle: Immer in der Gegenwart. Ich habe das Gefühl, im Hier und Jetzt existieren genug wundersame und seltsame Dinge, um uns noch eine ganze Weile beschäftigt zu halten.

Der Titel deiner aktuellen Ausstellung „Failing to Distinguish Between a Tractor Trailer and the Bright White Sky“ bezieht sich auf ein Statement des Unternehmens Tesla, nachdem der Fahrer eines auf Autopilot eingestellten Fahrzeuges tödlich verunglückte. Weshalb hat der Fall dein Interesse geweckt?
Die Autos von Tesla sollten eigentlich gar nicht selbstfahrend sein. Wie bei so vielen Herstellern sind sie es aber trotzdem. Es wird gesagt, dass man die Hände am Lenkrad lassen soll, aber man muss sich nur mal durch Youtube klicken – da gibt es unzählige Videos, in denen Leute ihre Autos von allein fahren lassen. In dem Fall, auf den sich der Titel der Ausstellung bezieht, hat der Fahrer sein Leben einem System anvertraut, das er nicht vollends verstand. Das System hat dabei etwas übersehen, das für das menschliche Auge sofort auszumachen gewesen wäre: ein riesiger Truck, der die Straße blockierte. Dieser tragische Aussetzer kostete den Mann sein Leben. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf zweierlei Dinge: Erstens auf das Risiko, die eigene Handlungsmacht einer technologischen Instanz anzuvertrauen. Zweitens auf die unterschiedlichen Blickwinkel, aus denen heraus der Mensch und die Maschine die Welt betrachten.

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James Bridle, Untitled. Ditone Archival Pigment Print, 150 x 200 cm. Courtesy of the artist, NOME.

Für die Ausstellung hast du selbst ein autonomes Fahrzeug entwickelt und mit diesem Testfahrten auf dem griechischen Berg Parnassus unternommen. Kannst du uns etwas mehr über den Verlauf und die Resultate dieses Experimentes erzählen?
Ich wollte wissen, wie es ist, diese Technologie an einem anderen Ort und auf ein anderes Ziel hin zu entwickeln – eben nicht auf einer ehemaligen Militärbasis in Silicon Valley oder einer Firmen-Teststrecke in Bayern, sondern auf einer Bergstraße in Griechenland, wo eine ganz andere materielle und soziale Wirklichkeit herrscht. Anstatt Technologie als ein gegebenes Dispositiv, einen schon geebneten Weg zu akzeptieren, wollte ich etwas erschaffen, das meinen eigenen Wünschen näher kommt. Das Ziel war es, ein selbstfahrendes Auto zu kreieren, das verloren gehen kann und unvorhergesehene Orte aufsucht. Das Resultat, wenngleich auch nicht vollständig funktionstüchtig und autonom, ist ein System, das die Straße erkennt, Kurven ausmachen und mich von der Fahrbahn abbringen kann.

Als Laie ein selbstfahrendes Auto zu entwickelt, klingt nach einer Mammutaufgabe. Wie genau sah dein Arbeitsprozess aus?
Das ist es nicht und genau das möchte ich mit meiner Arbeit zeigen. Der ganze Arbeitsprozess, von akademischen Schriften bis hin zur frei erhältlichen Software, wurde akribisch dokumentiert und ist online zu finden. Selbst die Teile, die ich selbst entwickelt habe, habe ich als Open Source Software ins Netz gestellt. Da draußen schwirren unglaublich viele Informationen herum, die es jedem möglich machen, ein solches Fahrzeug zu entwickeln. Ob man die Zeit und Freiheit hat, an so etwas herumzubasteln, ist eine andere Frage.

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James Bridle, Gradient Ascent (2016), Single channel digital video, 12:00. Courtesy oft the artist, NOME.

Der Mensch will alles kontrollieren, gibt die Kontrolle zugleich jedoch immer mehr an technologische Instanzen ab, von denen er selbst nichts versteht. Entsprang der Versuch, ein eigenes Fahrzeug zu bauen, auch einem persönlichen Anliegen, das Undurchschaubare zumindest teilweise transparent zu machen?
Absolut. Meiner Meinung nach entspringt ein großer Teil der gravierenden Probleme, mit denen wir uns heute herumschlagen, der Undurchsichtigkeit technologischer Systeme und der damit verbundenen Machtkonzentration – das reicht vom Finanzmarkt bis hin zur Automatisierung von Arbeitsprozessen. Die meisten Menschen wollen eben nicht alles kontrollieren, weshalb nur einer kleinen Minderheit die Kontrolle über solche Systeme obliegt. Aber wenn wir uns nicht einen Rest unserer eigenen Handlungsmacht bewahren, werden wir zu stummen Außenseitern. Das Ergebnis davon sind Ohnmacht, Angst und Gewalt.

In der Ausstellung zeigst du eine Serie an Aufnahmen, die die Umgebung aus der Sicht der Maschine – in diesem Falle ein mit Kameras und Sensoren ausgerüstetes Auto – darstellen. Warum war es dir wichtig, dass sich der Betrachter in die Perspektive des Fahrzeuges hinein versetzt?
Das Projekt wird in der Ausstellung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dazu gehören Aufnahmen, die eine Straße sowohl aus menschlicher als auch aus maschineller Sicht zeigen, die Installation einer „Falle“ für selbstfahrende Autos sowie ein Video, das unter geografischen, philosophischen und computertechnischen Standpunkten erkundet, was es bedeutet, verloren zu gehen. In den Aufnahmen wird die gravierende Differenz zwischen der menschlichen und der maschinellen Perspektive deutlich, da ein für uns erkennbares Bild in einem Datenstrom zusammenbricht. Beide Darstellungen sind zugleich Träger von Sinn und erschaffen ihn. Wir müssen entscheiden, auf welchen von beiden wir zugreifen möchten.

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James Bridle, Untitled. Ditone Archival Pigment Print 100 x 130.9 cm. Courtesy of the artist, NOME.

Der Tesla-Unfall ist ein Paradebeispiel dafür, dass wir Technologien in vielerlei Hinsicht mehr vertrauen als uns selbst. Woher glaubst du, rührt dieses Vertrauen und was ist das Problematischste daran?
Bequemlichkeit und Angst kombiniert mit einer unglaublich armseligen Bildung auf dem Gebiet sind die Hauptantriebskräfte für den technologischen Analphabetismus. Computer mögen bestimmte Probleme zwar um einiges schneller lösen können als wir, jedoch haben sie keinen Zugang zu höheren Sinnebenen. Technologie ist ein Werkzeug, um bestimmte Fragen zu stellen; sie ist nicht die Antwort auf alles. Diejenigen, die die Macht besitzen, würden die Illusion der Allmächtigkeit der Maschinen gerne ausnutzen. Umso mehr Fragen wir ihnen jedoch abverlangen, umso gerechter und egalitärer wird die Gesellschaft sein, in der wir leben.

Auch in der Kunstwelt werden neue Technologien wie 3-D Drucker immer mehr miteinbezogen. Ist der Künstler von morgen ein Softwareentwickler?
Viele Künstler sind heutzutage schon Softwareentwickler, aber Kunst hängt nicht von einem bestimmten Medium ab. Man kann auch kritische Gemälde über das Internet malen. Für mich ist es wichtig, permanent gegenwärtige Technologien und Machtstrukturen zu erkunden und zu kritisieren, da diese unsere Gesellschaft formen und verändern – mit welchen Mitteln auch immer.

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James Bridle, „Failing to Distinguish Between a Tractor Trailer and the Bright White Sky“, Installationsansicht. Courtesy of the artist, NOME .

Zu guter Letzt noch eine persönliche Frage: Würdest du uns deine Version von einer idealen Zukunft beschreiben?
Folgt man aktuellen Prognosen, wird schon nach der Hälfte dieser Zeit die globale Temperatur mehrere Grad über dem aktuellen Niveau liegen und der CO2 Gehalt in der Erdatmosphäre auf tausend ppm gestiegen sein. Krieg, Hungersnöte, Massensterben von Mensch und Tier und schließlich der Zusammenbruch der gesamten Gesellschaft sind sehr wahrscheinliche Ergebnisse davon. Momentan leben wir in einer Situation, in der Politiker Umweltabkommen zerreißen und Unternehmen spezielle Software entwickeln, mit denen sie das Gesetz umgehen, Millionen von Menschen schädigen und damit davonkommen können. Wir müssen das nicht akzeptieren. Hört auf, euch Sorgen um die Zukunft zu machen und konzentriert euch auf das Hier und Jetzt.

WANN: James Bridles Ausstellung läuft noch bis zum 29. Juli. Infos findet ihr hier.
WO: NOME, Glogauer Str.17, 10999 Berlin.

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