Ein Moment Poesie bitte!
Das „Berlin Program for Artists“ zu Gast bei Between Bridges

15. März 2018 • Text von

Die Jalousie klemmt. Der Frost. “emic etic” lautet der Titel der momentanen Ausstellung bei Between Bridges. Das klingt poetisch.

Outside view, Between Bridges,emic etic, A project by BPA // Berlin Program for Artists, curated by Maurin Dietrich
Installation view: Between Bridges, 2018

Beide Begriffe kommen aus der Anthropologie. „Emic“ beschreibt die Perspektive des einzelnen Subjekts innerhalb eines sozialen Gefüges, der Blick von innen nach außen gerichtet. „Etic“ dagegen meint die Position von außen, die des objektiven Beobachters. Keine Konjunktion setzt die Worte in Bezug zueinander. Kein und. Kein oder. Sie existieren. Beide. Nebeneinander.

Gemeint ist damit, dass jedes Außen ein Innen und jedes Innen ein Außen hat und dieses außerdem braucht. Beide sind teil der gleichen Grenze. Sie machen einander zu dem, was sie sind. Sie bedingen einander. In der Ausstellung gibt es zwei Räume, beide in etwa gleich groß. Dort verteilt: Regale, kleine Aluminiumkoffer, ein Stuhl, ein Wetterballon, ein Schrank ohne Türen. Keiner der Gegenstände beschreibt den oder auch nur einen Weg. Screens, Bilder, eine Zeitung an den Wänden. Über allem, Geräusch und Geräusche, Rauschen.

Installation view: Between Bridges, 2018

„In what language is the story told that you are listening to?“, fragt es im Ausstellungstext. Auch der Text ist kein Leitfaden. Eine Aneinanderreihung, Aufzählung, Erzählung, keine Gewichtung, keine Chronologie. Hier und im Raum besteht alles für sich allein und eben doch zusammen. Das ist mitunter Maurin Dietrich zu verdanken. Sie hat die Ausstellung kuratiert und die Werke der elf Künstler*innen und Teilnehmer*innen des BPA 2017 verwebt.

2015 von Willem de Rooij, Angela Bulloch und Simon Denny gegründet, versteht sich das BPA, Berlin Program for Artists, als Plattform für und zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen, etablierten und weniger etablierten Künstler*innen. Alles passiert in Berlin. Die Arbeit im Studio, der künstlerische Austausch stehen im Vordergrund. Eben hier knüpft Maurin Dietrich an, indem sie die einzelnen künstlerischen Praktiken weder betont noch untergräbt, noch versucht ihnen einen kuratorischen Stempel aufzudrücken. Sie ordnet sie im Raum an. Die Regale und Koffer grenzen den Raum ein. Sie fassen ihn, sodass das gleichzeitige Erfahren der unterschiedlichen Arbeiten und Medien nicht in schwammiger Überforderung endet, sondern zu einem poetischen Gefühl der Gleichzeitigkeit werden kann.

Installation view: Between Bridges, 2018

Eigenständig, als Störzelle agiert Alan Affichards Wetterballon in der hinteren Ecke des hinteren Raums. „From 88 to 108“, der Titel der Arbeit. Wörtlich das Frequenzspektrum des UKW-Rundfunks, sprich des FM Radios. Eine einzigartige, immer andere Komposition aus Musik, Worten und Rauschen. Immer wieder findet mich das Signal und funkt dazwischen. Während ich versuche den Ausführungen des Geologen und Nuklearforschers Birger Schmitz zu folgen – Gabriel Säll hat ihn für sein Video „Cosmic contact“ interviewt – und auch während ich Stefanie Schwarzwimmers „Silent Revolution“ zuhöre. Hier verliere ich kurzzeitig die Orientierung. Was sich ohne Kontext anhört wie ein zerplatzter Luftballon – ich denke an Alan Affichard – ist ein Teller, der sich in Luft auflöst. Eine 3D Animation auf einem Handybildschirm, die Kopfhörer dazu lose. Ich höre das eine und sehe dabei etwas anderes.

Zac Langdon-Pole, Residuals (a), aluminium tool case, Greater Bird of Paradise taxidermy re-prepared with legs removed, two off-cut pieces of Muonionalusta meteorite (fine octahedrite, from Sweden), three off-cut pieces of Nantan meteorite (coarse octahedrite, from Peoples Republic of China), 16 x 33.5 x 26 cm (closed), 2018, Installation view: Between Bridges, 2018.

Der Inhalt von Zac Langdon-Poles Koffern ist fragil. Offengelegt nicht nur der Inhalt, sondern auch der Versuch darin Bewahrtes zu schützen. Robuste Hülle, ausgestopfter Deckel. Der Titel „Residuals“ bedeutet übersetzt so viel wie Reste. Reste der Geschichte, einer Zeit, die nicht mehr ist. Die Koffer bilden ein eigensinniges Archiv. Ein Paradiesvogel liegt hier neben Meteoritenstücken. Sie liegen jetzt zusammen in dem Koffer. Jetzt und hier sind sie Teil derselben Geschichte und doch können beide ganz unterschiedliche Geschichten erzählen.

Armin Lorenz Gerold, Delays (materials on cityscape, voice and narration), Pannel comic strip, Invitation card, mp3 player with playlist of audio play excerpts and sound compositions by the artist, 3 video trailers on Ipad, Postcard Einladung zum Empfang, 2018, Installation view: Between Bridges, 2018

Am Boden sitzend, höre ich der beruhigend leisen Stimme von Armin Lorenz Gerold zu. „Delays (materials on cityscape, voice and narration)“ heißt sein musikalischer Audio-Essay durch und über Berlin. Ein Comic unter Glas, Einladungskarten, ein MP3 Player, Kopfhörer. Auf dem untersten Regalboden, ein iPad, mehr Einladungskarten. Oben schwarz/weiß, unten Farbe. Desorientierung im ersten Moment. Yorckstraße, Kantstraße. Stecknadeln auf einer urbanen Stadtkarte, durch die sich der Erzähler bewegt und seine unmittelbare Gedanken teilt. Die Zeit, in der sich Berlin verändert fließt in die Zeit, in der die melancholische Stimme die Stadt durchwandert, um diese Veränderungen zu bezeugen.

„emic etic“ kommt ohne jegliche Hierarchie aus. Einwürfe, Unterbrechungen und Fortschreibungen. Ein Zwischenzustand. Ich denke an Patrick Keillers „London“, William Burroughs, die Cut-up Technik der Beat-Autoren, Dada und kollaborative Schreibprozesse. Ich stehe im EDEKA. Die Kasse piept schrill und unermüdlich. Die Ausstellung habe ich längst verlassen. Sie murmelt weiter in mir.

Mit Alan Affichard, Helin Alas, Armin Lorenz Gerold, Keto Logua, Anna Lucia Nissen, Tamen Perez, Zac Langdon-Pole, Philip Poppek, Gabriel Säll, Elif Saydam, Stefanie Schwarzwimmer

WANN: Die Ausstellung von BPA ist noch bis 31. März zu sehen.
WO: Between Bridges, Keithstr. 15, 10787 Berlin.

 

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