Ein bisschen Hamburg im Revier
Ruhrtriennale 2016

7. September 2016 • Text von

„Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es besser, viel besser, als man glaubt“, preist Herbert Grönemeyer Bochum. Trotz ästhetischer Restzweifel überzeugender als die Pet Shop Boys und allemal Grund Percevals Zola-Inszenierung auf der Ruhrtriennale entgegen zu fiebern. Dafür reisen wir noch etwas weiter gen Westen, nach Duisburg nämlich.

Maja Schöne als Nana in Liebe. Trilogie meiner Familie 1 nach Émile Zola| Armin Smailovic

In ehemaligen Kokereien, Kohlenmischanlagen, sowie auf Halden und Brachen von Bergbau und Stahlindustrie breitet die Ruhrtriennale seit dem 12. August zum 15. Mal ihr weites Programm aus. Vom großen Musiktheater über Schauspielinterpretationen und Tanzkreationen bis hin zu Installationen und Konzerten, werden sechs Wochen lang nachindustrielle Orte zu Schauplätzen der internationalen Kulturszene. „Seid umschlungen“, nach Schillers Ode „An die Freude“ lautet die Überschrift der Intendanz von Johan Simons und so wollen wir uns von der Koproduktion mit dem Thalia Theater gänzlich umschlingen, verführen, mitreißen lassen.

Die Trilogie, die sich über alle drei Jahre der Spielzeit erstreckt, ist eines der zentralen Projekte des Festivals. Nach „Liebe“ im letzten Jahr folgt mit „Geld“ nun der zweite Teil der „Trilogie meiner Familie“. Die literarische Vorlage bildet der sich auf 20 Bände erstreckende Familienepos „Les Rougon-Macquart“, die Geschichte einer weitverzweigten französischen Familie zur Zeit der industriellen Revolution. In „Geld“ hat Perceval die Einzelbände „Nana“, „Das Paradies der Damen“ und „Das Geld“ in parallel laufende Handlungsstränge verwoben.

Zola schildert in naturalistischer Genauigkeit zum einen das frühkapitalistische Aufkommen großer luxuriöser Kaufhäuser und die genial-perfiden Tricks zum Gewinnen von vornehmlich weiblicher Kundschaft. Der andere Handlungsstrang widmet sich dem Schicksal von Nana, gespielt von der bemerkenswerten Maja Schöne. Sie ist die Tochter der verarmt und alkoholsüchtig verstorbenen Wäscherin Gervaise, die wir 2015 in „Liebe“ kennengelernt haben. Nana versucht als Schauspielerin der Armut zu entkommen. Zwar zeigt sich ganz Paris an ihrem Liederabend beeindruckt, jedoch nicht wie erhofft von ihrem Talent, sondern von ihrer Schönheit und weiblichen Anmut. In der vornehmlich männlichen Welt des aufkommenden Kapitalismus ein geldwertes Gut.

© Alexander Bednarz

© Alexander Bednarz

Dargeboten wird das Ganze in der eindrucksvollen alten Gießhalle im Landschaftspark Duisburg-Nord. Die alten Maschinen, stählernen Rohre und nicht zuletzt der wuchtige Gießofen bilden eine ebenso eindrucksvolle wie passgenaue Kulisse um das Bühnenbild von Annette Kurz. Auf der sich steil auftürmenden, hölzernen Welle geht es für die Schauspieler analog zum Schicksal der Figuren auf und ab – gleiten, taumeln, straucheln sie. Der Zeichner Alexander Bednarz bringt mit dem Zeichenstift Figuren, Darsteller, Textvorlage und die besondere Spielstätte zusammen. Er verfolgt über drei Jahre den Probenprozess von „Liebe-Geld-Hunger: Trilogie meiner Familie“ von Luk Perceval nach Emile Zola. Die Arbeiten werden bis zum 11. September im Pumpenhaus des Landschaftsparks Nord in Duisburg ausgestellt. Besonders ist nicht zuletzt auch die Musik von Ferdinand Försch. Der Klangkünstler beschäftigt sich schon seit 1982 mit dem Bau neuer Musikinstrumente, Klangskulpturen und Klanginstallationen. Weit über 100 Klangwerke aus verschiedensten Materialien hat er erfunden und gebaut. In Duisburg bringt der in Hamburg ansässige Künstler mit einigen seiner Instrumente den alten Gießofen zum Klingen.

Landschaftspark Duisburg-Nord | Julian Röder für die Ruhrtriennale

Landschaftspark Duisburg-Nord | Julian Röder für die Ruhrtriennale

Ihr schafft es nicht aus Hamburg heraus? Kein Problem. Manets Bildnis von Nana ist ein zentrales Kunstwerk der Sammlung und auch nach dem Ende der Ausstellung „Manet – sehen. Der Blick der Moderne“ noch zu sehen. Ihr könnt euch ein Bild von ihrer Schönheit also auch in der Hamburger Kunsthalle machen. Außerdem kommt „Geld“ nach der Triennale auch zu uns ins Thalia Theater.

Zu guter Letzt wäre der Pott nicht der Pott ohne seine, nun ja, kulinarischen Highlights. Da wäre zum Beispiel die Essener Stauder-Brauerei und ihr ziemlich sympathisches Pils. Die obligatorische Currywurst kriegt ihr eh an jeder Ecke, wer Wert auf große Namen legt, geht zum Profi-Grill in Wattenscheid.

WANN: Die Triennale umschlingt ihr Publikum noch bis zum 24. September. Geld wird am Mittwoch, den 7. September uraufgeführt, die Premiere im Thalia Theater ist am 1. Oktober.
WO: Die Ruhrtriennale findet an 24 Spielstätten in Bochum, Bottrop, Dinslaken, Dortmund, Duisburg, Essen, Gladbeck, Hamm, Marl und Mülheim an der Ruhr statt. „Geld“ wird während des Festivals in der alten Gießhalle in Duisburg inszeniert und kommt danach ins Thalia Theater.

 

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