DOUBLE TAP #3
Richie Culver

24. April 2018 • Text von

Im Gemeindezentrum ist „Ragga Night“ und ihr könnt dabei sein – Richie Culver lädt ein. Der Brite begegnet Trostlosigkeit mit Humor, beweist Mut zur Leerstelle und zeigt mit einer Ausstellung bei ZWEISIEBEN in Karlsruhe, dass seine Arbeit nicht nur auf Instagram ein absoluter Hingucker ist.

Ausstellungsansicht “Ragga Night at the community centre”, Zweisieben, Karlsruhe.

„Lass den Keiler raus“, stand auf einer seiner Arbeiten. Auf Englisch und „boar“ musste erstmal nachgeschlagen werden. Es war auch noch ein rosafarbener Hase zu sehen. Jedenfalls hatte das Ganze einen Charme, der mich nie wieder richtig losgelassen hat. Richie Culver hat diese großartige Art, niedliche Tiere, Lacoste-Logos oder Prinzessin Diana auf weiße Flächen zu verpflanzen und kombiniert mit simplen Textfetzen wilde Gedankengänge anzustoßen.

Richie wurde 1979 in einem Randbezirk der britischen Stadt Hull geboren. Nach Stationen in New York und Berlin lebt er mittlerweile wieder in London. Sein Instagram-Kanal @richieculver hat über 8000 Abonnenten und macht so viel Spaß, dass Richie Teil unserer Interview-Reihe TOUBLE TAP werden musste.

gallerytalk.net: Wer deine Ausstellung bei ZWEISIEBEN in Karlsruhe besucht, wird gleich wärmstens willkommen geheißen in der Hölle. Was für Qualen stehen einem bevor?
Richie Culver: Das „Welcome to Hell“ kommt von den Sticheleien, mit denen die Fans von Galatasaray (Istanbuler Fußballverein; Anm. d. Red) englischen Clubs begegnen, wenn sie in ihrem Stadion spielen. Das hat echt Eindruck bei mir hinterlassen, als ich jünger war. So eine Atmosphäre kannte ich vom Fußball bis dahin nicht. Im ersten Raum der Ausstellung stimmt „Welcome to Hell“ thematisch auf die anderen beiden Räume ein. Mit den meisten meiner aktuellen Arbeiten nehme ich Bezug auf den Brexit und die Situation, in der sich mein Heimatland Großbritannien im Moment befindet. Ich war immer ziemlich stolz auf mein Land, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Verwirrung und Leere bestimmen den ersten Raum meiner Show. Ich denke, dass ist ein passendes Bild für England im Jahr 2018.

Richie Culver.

Du hast exzessive Jahre hinter dir – gequälte Künstlerseele inklusive. Heute scheint da immer mehr ausgeglichener Familientyp hervor. Wie würdest du dich in deinem Schaffensprozess dieser Tage verorten?
So wie ich jetzt arbeite, hätte ich es zu keinem anderen Zeitpunkt meiner Karriere gekonnt. Dass ich Vater geworden bin, hat sich definitiv auf meine Arbeit ausgewirkt – auch wenn es schwer ist, zu sagen, inwiefern genau. Ich habe begonnen, autobiografisch zu arbeiten. Meine Vaterschaft markiert für mich als Künstler einen deutlichen Wendepunkt. Fast alles, was war, bevor mein Sohn geboren wurde, habe ich losgelassen. Dieses alte Leben ist nun Gegenstand meiner Malerei. Ich bin gerade sehr kreativ. Die ganze Zeit über arbeite ich an irgendetwas.

Deine Kunst wirkt zugänglich, weil du bekannte Motive wie Marken oder Stars verwendest. Trotzdem fühlt sie sich persönlich an. Wie viel von dir selbst gibst du Preis?
Das sehe ich genau so. Ich versuche, Zustände der Hoffnungslosigkeit zu malen. Es geht um Underdogs, ums Hadern und Kämpfen. Damit bewege ich mich in den Grauzonen der Gesellschaft. Arbeitsamt, alleinerziehende Mütter, Spielsucht, Greyhound-Rennen – das sind Themen, die auf den ersten Blick nicht sonderlich romantisch wirken. Ich will Hoffnung geben in scheinbar auswegslosen Situationen. Die Titel meiner Arbeiten sind wichtig. Für gewöhnlich verraten sie ein bisschen über das, was zu sehen ist. Trotzdem bleibt dem Betrachter genug Raum, sich selbst Gedanken zu machen. In der teilweisen Offenbarung besteht auch Anziehungskraft.

Ausstellungsansicht “Ragga Night at the community centre”, Zweisieben, Karlsruhe.

Im Kunstunterricht in der Schule hättest du vermutlich zu hören bekommen, deine Bilder seien nicht fertig. Da ist immer noch eine Menge Platz auf der Leinwand. Wann ist eine Arbeit für dich komplett?
Diese Leerstellen nehmen bei meinen Bildern eine Schlüsselstellung ein. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich das Selbstbewusstsein hatte, weiße Stellen weiß zu lassen und nicht einfach mehr dazu zu malen. Ich arbeite ja durchaus figurativ. Leerstellen und fehlende Farbe lassen die Arbeiten insgesamt jedoch abstrakter erscheinen. Ich habe mich ganz bewusst dazu entschieden, das so zu machen. Eine Arbeit ist fertig, wenn die Komposition stimmt.

Oftmals malst du deinen Arbeiten einen Rahmen auf. Was würdest du davon halten, wenn jemand ein Bild von dir tatsächlich rahmen würde?
Aufgrund der weißen Stellen brauchen die meisten meiner Arbeiten einfach so einen Rahmen. Ich gebe Bildern Raum zum Atmen und diesen Raum begrenze ich. Für eine Gruppenausstellung habe ich letztens aber auch mal drei Arbeiten richtig gerahmt. Das hat tatsächlich ziemlich gut ausgesehen.

Legst du großen Wert darauf, wer deine Arbeiten kauft und stimmt es, dass die Sängerin Adele ein Bild von dir besitzt?
Ich habe gemischte Gefühle, wenn es darum geht, wo meine Arbeiten landen. Adele ist eine Freundin von mir. Ich habe ihr vor vielen Jahren eine Arbeit zum Geburtstag geschenkt.

Wenn du dir aussuchen könntest, wer noch etwas von dir besitzen sollte, wer wäre das?
Hmm … Vielleicht Javier Peres (der Mann hinter der Berliner Galerie Peres Projects; Anm. d. Red.), ich bewundere sehr, was er macht – seine Galerie und die Auswahl seiner Künstler. Auf persönlicher Ebene fände ich die Boxer Billy Joe Saunders oder Tyson Fury cool.

Ausstellungsansicht “Ragga Night at the community centre”, Zweisieben, Karlsruhe.

Ist Instagram für dich ein Aspekt künstlerischen Ausdrucks oder vor allem ein Mittel, um dich ins Gespräch zu bringen?
Instagram eigenet sich hervorragend dazu, mit Menschen in Kontakt zu treten. Manchmal kann die Plattform als Schaufenster fungieren. Ich bin mir sicher, viele Karrieren haben dort Fahrt aufgenommen, aber genau so viele sind darüber den Bach runtergegangen. Für mich haben sich über meinen Account schon viele Chancen ergeben. Ich konnte mich mit Sammlern und Galerien vernetzen und wurde für Ausstellungen angefragt.

Du hast mal in einem Interview gesagt, du würdest ungern längere Zeit mit demselben Medium arbeiten, damit du nicht zu bequem wirst. Sieht ein Richie Culver also bald wieder ganz anders aus?
(lacht) Ich glaube, ich erinnere mich noch daran. Allerdings bin ich sicher, dass ich noch eine ganze Weile so malen werde, wie ich es gerade tue. Ich habe das damals gesagt, weil ich jung und frustriert war. Ich musste noch meinen eigenen Stil finden. Jetzt in diesem Moment fühlt sich alles richtig an. Ich liebe, was ich mache und es gibt noch so viel, über das ich malen will.

WANN: Die Ausstellung “Ragga Night at the community centre” läuft noch bis Freitag, den 4. Mai.
WO: ZWEISIEBEN, Karlsruhe

Mehr von Richie Culver gibt es natürlich auf seinem Instagram-Kanal.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, in welche Instagramer wir uns beim Scrollen im Bett verguckt haben.

#1 Esteban Schimpf
#2 Leah Schrager