DOUBLE TAP #1
Esteban Schimpf

15. Februar 2017 • Text von

Esteban Schimpf hätte mit uns eigentlich ein Hühnchen zu rupfen gehabt. Er hat das Huhn, dann aber Huhn sein lassen und lieber erzählt, wieso Fotografie allein seiner Meinung nach zur Kunst nicht taugt und wie er all die Nackten vor die Linse bekommt.

Esteban Schimpf: Untitled (The Sculptor's Studio and The Minotaur) No.1, 2017, Archival pigment print.

Esteban Schimpf: Untitled (The Sculptor’s Studio and The Minotaur) No.1, 2017, Archival pigment print.

Okay, die Sache ist folgende: Seit Ewigkeiten sollten sie her, die Interviews mit tollen Leuten, mit denen wir uns über Instagram hin und her geherzt haben. Monate hat es gedauert. Jetzt geht es los. Esteban Schimpf war der Allererste, dem wir von großen Plänen trällerten und, weil er uns trotz Planungsstau noch immer gewogen scheint, soll er nun auch der Erste sein, den wir in unserer Reihe DOUBLE TAP vorstellen.

Esteban wurde 1986 in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá geboren. Mittlerweile lebt er unter kalifornischer Sonne in Los Angeles. Dort hat er auch sein Atelier. Sein Instagram-Kanal @esteban_schimpf hat über 5500 Abonnenten.

Esteban Schimpf: Bonnie (Dance after Matisse), 2016, Archival pigment print, 112 x 179 cm.

Esteban Schimpf: Bonnie (Dance after Matisse), 2016, Archival pigment print. 112 x 179 cm.

gallerytalk.net: Die Menschen, die du zeigst, wirken immer sehr ruhig. Versuchst du, in ihrem Ausdruck eine bestimmte Stimmung oder Emotion einzufangen?
Meinen Figuren ist eine gewisse Leere eigen. Sie sind gleichzeitig niemand und jeder. Ich will nicht die Persönlichkeit des Einzelnen einfangen, sondern dessen Menschlichkeit. Sie ist es, die das Individuum mit dem Rest der Menschheit eint. Ich erschaffe Skulpturen, damit wir uns selbst sehen können, auch wenn wir jemand anderen betrachten.

Esteban Schimpf: Für deine Arbeit musst du immer wieder Menschen finden, die bereit sind, sich für dich auszuziehen. Wie gelingt dir das?
Esteban Schimpf: Menschen fühlen sich in meiner Gegenwart wohl, da habe ich Glück. Außerdem liegt mein Studio versteckt auf einem Berg. Das ruhige Setting nimmt den Leuten ihre Befangenheit. Für manche von ihnen ist es das erste Mal, dass sie nackt vor der Kamera posieren. Aber auch für die professionellen Models ist es ungewohnt, mit einem Künstler zusammenzuarbeiten – übergossen mit nassem und klebrigem Zeug. Viele von ihnen erzählen mir später, wie viel Spaß sie hatten. Sie kommen wieder und lassen sich nochmal fotografieren. Ich glaube, die Leute mögen das Abenteuer. Nackt sein ist befreiend.

Esteban Schimpf: Untitled (Pablo with Stagmomantis californica), Archival pigment print, 114 x 91 cm, 2016.

Esteban Schimpf: Untitled (Pablo with Stagmomantis californica), Archival pigment print, 114 x 91 cm, 2016.

Auf deiner Website verkündest du: „Fotografie ist keine Kunst, man drückt einfach einen Knopf.“ Sollten wir uns also einfach des ganzen Genres entledigen?
Fotografie muss hinauswachsen über die Grenzen ihrer ursprünglichen mechanischen Genialität und ihrer fast magischen Fähigkeit, das Leben sichtbar werden zu lassen. Es sind ihre Vorzüge, die mich die Fotografie mit Skepsis betrachten lassen. Mit wenig bis gar keinem Aufwand lassen sich Bilder kreieren, die dem Betrachter einen Sinn vermitteln, ohne dass er lange nachdenken muss. Allein durch ihre Existenz haben Fotografien eine Bedeutung; sie brauchen keinen Künstler, der ihnen Bedeutung verleiht. Ich finde, jeder tiefere Sinn einer Arbeit wird zunichtegemacht, wenn man sie verstehen kann, ohne überlegen zu müssen. Das ist Gedankenlosigkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Ist es nicht aber genau der Zweck der Kunst, einen tieferen Sinn zu suchen?

Das will ich nicht entscheiden! Zur Ablenkung: Wusstest du, dass dein Nachname Schimpf auf deutsch ein anderes Wort für Beleidigung ist?
Ja, aber im Althochdeutschen hat Schimpf noch Scherz bedeutet. Dass es gegenwärtig meint, jemanden zu kränken oder für Empörung zu sorgen, passt aber ganz gut. Ich lache zwar viel, aber ich kann auch ein Bad Boy sein.

Icarus and Other Mythologies 2016

Ausstellungsansicht. Esteban Schimpf: „Icarus and Other Mythologies“, 2016.

Würdest du deine Arbeiten denn als sexy oder provokativ bezeichnen?
Ich arbeite mit Schönheit und Schönheit kann sexy sein, selbst wenn sie grotesk ist. Schönheit zieht mich an. Ob meine Arbeiten provoaktiv sind, ist schwer zu sagen. Weibliche Nacktheit wurde im Verlauf der Geschichte so übermäßig abgebildet, dass es beinahe unmöglich geworden ist, sie provokativ zu inszenieren. Der männliche Körper hingegen hat noch Potenzial – unter diesem Gesichtspunkt interessiert er mich auch mehr als der weibliche.

Dann legtst du es also nicht auf Provokation an?
Provokation ist sexy, aber sie sollte nicht zum Selbstzweck werden. So wie jeder andere Künstler auch, will ich den Betrachter zu einer Reaktion provozieren. Es langweilt mich aber, gezielt um eine bestimmte Reaktion zu werben. Sir Kenneth Clark (britischer Kunsthistoriker; Anm. d. Red.) hat hinsichtlich des Erotischen einmal gesagt: „Kein Akt, egal wie abstrakt, sollte daran scheitern, im Betrachter eine Spur erotischen Gefühls zu erregen, sei es auch nur der leiseste Schatten – und wenn das nicht gelingt, ist es schlechte Kunst und schlechte Moral.“

Esteban Schimpf: Melt No.1 (Jacob), 2016 Archival pigment print, 112 x 137 cm.

Esteban Schimpf: Melt No.1 (Jacob), 2016, Archival pigment print, 112 x 137 cm.

Und du hast einmal gesagt, dass du für gewöhnlich versuchst, zu zerstören, was du herstellst. Das musst du erklären!
Kunst ist ein Akt der Gewalt gegen die Wirklichkeit. Der Künstler rebelliert gegen den Zustand der Welt, indem er sie um etwas Neues erweitert, was so vorher noch nicht da war. Der Künstler sagt Nein zur Realität. Indem er sie leugnet, versucht er sie zu verbessern und neu zu erschaffen. Das macht sich schon in den leisesten und bescheidensten Gesten bemerkbar. Wie viele Teenager war auch ich als Teenager besessen von Nietzsche. Sein erstes Buch „Die Geburt der Tragödie“ hat meine Entwicklung stark beeinflusst. Die Idee, dass aus der Dekonstruktion die Schöpfung geboren wird, hat mich nie losgelassen.

Auch von griechischer Mythologie lässt du dich immer wieder inspirieren. Was reizt dich an den alten Erzählungen?
Die Geschichten haben sich über all die Zeit bewährt. Sie sind anachronistisch und im Allgemeinen unmodisch. Das zieht mich an. Ich wollte nie modisch sein. Es gibt nichts Unmodischeres, als modisch zu sein.

Esteban Schimp: Untitled (Helen and Clytemnestra) No.1, 2016, 140 x 178 cm.

Esteban Schimp: Untitled (Helen and Clytemnestra) No.1, 2016, 140 x 178 cm.

Mit deinen Instagram-Aktivitäten bist du – wenn schon nicht modisch – doch jedenfalls am Puls der Zeit. Wie ist es für dich als Künstler deine Arbeiten so zu präsentieren?
Es ist großartig! Die Leute sind wahnsinnig nett. Sie verteilen eine Menge Likes und sagen nette Sachen. Ich bin ein Perfektionist und hasse folglich nahezu alles, was ich mache. Die Wertschätzung auf Instagram bedeutet für mich Erleichterung und Inspiration. Falls einer von euch das hier liest: Danke! xoxo

Mehr von Esteban – unter anderem eine kleine Doku – gibt es auf seiner Website und natürlich auf seinem Instagram-Kanal.

In unserer Interview-Reihe DOUBLE TAP zeigen wir euch, in welche Instagramer wir uns beim Scrollen im Bett verguckt haben.